Ist der Charger noch ein echtes Muscle-Car?

Dodge-Ikone ohne legendären V8, dafür auch elektrisch
Ist der Charger noch ein echtes Muscle-Car?
Der Dodge Charger gilt als Archetyp eines US-Muscle-Cars, bricht in der Neuauflage aber mit der traditionsreichen Vergangenheit. Das Achtzylinder-Wummern weicht nicht weniger kraftvollen Sechszylinder- und Elektro-Antrieben. Ist das das Ende der Muscle-Car-Ikone?
Publiziert: vor 20 Minuten
- Der neue Dodge Charger ersetzt den Hemi-V8 durch Sechszylinder- und Elektroantriebe mit Allrad
- Mit 5,25 Metern Länge, viel Fondplatz und 1059 Litern Kofferraum wird er alltagstauglicher
- Das schwere Auto bleibt auf Geradeauslauf ausgelegt, Ende der Schnäppchen-Preise
Der Dodge Charger – Traumwagen mehr als nur einer Generation. Nun bricht das US-Muscle-Car mit seiner traditionsreichen Geschichte. Der legendäre Hemi-V8 verschwindet, stattdessen nehmen moderne Sechszylinder- beziehungsweise sogar Elektroaggregate seinen Platz ein und schicken ihre Kraft erstmals an alle vier Räder. Neu ist der Charger ausserdem nicht nur als Zwei-, sondern auch als praktischerer Viertürer zu bekommen. Blick war in der Neuinterpretation des amerikanischen Sportwagentraums unterwegs und sagt, wie viel Muscle-Car tatsächlich noch im Dodge Charger steckt.
Optik/Innenraum
Die achte Auflage ist sofort als Charger zu erkennen: Mit einer Länge von 5,25 Metern und einer Breite von über zwei Metern besitzt der Wagen eine imposante Strassenpräsenz und bringt als elektrische Daytona-Variante ein absurdes Gewicht von fast 2,7 Tonnen auf die Waage! Beim Benziner sind es rund 500 Kilo weniger. Dafür verblüfft der neue Charger mit einer nie dagewesenen Alltagstauglichkeit: Der Innenraum ist riesig, das Platzangebot im Fond hervorragend und die versteckte Heckklappe verleiht ihm eine Praktikabilität, die dem alten Challenger stets fehlte. Dodge verspricht fünf Sitzplätze und ein Kofferraumvolumen von bis zu 1059 Litern – damit ist das Fahrzeug weitaus vielseitiger, als es die Muscle-Car-Silhouette vermuten lässt.
Antrieb
Die Benziner tragen die Bezeichnung «Sixpack» und werden von einem Dreiliter-Hurricane-Reihensechszylinder mit Biturbo-Aufladung angetrieben. Der Charger R/T leistet 420 PS und entwickelt ein Drehmoment von üppigen 635 Nm, während das Topmodell Scat Pack auf 550 PS und 720 Nm kommt. Besonders letzteres ist ungemein schnell und kraftvoll (0–100 km/h in 4,4 s) und dabei auf eine Weise unterhaltsam, die dem Namen alle Ehre macht. Dabei mag dem Hurricane-R6 zwar jener Charme des alten Hemi-V8 fehlen, doch von aussen betrachtet klingt er überraschend gut. Im Innenraum hätten die Amis auf die künstliche Klangverstärkung via Lautsprecher aber verzichten können.
Dodge Charger Sixpack Scat Pack im Schnellcheck
Antrieb: 3,0-Liter Reihensechszylinder mit Turbo-Aufladung, 550 PS (404 kW)@6200/min, 719 Nm@3500/min, Achtgang-Automatik, Allrad
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h 4,4 s, Spitze 285 km/h
Masse: L/B/H 5,25/2,03/1,50 m, Leergewicht 2184 kg, Kofferraum 644–1059 l
Umwelt: WLTP 12,4 l/100 km, 365 g/km CO₂ Energieeffizienz G
Preis: ab 91'800 Franken
Antrieb: 3,0-Liter Reihensechszylinder mit Turbo-Aufladung, 550 PS (404 kW)@6200/min, 719 Nm@3500/min, Achtgang-Automatik, Allrad
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h 4,4 s, Spitze 285 km/h
Masse: L/B/H 5,25/2,03/1,50 m, Leergewicht 2184 kg, Kofferraum 644–1059 l
Umwelt: WLTP 12,4 l/100 km, 365 g/km CO₂ Energieeffizienz G
Preis: ab 91'800 Franken
Ausserdem bietet Dodge den elektrischen Daytona R/T mit 536 PS und den Daytona Scat Pack mit 670 PS an – das Topmodell liefert über die sogenannte Powershot-Funktion für zehn Sekunden sogar zusätzliche 40 PS und beschleunigt damit in 3,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Doch auch beim heftig antretenden Daytona zeigt sich ein Sound-Zwiespalt: Dodge hat sich zwar bemüht, ihm durch das «Fratzonic Chambered Exhaust»-System eine eigene Persönlichkeit zu verleihen, das mittels Passivmembranen ein künstliches Klangprofil im Innern erzeugt. Das ist zwar interessanter als das lautlose Fahren eines E-Autos und vermittelt ein besseres Gefühl für die Geschwindigkeit, wirkt aber allzu künstlich.
