Faktencheck: Fake-Video diskreditiert Briefwahl in Berlin
Am 20. September wählen die Berlinerinnen und Berliner ein neues Landesparlament - es heißt hier Abgeordnetenhaus - sowie ihre Stadtteilvertretungen, die hier Bezirksverordnetenversammlungen genannt werden. In den Tagen vor der Wahl verbreitete sich in den sozialen Medien ein Video, das angeblich einen Mann zeigt, der Briefwahlumschläge öffnet und Stimmzettel vernichtet, die für die rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland (AfD) abgegeben wurden.
DW-Faktencheck überprüfte mehr als ein Dutzend Beiträge, die das Video teilten. Die Beiträge verwenden ähnliche Beschriftungen und präsentieren das Video als Beweis für Wahlbetrug in Deutschland. Mehrere dieser Beiträge erzielten auf X mehrere Hunderttausend Aufrufe.
Wie weit hat sich das Video tatsächlich verbreitet? Und wird seine Reichweite durch echtes öffentliches Interesse getragen? Oder wird seine Sichtbarkeit auf andere Weise verstärkt? DW-Faktencheck hat das Video und die Konten, die es verbreiten, untersucht.
Behauptung: Ein Video zeigt einen Mann, der AfD-Stimmzettel in Berlin mit einem Teppichmesser zerstört.
Ein Beitrag, der das Video verbreitet, behauptet:
"Ein in Berlin kursierendes Video zeigt einen Mann, der Briefwahlumschläge öffnet und Stimmzettel vernichtet, die für die AfD markiert wurden, während Stimmzettel für die CDU von Bundeskanzler Friedrich Merz unangetastet bleiben. Das Filmmaterial tauchte wenige Tage nach dem Erdrutschsieg der AfD in Sachsen-Anhalt auf. Berlin wählt am 20. September sein Landesparlament."
Als DW-Faktencheck den Beitrag am 17. September überprüfte, hatte er rund 328.000 Aufrufe erzielt.

DW-Faktencheck: Falsch
Auf den ersten Blick wirkt der Stimmzettel echt. Namen und Layout sehen aus, wie der offizielle Stimmzettel für den Wahlkreis Spandau 2 im Westen Berlins, der öffentlich zugänglich ist. Allerdings gibt es mehrere Unstimmigkeiten bei den im Video gezeigten Unterlagen.
Der Berliner Landeswahlleiter Stephan Bröchler erklärte gegenüber DW, dass die im Video gezeigten Dokumente keine echten Berliner Wahlunterlagen seien.
Bröchler sagte, die im Video sichtbaren Umschläge entsprächen nicht den offiziellen Umschlägen, die bei dieser Wahl verwendet werden. Außerdem erscheine die Art, wie die Umschläge verschlossen seien, verdächtig.
Nach den offiziellen Richtlinien der Berliner Wahlbehörden erhalten Briefwähler ein Wahlpaket mit einem Wahlschein, der unterschrieben werden muss, zwei Umschlägen sowie den Stimmzetteln für die Wahlen. Für die Wahl am 20. September erhalten Berlinerinnen und Berliner zwei Stimmzettel: einen grau-blauen für die Wahl zum Abgeordnetenhaus und einen orangefarbenen für die Wahl der Bezirksverordnetenversammlung.
Im Video entsprechen die gezeigten Unterlagen jedoch nicht diesem offiziellen Briefwahlpaket. Die Person im Video öffnet einen roten Umschlag und entnimmt daraus einen weißen Umschlag. Der unterschriebene Wahlschein fehlt. Ohne diesen wäre eine Briefwahlstimme ungültig.
Anschließend nimmt die Person lediglich den grau-blauen Stimmzettel für das Berliner Abgeordnetenhaus aus dem weißen Umschlag.
Zwar können Wählerinnen und Wähler entscheiden, nur an einer der beiden Wahlen teilzunehmen. Dennoch wäre es ungewöhnlich, wenn sich in drei aufeinanderfolgenden Umschlägen jeweils nur ein einziger Stimmzettel befände. Das Video zeigt jedoch nicht eindeutig, ob der zweite Umschlag tatsächlich leer ist.

Ein weiteres Detail weckt Zweifel an der Echtheit des Videos: Im Hintergrund stehen große graue Behälter, die angeblich Briefwahlunterlagen enthalten. Diese sind mit einer Version des Berliner Wappens versehen, auf dem der Berliner Bär abgebildet ist.
