Russische Angriffe auf Kyjiw: Kein Versteck, nirgends

Die ukrainische Hauptstadt Kyjiw ist täglich russischen Angriffen ausgesetzt. Um Schutzräume aufzusuchen, bleibt vielen Menschen immer weniger Zeit.
Foto: Efrem Lukatsky/AP/dpa
Blankes Entsetzen in Solomjanskyj, ein Bezirk der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw. Ein Soldat an Krücken, Rentner*innen und Frauen mit Kindern sind an diesem Montag zu einer hiesigen Poliklinik gekommen. Doch das Gebäude, in dem noch gestern medizinische Hilfe geleistet worden war, ist zerstört.
Neben dem Eingang klafft ein schwarzer Krater – verursacht durch den Einschlag einer russischen ballistischen Rakete. „Ich hatte für heute einen Termin, aber jetzt sehe ich, dass alles in Trümmern liegt. Ein Glück, dass das nachts passiert ist. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viele Opfer es tagsüber gegeben hätte“, sagt die 68-jährige Rentnerin Marta, während sie in einer Grünanlage nahe dem Krankenhaus über Metalltrümmer einer Rakete steigt.
Das ganze Viertel gleicht einem Schlachtfeld: Über dem Skelett eines riesigen Einkaufszentrums steigt immer noch Rauch auf. Auch ein mehrstöckiges Wohnhaus, ein Spielplatz, ein Bürokomplex, Apotheken und ein McDonald’s-Restaurant sind zerstört.
In der vergangenen Nacht erfolgte ein russischer ballistischer Angriff auf Kyjiw, der sich in mehreren Wellen vollzog. Nach Angaben des Staatlichen Dienstes der Ukraine für Notfallsituationen kam ein Mensch ums Leben, acht weitere Personen wurden verletzt.
16 ballistische Raketen
Der Angriff erfolgte vor dem Hintergrund einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Ukraine und den USA. Die ukrainischen Luftstreitkräfte erklärten, die Ukraine habe von ihren amerikanischen Partnern keine Vorwarnung bezüglich der ersten Welle des ballistischen Angriffs erhalten.
„Wieder gab es keine Warnung von den Partnern. Erneut waren Energieanlagen und Infrastruktur das Ziel, doch auch eine Klinik, eine Schule, eine U-Bahn-Station sowie gewöhnliche Wohnhäuser wurden beschädigt“, schrieb auch Präsident Wolodymyr Selenskyj in seinen Social-Media-Kanälen. Insgesamt hätten die Russen 16 ballistische Raketen eingesetzt. Allein in einer Nacht seien mehr als zehn Anlagen der Energieinfrastruktur beschädigt worden, mindestens 550.000 Haushalte seien ohne Strom.
In Kyjiw herrscht nasses, regnerisches Herbstwetter. Seit dem frühen Morgen laufen Reparaturarbeiten. Rettungskräfte und städtische Dienste beseitigen Trümmer und versuchen, den U-Bahn-Betrieb wiederherzustellen. Es gibt jedoch Zerstörungen, die nicht mehr reparabel sind.
Der ukrainische Telekommunikationsanbieter Datagroup teilte am Montag mit, dass die Ausrüstung und Infrastruktur seines Rechenzentrums in Kyjiw vollständig zerstört worden seien. „Leider sind eine Wiederherstellung des Rechenzentrums und dessen weiterer Betrieb nicht möglich. Unsere Mitarbeiter sind wohlauf. Wir erbringen unsere Dienstleistungen für die Kunden von Ersatzstandorten aus“, heißt es in einer Erklärung des Pressedienstes von Datagroup.
Angst um den Sohn
Die 52-jährige Lehrerin Jelena Bregeda macht sich keine Gedanken über zerstörte Fenster oder beschädigtes Eigentum. Sorgen bereitet ihr der Zustand ihres zehnjährigen Sohnes. „Erst gestern hat er mich gebeten, ihn in das Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite zu bringen – in den Spielbereich. Jetzt sind dort nur noch schwarze Ruinen übrig geblieben. Er hat schreckliche Angst. Mein Sohn hat Einschränkungen. Aufgrund seines Gesundheitszustands ist er extrem lärmempfindlich. Und die Raketen hier, sie sind ohrenbetäubend“, sagt sie. Bregeda steht vor einer Ausgabestelle nach Folie an, um die zerstörten Fenster abdecken zu können.
Jelena erzählt, dass sie und ihr Sohn in der Nacht keine Zeit mehr gehabt hätten, um einen Schutzraum zu erreichen. „Es war drei Uhr nachts. Nur wenige Minuten nach dem Ertönen der Sirene kam es zur Explosion. Die Druckwelle hat bei mir die Türen herausgerissen. Wir haben es gerade noch ins Badezimmer geschafft. Jetzt haben wir keine Möglichkeit mehr, uns zu verstecken“, sagt Bregeda.
Unterdessen betonte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erneut, dass das Land die notwendige Bewaffnung nicht rechtzeitig erhalte, um den russischen Angriffen zu begegnen und die Zivilbevölkerung schon vor dem Wintereinbruch zu schützen. Dieser Winter könne der schwerste seit Beginn des vollumfassenden Krieges Russlands gegen die Ukraine werden.
„Putin will kein Ende, geschweige denn irgendwelche Schritte zur Deeskalation. Jeder unserer Partner hat dies erlebt. Es ist wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen: den Aggressor als Aggressor zu bezeichnen und der Ukraine zu helfen, Leben zu schützen“, erklärte Selenskyj. „Wenn die Lieferung von Raketen für die ukrainische Luftverteidigung blockiert wird, während Russland Erleichterungen bei den Sanktionen erhält, dann wird die Realität geleugnet“, erklärte Selenskyj.
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