Transnationale Desinformation: Eine Galaxie der Manipulation

Faktenchecker haben es zunehmend mit Desinformationen zu tun, die sich global verbreiten – auch in Lateinamerika. Beteiligt sind oft ausländische Mächte.
Foto: Alexandre Meneghini/reuters
„Auf frischer Tat ertappt“ – so ging 2025 ein Video viral, das den Eindruck erwecken sollte, der deutsche Kanzler Friedrich Merz, der französische Präsident Emmanuel Macron und der britische Premierminister Keir Starmer seien mit „einem Beutel Kokain“ erwischt worden. Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich bei dem Gegenstand nicht um eine Tüte Kokain handelte, sondern lediglich um ein Taschentuch.
Falschinformationen verbreiten sich mittlerweile rasend schnell über die Kontinente hinweg. Die genannte Meldung kursierte etwa in Bolivien, Chile, Mexiko, Venezuela, Brasilien, den Vereinigten Staaten, Australien und möglicherweise auch in anderen Ländern. Sie fügt sich in das Narrativ ein, das dem ukrainischen Präsidenten und seinen Verbündeten den Konsum von Kokain vorwirft, wobei das bereits mehrfach widerlegt wurde.
Euromérica-Workshop
15 Journalist:innen aus 12 Ländern Lateinamerikas nehmen am Workshop „Euromérica“ der taz panterstiftung teil. Es geht um Chancen und Herausforderungen des EU-Mercosur-Abkommens und die lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen. Am 5. 12. erscheint dazu eine Beilage in der taz, am 9. 12. gibt es einen öffentlichen Talk in der taz Kantine. Alle Texte finden Sie hier.
Diese Fälle sind aus dem Ausland gesteuerte Operationen zur Manipulation des Informationsflusses und als Fimi (Foreign Information Manipulation and Interference) bekannt. „Galaxia“ ist der Name, unter dem das EU-Projekt EUvsDisinfo eine Datenvisualisierung zu Desinformationen präsentiert, die mutmaßlich mit Fimi in Verbindung stehen. Das EU-Projekt verzeichnet dabei 19.813 Fälle von gezielter Desinformation zwischen 2015 und 2026.
Komplexe Netzwerke aus Ländern und Akteuren
Seine Visualisierung zeigt ein komplexes, wie eine Galaxie anmutendes Netzwerk von Verbindungen zwischen Ländern, Akteuren und Operationen. „Fimi ist ein Versuch, die öffentliche Meinung eines Landes aus einem anderen im Bereich der sozialen Netzwerke, der Algorithmen und der KI zu manipulieren“, erklärt die brasilianische Journalistin Beatriz Farrugia. Sie arbeitet als Fimi-Analystin für Debunk, eine gemeinnützige Organisation aus Litauen, und als Forscherin im Bereich Desinformation für die brasilianische Faktenprüfungsstelle Lupa.
Farrugia schlägt vor, Fimi von traditioneller politischer Einmischung abzugrenzen, da Erstere versucht, die Meinung der Menschen durch bewusst „verdeckte“ Online-Operationen zu beeinflussen. Eingeführt wurde der Begriff Fimi von der EU, laut der die Einmischung von außen „eine wachsende Bedrohung für die Sicherheit und die Außenpolitik der Europäischen Union darstellt“.
Die EU identifiziert Russland und China als Hauptakteure von Fimi-Operationen. Expert:innen weisen jedoch darauf hin, dass es selbstverständlich weitere Akteure gibt. „Dass Kampagnen bestimmter Länder nicht aufgedeckt werden, bedeutet nicht, dass es keine gibt“, sagt Coral García Dorado, Forschungskoordinatorin bei Maldita.es, einer spanischen Stiftung, die Fimi-Operationen untersucht. Doch könnten die Kampagnen oft keinem konkreten Land zugeordnet werden.
Foto: Lucas Llanes
Länderübergreifende Einflussnahmen
Ihre Ziele ähneln sich dabei aber häufig: „Wahlen manipulieren, Misstrauen gegenüber Institutionen schüren, die Gesellschaft spalten oder eigene Interessen in anderen Ländern fördern“, sagt Dorado. Die Fimi setzt dafür oft Desinformationen ein, doch dies ist nicht ihre einzige Taktik. Sie greift auch auf gefälschte Konten oder die künstliche Erzeugung von Trends zurück. Die Vorgehensweise ist meist so komplex, dass mehrere dieser Methoden gleichzeitig angewendet werden.
Bei der im September 2023 gestarteten prorussischen Operation Over Load/Matryoshka wurden etwa Faktenprüfer und Medien mit gefälschten Inhalten überflutet, um ihre Arbeit zu stören. Sie ist in Europa und Lateinamerika aktiv, darunter in Bolivien und Deutschland.
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Auch die Operation Portal Kombat/Red Pravda ist eine groß angelegte russische Desinformationskampagne. Eines ihrer Hauptziele ist es, Falschmeldungen und prorussische Propaganda in Europa in verschiedenen Sprachen zu verbreiten, insbesondere auf Französisch, Deutsch, Spanisch und Englisch. Es gelang ihr sogar, KI-Chatbots zu beeinflussen, die zur Generierung von Antworten genutzt wurden.
Währenddessen verbreitete das argentinische Portal „La Derecha Diario“, ein rechtsextremes Propagandamedium, in diesem Jahr falsche Informationen über eine Einwanderungswelle aus Marokko, die angeblich Brasilien erreicht habe. Die Beiträge stammten hauptsächlich von Konten in Argentinien, Brasilien und den Vereinigten Staaten.
Fehlende Rechtsgrundlage gegen Fimi
Angesichts der vielen ausländischen Einflussnahmen im Internet ist eine Debatte darüber dringend erforderlich, wie wir uns besser vor ihnen schützen können. Ein Problem dabei ist, dass es bisher keine internationalen Vereinbarungen gibt, die Fimi als illegal einstufen.
Zwar zielt das Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act, DSA) der Europäischen Union darauf ab, Desinformation einzudämmen, indem es große Plattformen dazu verpflichtet, die Risiken ihrer Algorithmen und Systeme zu bewerten. Doch speziell auf Fimi wird nicht eingegangen.
Laut Journalistin Farrugia nutzen Fimi-Operationen diese Rechtslücke aus. Es sei darum wichtig, die Souveränität einzelner Länder auch im digitalen Informationsraum besser zu schützen. Das Forschungsprojekt EUvsDisinfo schlägt eine Reihe von Maßnahmen vor: politische Werbung im Internet regulieren, staatlich kontrollierte Medien identifizieren, KI-generierte Inhalte transparent machen und von digitalen Plattformen mehr Verantwortung einfordern.
Zudem ist es sinnvoll, sich zusammenzuschließen und Allianzen zu schmieden, um Fimi auf transnationaler Ebene zu analysieren und effektive Gegenstrategien zu entwickeln. In der Zwischenzeit bleibt mir als Faktenprüfer keine andere Option, als diese komplexe Galaxie weiter zu erforschen und die Öffentlichkeit darüber aufzuklären.
Lucas Llanes ist ein bolivianischer Journalist und Faktenprüfer bei ChequeaBolivia.
Übersetzt aus dem Spanischen von Ole Schulz
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