Dürre in Deutschland und Europa: Je trockener, desto teurer
Es ist eine Negativspirale mit gravierenden Folgen: Die anhaltende Dürre in Europa führt zu ausgetrockneten Flüssen und Ernteausfällen. Die Folge: Transportkosten steigen und Nahrungsmittelpreise explodieren. Treibt Trockenheit die Inflation an?
Noch können Wirtschaftsforschungsinstitute die Auswirkungen auf die Inflationsrate nicht genau beziffern. Doch die Tendenz ist eindeutig.
"Wenn Rheinschiffe nur noch einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung transportieren können, steigen die Transportkosten pro Tonne deutlich", so Torsten Schmidt, Konjunkturchef des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI in Essen, zur DW.
Dies verteuere unter anderem Energieträger wie Diesel und Heizöl, die zu einem erheblichen Teil auf dem Wasserweg transportiert werden. Die höheren Kosten würden an die Konsumenten weitergegeben.
Ernteausfälle verteuern Nahrungsmittel
Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) berücksichtigt in ihren Statistiken die Folgen des weltweiten Temperaturanstiegs, der Extremwetterlagen und Ernteeinbußen.
Seit 2020 ziehen beispielsweise die Preise für Fleisch und Ölsaaten stark an (siehe Grafik). Insgesamt liegen die Nahrungsmittelpreiselaut FAO aktuell um rund 30 Prozent höher als 2020.
Auch neue Studien deuten mittlerweile daraufhin, dass Klimawandel und Wetterextreme sich auf die Teuerungsrate auswirken – zusätzlich zu den durch die Kriege im Iran und der Ukraine verursachten Lieferengpässen sowie Gas- und Ölpreisschocks.
Klimaextreme verursachen Preisschübe
Die im Juli 2025 veröffentlichte Studie "Climate extremes, food price spikes, and their wider societal risks"(auf Deutsch: "Klimaextreme, Preisschübe bei Lebensmitteln und Risiken für die Gesellschaft") warnt vor einer solchen Teuerungsspirale. An der Studie haben fünf Forschungseinrichtungen aus Europa sowie die Europäische Zentralbank (EZB) mitgewirkt.
"Für Zentralbanken könnte es zunehmend schwieriger werden, für stabile Preise zu sorgen, wenn häufigere Extremwetterereignisse die Lebensmittelpreise sowohl im Inland als auch auf den globalen Märkten volatiler machen", heißt es dort. Denn höhere Kaffeepreise in Brasilien oder Vietnam wirken sich auch auf die Inflation der EU aus (siehe Grafik)
Diese Herausforderungen könnten sich noch verschärfen, wenn anhaltende Temperaturanstiege dauerhaft die Inflation anheizen. Denn wenn Inflation mit höheren Zinsen bekämpft werde müsse, würde auch das Wirtschaftswachstum gedämpft.
Die EZB selbst hatte bereits 2023 eine Studie veröffentlicht, die zu demselben Ergebnis kam. In dem Papier "The asymmetric effects of weather shocks on Euro area inflation"(Deutsch: Die asymmetrischen Auswirkungen von Wetterextremen auf die Inflation im Euroraum) wurden die vier größten EU-Volkswirtschaften untersucht.
Unterschiedliche Inflationsraten innerhalb der EU
"Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse in Europa könnten zu einem anhaltenden Aufwärtsdruck auf die Inflation führen", heißt es dort. "Aufgrund der unterschiedlichen Auswirkungen solcher Schocks je nach Jahreszeit und Land legen unsere Ergebnisse zudem nahe, dass der Klimawandel die Unterschiede in der Inflationsentwicklung zwischen den Ländern des Euroraums verstärken könnte."
Laut EZB variierte die EU-Inflationsrate im Junizwischen 5,4 Prozent in Litauen und zwei Prozent in Frankreich. Deutschland lag mit 2,4 Prozent etwas unter dem EU-Durchschnitt 2,8 Prozent. Inflationstreiber sind mit 5,3 Prozent die hohen Transportkosten.
Niedrige Pegel: Binnenschiffer schlagen Alarm
"Hartnäckige Teuerung"
Ob die EZB angesichts gestiegener Kosten auf Wasserstraßen und vermutlich erheblicher Ernteeinbußen erneut die Leitzinsen anheben wird, ist fraglich. Sie hatte den Einlagesatz zuletzt am 11. Juni 2026 um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent erhöht.
"Für die Geldpolitik ist entscheidend, ob es sich um einen einmaligen, vorübergehenden Kostenschub handelt, oder ob sich dieser Effekt mit anderen Preistreibern überlagert, etwa den Energiepreisen infolge des Iran-Kriegs", erklärt RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt.
Bei einem "witterungsbedingten Preisschub" käme es vermutlich nicht zu einer "strafferen Geldpolitik", so Schmidt. Anders sähe es aus, wenn sich mehrere Krisen überlagerten und dadurch eine "breitere, hartnäckigere Teuerung entsteht, die die EZB nicht mehr ignorieren kann".
"Lager, Lager, Lager"
Finanzexperte Holger Schulz vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) empfiehlt in einer Stellungnahme des Verbandes: "Die deutsche Wirtschaft sollte wieder mit höheren Vorratsbeständen arbeiten. Wichtig ist nun vor allem eins: Lager, Lager, Lager."
Dies sei die Erkenntnis aus den Lieferengpass-Krisen der jüngsten Vergangenheit. "Egal ob Corona-Krise, Ukrainekrieg oder die Schließung der Straße von Hormus", so Schulz. "Höhere Lagerbestände sind in der an so vielen Fronten unberechenbaren Welt eine Art Versicherungsprämie."
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.