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Monday, October 19, 2026

Reisners Blick auf die Front: "Paradoxerweise war die Chance auf einen Waffenstillstand nie so groß wie jetzt"

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Reisners Blick auf die Front"Paradoxerweise war die Chance auf einen Waffenstillstand nie so groß wie jetzt"

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Im September trafen sich Trump und Selenskyj bei den Vereinten Nationen in New York. Vom vereintem Vorgehen in der Ukraine ist nicht mehr viel übrig. (Foto: picture alliance / SvenSimon-Press Service Of The P)

US-Präsident Trump scheint die Ukraine fallen zu lassen. Oberst Reisner befürchtet nun einen Diktatfrieden Russlands. Es gebe nur eine Alternative.

ntv.de: Herr Reisner, die Ukraine ist weiter heftigen Luftangriffen aus Russland ausgesetzt. Wie ist die Lage derzeit einzuschätzen?

Markus Reisner: Wir sehen, wie beide Seiten den Luftkrieg eskalieren. Kiew ist teils stundenlang ohne Strom, am Wochenende waren 600.000 Menschen davon betroffen. Ein Luftalarm löst den nächsten ab. Die Stadt liegt teilweise im Dunkeln, es gibt keine funktionierenden Heiz- oder Wärmekraftwerke mehr. Die Wasserversorgung und die Kläranlagen sind getroffen worden. Und der Winter hat noch gar nicht begonnen.

Warum schafft es die Ukraine nicht mehr, die Luftangriffe abzuwehren?

Dafür bekommt sie zu wenig Fliegerabwehrraketen, oft sind es nur 10 bis 15 Stück Patriot-Raketen pro Lieferung und Monat. Diese sind dann bis zur Mitte des Monats meist schon aufgebraucht. Hinzu kommt die Einschränkung von Starlink und der Übergabe von Geheimdienstdaten. Das macht es sehr herausfordernd für die Ukraine.

Die Ukraine scheint ihren wichtigsten Verbündeten zu verlieren. US-Präsident Trump geht auf Distanz zu Selenskyj. Geht das über das typische Auf und Ab hinaus?

In den vergangenen Tagen ist es im Verhältnis zwischen den USA und der Ukraine sehr turbulent zugegangen. Der Höhepunkt war am Wochenende, als Präsident Donald Trump sich noch einmal auf Truth Social gemeldet hat. In einem langem Post erklärte er, warum er Russland unterstützt und möchte, dass es am Verhandlungstisch bleibt. Zuletzt gab es den Vorschlag eines Gipfels mit Russland, USA und China. Für die Ukraine ist das alles schwer zu verkraften. Sie weiß nicht, auf wen sie sich verlassen kann.

Ist das jetzt der Bruch zwischen USA und Ukraine?

Aus meiner Sicht hat sich das Verhältnis in den letzten Wochen und Monaten sukzessive verschlechtert. Uns muss klar sein, der wichtigste Unterstützer der Ukraine sind noch immer die USA. Die USA sind der Königsmacher. Selenskyj hat es selbst gesagt: Wenn sich die USA von uns abkehren, wird es für die Ukraine sehr schwer werden. Die Abschaltung von Starlink beispielsweise hätte katastrophale Folgen. Der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow hat gesagt, das Satellitensystem sei das Blut in den Adern der ukrainischen Streitkräfte. Fiele das weg, würde die Front wohl zusammenbrechen.

Was würde passieren, wenn die USA von der Ukraine abrücken?

Möglicherweise müsste sich die Ukraine eingestehen, dass sie eine Art Diktatwaffenstillstand oder -frieden der Russen annehmen muss. Einfach, weil sie keine andere Möglichkeit haben.

Wie definitiv ist dieser Bruch für Sie? Im US-Kongress gibt es auch heftige Kritik an Trump. Und dessen Vorgehen ist sehr sprunghaft.