Fahrverhalten
Sowohl die Benzin- als auch die Elektroversionen vermitteln auf der Strasse ein deutliches Gefühl von Schwere. Nicht gerade unhandlich, aber von einer gewissen Wucht, die das gesamte Fahrverhalten prägt. Dabei hat die US-Stellantis-Tochter das Auto auf Strassenpräsenz, Geradeauslauf und ein emotionales Erlebnis ausgelegt und bietet so weniger jene Präzision und Dynamik, die man von einer europäischen Sportlimousine wie einem BMW M3 / M4 (kommt ebenfalls elektrisch) oder Audi RS5 kennt. Den typischen Muscle-Car-Charakter hat der Charger also bewahrt: Das Auto fühlt sich auf der Geraden wohler als bei dem Versuch, als Präzisionswerkzeug für die Rennstrecke zu glänzen.
Dodge Charger Daytona Scat Pack im Schnellcheck
Antrieb: Zwei Elektromotoren, 680 PS (500 kW), 850 Nm, Eingang-Automatik, Allrad
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h 3,3 s, Spitze 216 km/h, Batterie netto 93,9 kWh, max. Ladeleistung AC/DC 11/183 kWh, Ladezeit 5–80 Prozent in 33 min
Masse: L/B/H 5,25/2,03/1,50 m, Leergewicht 2650 kg, Kofferraum 644–1059 l
Umwelt: WLTP 24,0 l/100 km (geschätzt), 0 g/km CO₂, Reichweite 418 km
Preis: ab 94'000 Euro (Schweizer Preise nicht bekannt)
Antrieb: Zwei Elektromotoren, 680 PS (500 kW), 850 Nm, Eingang-Automatik, Allrad
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h 3,3 s, Spitze 216 km/h, Batterie netto 93,9 kWh, max. Ladeleistung AC/DC 11/183 kWh, Ladezeit 5–80 Prozent in 33 min
Masse: L/B/H 5,25/2,03/1,50 m, Leergewicht 2650 kg, Kofferraum 644–1059 l
Umwelt: WLTP 24,0 l/100 km (geschätzt), 0 g/km CO₂, Reichweite 418 km
Preis: ab 94'000 Euro (Schweizer Preise nicht bekannt)
Zu gut spürbar sind die Karosseriebewegungen in Kurven, zu träge die Schaltvorgänge des Achtgang-Automatikgetriebes selbst im manuellen Modus. Dabei hilft es auch nicht, dass Dodge das Fahrzeug mit einer Mehrlenker-Vorderachse, Einzelradaufhängung hinten, adaptiven Dämpfern und – bei den leistungsstärkeren Modellen – einer leistungsfähigen Brembo-Bremsanlage ausgestattet hat. Einen saftigen Donut auf den Asphalt zu ziehen, ist aber zumindest bei den Top-Modellen trotz Allrad- statt typischem Heckantrieb weiterhin möglich: Die Sixpack-Varianten können auf Knopfdruck die gesamte Motorleistung an die Hinterräder leiten.
Preise
Die Zeiten eines bezahlbaren Muscle-Cars sind nicht erst mit der nunmehr achten Auflage vorbei. Beim zweitürigen Dodge Charger Sixpack R/T geht es in Deutschland bei rund 72'000 Euro los, während das elektrische Topmodell Daytona Scat Pack mindestens 94'000 Euro kostet. Die viertürigen Versionen sind dabei jeweils etwas teurer. In der Schweiz wird die neueste Ausführung der wuchtigen Ikone über einige Direktimporteure vertrieben, wobei zum Beispiel das Sechszylinder-Topmodell ab 91'800 Franken angeboten wird. Ein US-Schnäppchen für hiesige Strassen darf man also nicht erwarten.
Fazit
Ganz klar: Der neue Charger hat zwar Schwächen, aber er fasziniert nach wie vor. Das Muscle-Car ist zu gross für viele europäische Strassen, zu schwer für echte Agilität und muss erst noch beweisen, wie es die emotionale Anziehungskraft des V8 ersetzen kann. Doch es besitzt Charakter, Präsenz, viel Platz und einen Fahrspass, der heutzutage immer seltener wird. Der Charger bleibt unverkennbar ein Dodge: mit einer lautstarken Persönlichkeit – auch wenn nicht immer die Zylinderzahl den Ton angibt.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.