«Manche zweifeln sogar daran, ob ihre Penisgrösse ausreicht»

- Ex-Fussballprofi Christoph Kramer (35) sorgt für Aufsehen: 80 bis 90 Prozent seiner Mitspieler hätten am Ende seiner Karriere mit Boxershorts geduscht.
- Kinder- und Jugendpsychologe Felix Hof erklärt das mit idealisierten Körperbildern in sozialen Medien und einem neuen Verständnis von Privatsphäre.
- Hof bewertet den Trend positiv: Junge Männer setzten damit bewusst persönliche Grenzen – das sei Ausdruck selbstbestimmter Nacktheit.
Die Aussage von Ex-Fussballprofi Christoph Kramer (35) sorgt für Aufsehen: Am Ende seiner Karriere hätten 80 bis 90 Prozent seiner Mitspieler mit Boxershorts geduscht. Vor allem die jüngeren Spieler würden sich zunehmend bedecken.
Dass dies auch im Amateurfussball vorkommt, bestätigt Leser Marco (33). «Bei uns duschen die meisten zwischen 30 und 50 ganz selbstverständlich nackt.» Als ein neuer Mitspieler unter 25 in Boxershorts geduscht habe, hätten alle verwundert geschaut. «Wir dachten, er habe vielleicht ein Problem im Intimbereich. Ausgelacht hat ihn niemand.» Erst durch Kramers Aussagen sei ihm klar geworden: «Offenbar ist das eine Generationenfrage.»
Auch Kinder- und Jugendpsychologe Felix Hof beobachtet bei jungen Männern ein verändertes Körperempfinden und Schamgefühl, wie er im Interview erklärt.
Herr Hof, warum duschen junge Männer plötzlich mit Boxershorts statt nackt?
Ein wesentlicher Grund sind idealisierte Körperbilder in sozialen Medien und in der Pornografie. Junge Männer vergleichen sich zunehmend mit solchen Idealen und fühlen sich unter Druck, ihnen entsprechen zu müssen. Hinzu kommt ein verändertes Verständnis von Privatsphäre: Für viele junge Männer gehört Nacktheit heute klar zur Intimsphäre, die sie stärker schützen möchten.
Was richten diese Körperideale bei jungen Männern an?
In meiner Praxis erlebe ich, dass gerade junge Männer aus dem Mannschaftssport ihren Penis mit dem anderer vergleichen. Manche zweifeln deshalb sogar daran, ob sie ein funktionsfähiger Mann sind und ob ihre Penisgrösse ausreicht. Solche Vergleiche können stark verunsichern.
Schämen sich junge Männer heute also mehr für ihren nackten Körper?
Nicht unbedingt. Junge Männer betrachten wie gesagt Nacktheit zunehmend als etwas Privates, das sie schützen möchten. Hinzu kommt, dass sie Nacktheit häufiger mit Sexualität verbinden. Sich nackt zu zeigen, kann für sie auch bedeuten, den eigenen Körper als Sexualobjekt zu präsentieren.
Steckt dahinter Unsicherheit oder Selbstbestimmung?
Für mich ist es vor allem Ausdruck selbstbestimmter Nacktheit. Dahinter steckt die Haltung: Ich bestimme selbst, wer mich wie nackt sieht. Es geht darum, persönliche Grenzen zu setzen.
Wie stehst Du dazu, dass junge Männer in der Garderobe oder unter der Dusche eher bedeckt bleiben?
Ist das neue Schamgefühl problematisch?
Nein, grundsätzlich sehe ich darin sogar eine gesunde Entwicklung. Ich bin kein Fan von falscher oder krankhafter Scham. Aber ich befürworte klare persönliche Grenzen, wenn es darum geht, wie viel man von seinem Körper zeigt und wie man sich mit anderen vergleicht. Dass junge Männer ihre Intimsphäre bewusster schützen, finde ich positiv.
Warum haben ältere Männer damit offenbar weniger Probleme?
Sie sind anders aufgewachsen. Gemeinschaftsduschen waren für sie schon in der Schule oder nach dem Schwimmunterricht selbstverständlich. Sie kennen das Nacktduschen seit Jahrzehnten und haben entsprechend andere Körpererfahrungen gemacht.
Werden nun plötzlich die Nacktduscher zu Aussenseitern?
Natürlich ist das zunächst für die Nacktduscher ungewohnt, und es können Verunsicherung und Befremdung entstehen. Einen eigentlichen Druck sehe ich aber nicht. Es entsteht schlicht ein neues Bewusstsein von Nacktheit.
Ist damit ein Generationenwandel bewiesen?
Aus psychologischer Sicht beobachte ich tatsächlich eine Verschiebung. Trotzdem wäre es problematisch, diese bereits zu verallgemeinern. Wir sehen momentan eine Entwicklung, wissen aber noch nicht genau, in welche Richtung sie geht.
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
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