Maria Magdalena: Heilige, Sünderin, Liebling der Künste
Sie war Apostolin, Prostituierte, Büßerin und Vertraute Jesu, so wurde es seit dem frühen Christentum über Maria Magdalena erzählt. Künstler von Renaissance bis Barock, darunter Tizian, El Greco und Georges de la Tour malten sie im 16. und 17. Jahrhundert als reuige Büßerin, Rembrandt als Zeugin der Auferstehung Christi und Max Beckmann als Vertreter der Neuen Sachlichkeit stellte sie 1917 als Sünderin dar. Knapp hundert Jahre später wurde sie von Lady Gaga in einem Musikvideo verkörpert.
"Maria Magdalena ist wahrscheinlich die facettenreichste und schillerndste Figur der Bibel und auch eine der schillerndsten der europäischen Kulturgeschichte", sagt Bastian Eclercy, Kurator der Ausstellung "Maria Magdalena: Sin. Pray. Love." im Frankfurter Städel Museum. "Sie kommt in der Kunstgeschichte unzählige Male vor."
Was wissen wir über Maria Magdalena?
Aus der Bibel ist nur wenig über Maria Magdalena bekannt, dennoch spielt sie im Neuen Testament eine wichtige Rolle. Die Evangelien berichten, dass Jesus sie von sieben Dämonen befreite, dass sie Jesus begleitete und seine Kreuzigung sowie Grablegung miterlebte. Am Ostermorgen entdeckte sie das leere Grab und wurde zur ersten Zeugin der Auferstehung. Anschließend verkündete sie den Jüngern Jesu die Botschaft vom auferstandenen Christus. "Da wird sie dann als Apostula Apostulorum, also Apostelin der Apostel, bezeichnet", erklärt Bastian Eclercy. "Damit kommt ihr in der Heilsgeschichte eine ganz zentrale Rolle zu."

Doch dabei bleibt es nicht. Um 600 n. Chr. beschädigt Papst Gregor der Große das Bild Maria Magdalenas nachhaltig, indem er sie mit zwei anderen in der Bibel genannten Frauen verschmilzt: mit einer Unbekannten, der im Lukasevangelium genannten Sünderin, die Christus die Füße wäscht, und mit Maria von Bethanien (die ihm ebenfalls die Füße wäscht). Der Papst behauptete, dass die sieben Dämonen, von denen Jesus sie befreit, die sieben Todsünden seien. Damit prägte er maßgeblich Maria Magdalenas Ruf als reuige Prostituierte - was die Bibel in keiner Weise belegt.
Maria Magdalenas Gebeine liegen in Frankreich - angeblich
Im Hochmittelalter kommt dazu noch die Legende auf, Maria Magdalena sei zusammen mit Lazarus und einer Gruppe von Gefährtinnen und Gefährten in einem Boot auf dem Mittelmeer ausgesetzt worden; mit göttlicher Hilfe habe sie die Küste der französischen Provence erreicht, wo sie zunächst missioniert und dann noch rund 30 Jahre in einer Höhle gelebt und Buße getan habe. Noch heute behaupten zwei französische Orte, ihre Gebeine aufzubewahren: Vézelay in Burgund und Saint-Maximin-la-Sainte-Baume in der Provence.

Im 16. Jahrhundert schließlich bewirkten Reformation und Humanismus ein Umdenken und Widerspruch gegen die Verschmelzung der drei Frauen zu einer. Doch erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965), das tiefgreifende Reformen der römisch-katholischen Liturgie beschloss, wurde die Gleichsetzung Maria Magdalenas mit der anonymen Sünderin offiziell aufgehoben.
"Dieses sehr breite Feld von Rollen, die ihr im Laufe ihrer Geschichte zugeschrieben worden sind, und die in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinanderstehen, hat Künstler aller Zeiten und Gattungen offenbar immer wieder in besonderer Weise gereizt und auch herausgefordert," erklärt Bastian Eclercy.

Imagewandel durch das Marienevangelium
Mit der Wiederentdeckung des Marienevangeliums in der Neuzeit wandelte sich das Bild Maria Magdalenas erneut. Die Schrift, die nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurde, zeichnet sie als besonders enge Vertraute Jesu und gab Diskussionen über ihre Rolle neue Impulse. Heute gilt sie als eine der einflussreichsten Frauen des frühen Christentums und Schlüsselfigur der feministischen Theologie. "Gerade in den letzten Jahrzehnten wurde sie so zu einer Identifikationsfigur für Frauen, also für weibliche Betrachterinnen, aber eben auch insbesondere für Künstlerinnen der Gegenwart, die die Komponente der selbstbestimmten Frau in ihr sehen", sagt Eclercy.
Lady Gaga verkörperte Maria Magdalena 2011 in ihrem Video zu "Judas" - "der aufregendste künstlerische Moment meiner Karriere", wie sie damals auf Twitter schrieb. Das jüngste Bildnis der Frankfurter Schau, die mehr als 100 Darstellungen der Maria Magdalena zeigt, stammt von der spanischen Künstlerin Nieves González und ist 2025 fertiggestellt worden: "La sfida" (Die Herausforderung) dekonstruiert so ziemlich alle traditionellen Attribute, die Künstler früherer Jahrhunderte Maria Magdalena zugewiesen haben. Wo sie früher büßend gen Himmel blickte, zeigt das Gemälde die Apostolin mit selbstbewusstem Blick auf den Betrachter herabschauend. Wo sonst das Haar lose herabhing und damit auf die sündige Vergangenheit der Trägerin verwies, liegt es hier wie ein Schal sorgfältig gebürstet um ihren Hals. Und wo sonst viel weiße Haut zu sehen war, umhüllt ein mit dicker roter Daunenmantel ihren Körper. In ihren Händen hält die Jüngerin einen ebenso (blut-)roten Schädel, jahrhundertelang Symbol der Vergänglichkeit - mit dieser Geste klarer Ausdruck ihrer Macht.

Gleichberechtigung hat Maria Magdalena mittlerweile auch offiziell in der katholischen Kirche erfahren: 2016 erhob der damalige Papst Franziskus ihren Gedenktag (22. Juli) in den Rang eines Festes, womit sie in der katholischen Kirche den männlichen Aposteln rechtlich und rituell gleichgestellt ist. Es ist vermutlich nicht das letzte Kapitel ihrer illustren Biografie.
Die Ausstellung "Maria Magdalena: Sin. Pray. Love." ist im Frankfurter Städel Museum bis zum 17.01.2027 zu sehen.
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