Vögel in der Stadt: Wenn Glasfassaden den Tod bedeuten

Der Weltnaturschutzgipfel in Jerewan befasst sich auch mit der Stadt als Lebensraum. Einfache Maßnahmen können ihn für Vögel sicherer machen.
Auch die Stadt als Lebensraum steht auf der Agenda des UN-Naturschutzgipfels in Jerewan. Das Umsetzungswerk des UN-Übereinkommens zur Biodiversität nennt als „Ziel 12“, Grünflächen auszuweiten und die Stadtplanung im Hinblick auf das menschliche Wohlbefinden und die Biodiversität zu verbessern. Das können Maßnahmen im Rahmen eines „Schwammstadt-Konzepts“ sein, in dem Flächen entsiegelt und Wasserspeicher angelegt werden, oder auch Projekte zur Dach- und Fassadenbegrünung.
„Ein sehr einfacher Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt ist es, Glasfassaden vogelsicher zu gestalten“, sagt Marten Winter, Wildtierökologe am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (Idiv) in Leipzig. Vögel nehmen Glasscheiben nicht als Hindernis wahr. Vor allem große Scheiben, Eckverglasungen, Bushaltestellen oder Wintergärten sind gefährlich. Die Vögel sehen in ihnen den sich spiegelnden Himmel, Bäume oder Sträucher. Sterben sie nach einer Kollision nicht sofort, sind sie doch geschwächt und werden leichter die Beute von Katzen oder Hunden, oder sie erleiden innere Blutungen. „Auch wenn Vögel die Kollision überleben, sterben viele an den Folgen etwas später“, sagt Winter.
Die Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten hat hochgerechnet, dass in Deutschland jährlich zwischen 100 Millionen und 115 Millionen Vögel an Glasfenstern und -fassaden verunglücken. Die genaue Zahl zu ermitteln, ist schwierig, da niemand systematisch die verletzten oder toten Vögel sammelt und zählt. „Neuere Untersuchungen aus Berlin weisen darauf hin, dass nur ein kleiner Anteil der Opfer tatsächlich gefunden wird“, heißt es in einem Bericht der Arbeitsgemeinschaft.
Zudem haben die Vogelschützer für ihre Berechnungen nur Wohn- und Bürogebäude erfasst. „Strukturen wie verglaste Wartehäuschen, Lärmschutzwände, verglaste Einfriedungen und so weiter sind im Siedlungsraum weit verbreitet“, heißt es in ihrem Bericht. Da zu diesen aber keine statistischen Angaben und nur wenige Daten zu Vogelschlägen vorlägen, würden sie nicht erfasst. Die Arbeitsgemeinschaft geht deshalb davon aus, dass hierzulande jährlich viele hundert Millionen Vögel an Glasscheiben sterben.
Ziel ist eine Hotspot-Karte
Laut der App iNaturalist, in der Interessierte Naturbeobachtungen dokumentieren können, sterben am häufigsten Tannenmeisen, Amseln und Singdrosseln an Scheiben, danach folgen Ringeltauben, Kohlmeisen und Mönchsgrasmücken. Die letzten Plätze belegen Sperber, Trauerschnäpper und Erlenzeisig. Sie alle sind vom „Vogelschlag“ betroffen. „Neben frei laufenden Katzen sind die Glasscheiben daher der größte Treiber für den Tod vieler Millionen Vögel“, sagt Winter. Das müsse nicht so sein, denn Maßnahmen, die das Vogelleid verhindern könnten, seien bekannt und gar nicht so teuer, wenn sie etwa bei Neubauten und Sanierungen direkt mit eingeplant würden.
„Sinnvoll sind Scheiben mit einem auch nur dünnen Punkt- oder Streifenmuster“, sagt Winter. Das Muster müsse auf der ganzen Scheibe aufgebracht werden. Schon vorhandene Scheiben könnten einfach nachgerüstet werden, etwa mit einem wetterfesten weißen Marker oder Aufkleber. „Die bekannten Aufkleber von Greifvögeln auf Scheiben wirken hingegen nicht“, sagt Winter, „sie werden von den anderen Vögeln gar nicht erkannt.“
Zusammen mit dem Naturschutzbund Nabu versucht das Idiv, die Datenbasis des Vogelschlags in Deutschland zu verbessern. Ziel ist eine deutschlandweite Hotspot‑Karte. „Wenn man bedenkt, dass sowohl wildernde Katzen als auch gefährliche Schreiben leicht zu managen sind, ist es schon ein Wahnsinn, dass EntscheidungsträgerInnen dort nicht aktiv werden“, sagt Wildtierexperte Winter.
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