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Monday, October 12, 2026

Wie kann ich wahrscheinliche von absurden Verschwörungstheorien unterscheiden?

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"Birds aren't real", Vögel gibt es nicht. Das kritzelte der US-amerikanische Student Peter McIndoe auf ein Stück Pappe und mischte sich 2017 bei einer Demonstration unter die Anhänger des US-Präsidenten Donald Trump. 

Auf seinen Slogan angesprochen erzählte er: Die US-Regierung habe alle Vögel umbringen lassen und sie durch Überwachungsdrohnen ersetzt. Vögel säßen auf Stromleitungen, um sich aufzuladen, Vogelkot sei ein flüssiges Ortungsgerät. 

Das ist eine Verschwörungserzählung. Eine andere geht so: Der Ölkonzern ExxonMobil wusste bereits seit den 1970er-Jahren von der Bedrohung durch den Klimawandel. Vom Konzern bezahlte Forschende haben den globalen Temperaturanstieg ziemlich präzise eingeschätzt. 

Die internen Analysen von ExxonMobil standen allerdings immer in heftigem Kontrast zu ihren öffentlichen Erklärungen, in denen der Klimawandel kleingeredet, Mythen verbreitet und Unwissenheit vorgetäuscht wurde. 

Echte und erfundene Verschwörungen: Warum der Unterschied wichtig ist

Peter McIndoe erzählte der New York Times 2022, dass seine "Birds aren't real"-Verschwörung Satire gewesen sei. Er habe damit darauf aufmerksam machen wollen, wie schnell Menschen an erfundene Verschwörungserzählungen und Desinformationen glauben. 

ExxonMobils Machenschaften wurden 2015 durch investigative Journalisten aufgedeckt, die Zugang zu internen Dokumenten und Forschungsberichten hatten. 2020 reichte der Generalstaatsanwalt von Washington D.C. Klage gegen ExxonMobil und weitere Ölkonzerne ein. Eine 2023 im Fachmagazin Science erschienene Studie wertete die internen Forschungsergebnisse des Unternehmens aus und bestätigte die Verschwörungserzählung: Exxon wusste seit Jahrzehnten von den Folgen des Klimawandels. 

Es gibt also beides: wenig plausible und plausible Verschwörungserzählungen. Die Frage ist nur, wie sich die eine von der anderen unterscheiden lässt. Es gibt ein paar Prüfkriterien, die dabei helfen können. 

Verschwörungstheorien erkennen: Wie plausibel ist die Geschichte?

Eine Voraussetzung dafür ist: innehalten und nachdenken. Nichts tun, außer sich selbst ein paar kritische Fragen zu stellen. 

Eine dieser Fragen ist die nach der Logik, sagt Lotte Pummerer, Sozialpsychologin und Postdoc an der Universität in Mannheim, wo sie zu Verschwörungstheorien forscht. 

Wie viele Menschen müssten eingeweiht sein und welche Motive sollten sie haben, die Verschwörung geheim zu halten? Um bei dem Beispiel mit den falschen Vögeln zu bleiben: Neben den Drahtziehern müssten alle Ornithologen und Vogelschützer Bescheid wissen und dichthalten. Und das seit Jahrzehnten. Ohne einen einzigen Whistleblower. Wie logisch ist das? 

Kognitive Verzerrungen: Warum wir an Verschwörungserzählungen glauben

Auch die eigenen Motive sollten einmal unter die Lupe genommen werden, sagt Pummerer. "Kann es sein, dass ich gerade bewusst nur in eine bestimmte Richtung nach Informationen suche? Gibt es einen Grund, dass ich eine schnelle, befriedigende Antwort will oder wäre es okay für mich, zu dem Ergebnis zu kommen, dass ich diese Antwort aufgrund meiner derzeitigen Informationen nicht bekommen kann?" 

Solche Fragen sollen mögliche kognitive Verzerrungen (cognitive bias) überprüfen, für die wir alle anfällig sein können. Es handelt sich dabei um systematische Denk- und Wahrnehmungsfehler, die unsere Entscheidungsfindung, Urteilsbildung und Wahrnehmung beeinflussen und zu falschen Annahmen führen. 