Der amerikanische Präsident agiert in der Tat erratisch und das seit Jahren. Von einem Tag auf den anderen kann sich alles wieder ändern. Es ist völlig unmöglich, eine valide Prognose zu stellen. Paradoxerweise bin ich aber der Meinung, dass die Chancen für einen Waffenstillstand nie so groß waren wie jetzt.

Warum das?

Der gegenseitige Druck aufeinander, von Russland und der Ukraine, aber auch von außen ist so groß, dass es durchaus zu einem Einfrieren des Konflikts kommen könnte. Das wäre nicht optimal, aber zumindest würde das Sterben ein Ende finden. Ob das passiert, ist aber völlig offen.

Ein Diktatfrieden dürfte den Ukrainern auch vorschreiben, abzurüsten. Wäre so etwas für sie überhaupt annehmbar? Die müssten doch den nächsten Angriff fürchten.

Aus Sicht der Ukraine natürlich nicht. Ihre Bedingungen haben sie im 20-Punkte-Plan niedergelegt. Dazu gehören ein Nichtangriffspakt mit Russland und Sicherheitsgarantien von Verbündeten. Außerdem wollen sie eine 800.000 Mann starke Armee behalten. Wenn die Ukraine auf all das verzichten soll, wird es schwer sein, einen Kompromiss zu finden. Doch wenn die Ukraine am Ende der Kräfte sein sollte, könnte Russland ihr die Kapitulation aufzwingen.

Kapitulation, das Wort ruft in Deutschland unweigerlich die Bilder von Amerikanern und Sowjets in Berlin in Erinnerung.

Kapitulation bedeutet, dass die Ukraine sich nicht mehr wehren kann. Aber nicht, dass die Russen in Kiew einziehen. Ich glaube, auch die Amerikaner haben kein Interesse daran, dass die Front zusammenbricht. Sie wollen einen Waffenstillstand. Deswegen haben sie nuanciert Druck auf die Ukrainer ausgeübt, mit der Zurückhaltung von Geheimdienstdaten, Starlink und Raketen für die Fliegerabwehr. Auf Russland haben sie Druck ausgeübt, indem sie der Ukraine Koordinaten von Zielen in Russland gegeben haben. Bislang zumindest.

Kann die Ukraine unter diesen Umständen - geringe Patriot-Lieferungen, Einschränkungen bei Starlink - den Winter überstehen?

Die Frage ist, zu welchem Preis. Die Russen versuchen, die Lebensadern der Städte abzuschneiden, sie zu entvölkern. Dazu kommen die Schäden der vergangenen Winter. Man sieht schon jetzt, dieser Winter wird extrem schwer werden. Die Frage ist, ob die Ukrainer die Ressourcen dafür haben.

Und wie lautet Ihre Einschätzung?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Derzeit läuft beiden Seiten die Zeit davon. Auch Russland merkt, dass es die ukrainischen Angriffe nicht endlos ertragen kann. Doch die Russen bringen die Ukrainer gerade massiv unter Druck. Mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Wenn sich die Angriffe weiter so darstellen, ist es sehr schwer, sich vorzustellen, wie die Ukraine diesen Winter überstehen soll.

An der Front ist weiter wenig Bewegung. Wie relevant ist der Kampf am Boden noch?

Es gibt seit Monaten eine Pattsituation, keine Seite kann einen Durchbruch erzielen. Auch die russische Sommeroffensive hat kein nachhaltiges Ergebnis gebracht. Es ist ein Hin und Her. Deswegen eskalieren beide Seiten auf der strategischen Ebene mit Luftangriffen. Wir erleben eine entscheidende Phase des Krieges. Wir nähern uns einem Kulminationspunkt.

Was muss nun passieren?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder man geht all-in und die Ukraine bekommt, was sie braucht, um den Krieg zu überstehen. Wenn man dazu aber nicht bereit ist, muss man alles versuchen, den Krieg so rasch wie möglich zu beenden. Es ist ein elender Abnutzungskrieg, der sich von einem Monat in den nächsten zieht, ohne konkretes Ergebnis.

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