Bröchler erklärte, dass solche Kennzeichnungen von den Berliner Wahlbehörden nicht verwendet werden. "Die Kennzeichnung der Urnen mit einem Berliner Bären ist hier nicht bekannt und unüblich", sagte er.
Sein Fazit ist eindeutig: "Es kann ausgeschlossen werden, dass tatsächlich echte Berliner Wahlunterlagen betroffen sind. Das Video dient eindeutig der Delegitimation der Briefwahl."
Ist das Video wirklich viral gegangen?
Eines der Konten, die das Video verbreiteten, war bereits zuvor Gegenstand von Untersuchungen. Eine Recherche der in Litauen ansässigen Forschungsorganisation Debunk brachte das Konto mit dem sogenannten "Sprinter"-Netzwerk in Verbindung, einer Gruppe von X-Konten.
Die Forscher identifizieren Hinweise auf koordinierte und nicht-authentische Aktivitäten, darunter ungewöhnlich hohe Veröffentlichungsraten, häufige Umbenennungen von Konten sowie Anzeichen für den Kauf von Followern. Laut Debunk wird das "Sprinter"-Netzwerk genutzt, um prorussische Botschaften zu verstärken.
DW-Faktencheck untersuchte zudem mehr als 15 weitere Beiträge, die das Video verbreiteten. Viele davon verwendeten nahezu identische Beschriftungen. Zusammengenommen hatten diese Beiträge zum Zeitpunkt der Analyse mehr als 3,2 Millionen Aufrufe erzielt.
Auch die Konten, die das Video verbreiteten, wiesen mehrere verdächtige Merkmale auf. Nahezu alle der 15 untersuchten Konten zeigten mindestens ein Anzeichen für potenziell unechtes Verhalten, darunter schnelles Follower-Wachstum, häufige Änderungen des Benutzernamens oder nur geringe Hinweise auf normale Nutzerinteraktionen.
Ein Konto, das sich als unabhängiges Medienunternehmen aus Westasien präsentierte, verfügte über mehr als 43.000 Follower, obwohl es erst im April 2026 erstellt worden war. In diesem Zeitraum änderte das Konto seinen Benutzernamen neunmal.
Für sich genommen beweisen diese Merkmale weder eine koordinierte Kampagne noch, dass die Reichweite des Videos vollständig künstlich erzeugt wurde. Sie zeigen jedoch, dass die offensichtliche Reichweite des Videos nicht automatisch als Beleg für eine breite und organische Diskussion auf X interpretiert werden sollte.
Ein bekanntes Muster
Das Video ähnelt anderen falschen Behauptungen über Wahlen in Deutschland, die in den vergangenen Monaten verbreitet wurden.
Faktencheck: Fake-Kampagne zu neuer Teilung Deutschlands
Bereits vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September untersuchte DW-Faktencheck ein Video, das ebenfalls angeblich die Vernichtung von AfD-Briefwahlstimmen zeigte. Die Behauptung erwies sich als falsch.
Unter anderem trugen alle drei durchgestrichenen Stimmzettel dieselbe Unterschrift beziehungsweise denselben Namen auf dem Wahlschein. Die Umschläge waren bereits geöffnet worden, und den Stimmzetteln fehlte die Lochung, die für Wahlschablonen für blinde und sehbehinderte Menschen vorgeschrieben ist.
DW-Faktencheck hat außerdem zahlreiche weitere Falschbehauptungen über das deutsche Briefwahlsystem untersucht und widerlegt.
Verbindung zu Russland
Julia Smirnova, Senior Researcher beim Berliner Center for Monitoring, Analysis and Strategy (CeMAS) und Expertin für Einflussoperationen, erklärte gegenüber der DW, dass die Ähnlichkeiten sowie die Art und Weise der Verbreitung des neuen Videos darauf hindeuteten, dass es "mit großer Wahrscheinlichkeit Teil der Einflussoperation "Storm-1516" ist".
Deutsche Sicherheitsbehörden und Forschende schreiben "Storm-1516" Russland zu.
Die Operation hat in der Vergangenheit gefälschte Videos, manipulierte Dokumente und angebliche Augenzeugenberichte genutzt, um Falschinformationen über Wahlen und andere politische Themen zu verbreiten.
Im Februar 2025 erklärte das Bundesinnenministerium, es habe Hinweise darauf, dass zwei gefälschte Videos über eine angebliche Manipulation von AfD-Stimmzetteln mit der Kampagne "Storm-1516" in Verbindung stehen. Als Begründung wurden Ähnlichkeiten hinsichtlich Inhalt und Verbreitungsweise genannt.
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