Ein Beispiel für eine kognitive Verzerrung ist der sogenannte Bestätigungsfehler (confirmation bias): Wir bevorzugen tendenziell Informationen, die am besten in unser Weltbild passen und unsere ohnehin vorhandenen Annahmen bestätigen.  

Aufgrund dieser kognitiven Verzerrungen sei es wichtig "mal ganz bewusst den Gegencheck zu machen", sagt die Sozialpsychologin. Und sich zu fragen: "Bin ich bereit, mich überzeugen zu lassen, wenn die wissenschaftliche Evidenz in eine andere Richtung weist?" 

Pummerer nennt 9/11 als Beispiel. Die Verschwörungserzählung, dass die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon 2001 von der US-Regierung inszeniert waren, hält sich hartnäckig. Die Türme können nur gesprengt worden sein, sie wären sonst nie zusammengefallen. Oder hätten zur Seite kippen müssen.  

Umfangreiche Ermittlungen vieler unabhängiger Expertinnen und Experten haben ergeben: 9/11 war ein islamistischer Terroranschlag. Es war der Einschlag der beiden Flugzeuge, der die Türme zum Einsturz gebracht hat. "Da sind viele Leute, die in den entsprechenden Bereichen viel mehr Expertise haben als ich, angefangen von Bauingenieuren, Menschen, die Flugschreiber und Flugradare auslesen, bis hin zu Investigativjournalistinnen. Warum sollte ausgerechnet ich, die ich nicht dafür ausgebildet bin, zu der entscheidenden Erkenntnis kommen?", fragt Pummerer. 

Experten, Wissenschaft und die Frage nach Vertrauen

"Es gibt einen Wissensunterschied zwischen Leuten, die Experten sind und einem selbst, wenn man kein Experte ist", ergänzt Marlene Altenmüller, ebenfalls Sozialpsychologin und Juniorprofessorin für Wissenschaftsrezeption am Leibniz-Institut für Psychologie in Trier. Es sei wichtig, diesen Unterschied anzuerkennen, denn "wir leben in einer komplexen Welt und können gar nicht alles selbst durchdringen und verstehen." 

Bedeutet auch: Ohne Vertrauen geht es nicht. Das heißt aber nicht, dass wir blind vertrauen sollten, im Gegenteil. Misstrauen sei wichtig und konstruktiv, sagt Altenmüller. "Misstrauen und Zweifel sind zentraler Bestandteil wissenschaftlicher Prozesse." 

Sie bezeichnet Wissenschaft als "institutionalisierten Zweifel". Studien werden immer wieder von unterschiedlichen Forschenden kritisch geprüft und oft auch wiederholt, um frühere Ergebnisse abzusichern und besser zu verstehen. Aus diesem Grund, sagt Altenmüller, sei Wissenschaft "die beste Annäherung an die Wahrheit, die wir haben".  

"Wissenschaftlicher Konsens" bedeutet, dass sich die Argumente durchgesetzt haben, deren Datenbasis einer wiederholten, kritischen Prüfung standgehalten haben. Der menschengemachte Klimawandel ist ein Beispiel für wissenschaftlichen Konsens. 

"Dieses ständige Hinterfragen und der produktive Prozess des Misstrauens, der dann zum Konsens führt, sollte viel überzeugender sein als eine Einzelperson mit einer Meinung", sagt Altenmüller. 

Der letzte Prüfstein: Gelten für alle die gleichen Maßstäbe?

Es liegt in der Natur wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass sie nie als absolut unumstößlich angesehen werden, sondern immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind. Ein Umstand, den sich ExxonMobil in seinen öffentlichen Stellungnahmen zum Risiko durch die globale Erwärmung zunutze gemacht hat: Unsicherheiten in Bezug auf die Klimawandelforschung wurden besonders betont und übertrieben. 

Die Wissenschaftlerin Lotte Pummerer wünscht sich an dieser Stelle ein bisschen mehr selbstkritisches Hinterfragen und weniger Doppelstandards: Wenn von einer politischen oder wissenschaftlichen Institution eine lückenlose Beweiskette verlangt werde, wie könne dann gleichzeitig irgendeiner Person auf einem Sofa in einem YouTube-Video geglaubt werden, die beim Schminken was von geheimen Machenschaften erzähle?

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