Wimmelbücher - Ein "Crash-Kurs für Erwachsene und Kinder“
In München findet eine Wimmelbuch-Ausstellung mit dem Titel "Augen auf!" statt. Sie dreht sich um Wimmelbild-Erfinder Ali Mitgutsch und seine Werke, welche Generationen geprägt haben.
18.09.2026 | 2:56 minSie sind voller Figuren, Geschichten und Überraschungen - und lassen Erzählungen im Kopf entstehen. Anlässlich der ersten vollständigen Retrospektive zu Ali Mitgutsch in der Internationalen Jugendbibliothek in München erklären die Literaturwissenschaftlerin Cornelia Rémi und Kinderbuch-Experte Jochen Hering, warum die Bücher des Wimmelbuch-Urvaters noch immer funktionieren und was Kinder dabei fürs Lesen und Erzählen lernen.
ZDFheute: Wie wichtig sind Wimmelbücher für die frühkindliche Bildung?
Cornelia Rémi: Wimmelbücher sind kalkuliert unübersichtlich. Bilder, wo man sagen würde, kleinen Kindern möchte ich nicht so viel zumuten. Aber gerade diese Unübersichtlichkeit ist ja zugleich eine Einladung für ein ganz tiefes und intensives Betrachten und Erkunden. […] Ich kann Dinge miteinander verknüpfen. Also ich kann üben und lernen, so eine Fülle von Bildeindrücken zu ordnen und zu sortieren. Wimmelbilderbücher sind sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder ein Crashkurs in gutem Vorlesen, im Betrachten von Bilderbüchern, im gemeinsamen Lesen überhaupt.
Jochen Hering: Das Besondere von Wimmelbüchern ist halt: Ich werde zum Erzähler dieses Buches. Das heißt, ich drehe den Film, wenn man so will - und konsumiere keinen, der fertig gedreht ist. Man hat einen Erzählanlass: Was passiert da bei Mitgutsch, in so einem Winterbild, wo jemand gerade mit den Schlittschuhen nach hinten fällt? Wie sieht es danach aus? Ich muss die nächsten Szenen selber bauen. Das ist ausgesprochen gelungene Erzählförderung.
ZDFheute: Wie können Wimmelbücher Kindern helfen, Sprache zu entwickeln?
Rémi: Um mich zu verständigen, muss ich meine Beobachtungen, das, was ich mit den Augen wahrnehme, in Sprache übersetzen. […] Und dieses Übersetzen, das klingt so einfach - sag doch einfach mal, was du siehst. Aber das ist ein unglaublich anspruchsvoller Prozess, den man eben erstmal lernen muss.
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ZDFheute: Warum erreichen diese Bücher auch Kinder, die erst wenig Deutsch sprechen?
Hering: Wimmelbücher sind da sozusagen ein ganz demokratisches Format, sie setzen Sprache noch nicht voraus direkt. Es geht eher darum, etwas wahrzunehmen und es dann in Sprache zu fassen. Also sie sind ganz niederschwellig. Ich kann auch mit wenigen Sachen vielleicht erst mal sagen: Da aufpassen Verkehr, sowas. Ich bin sozusagen beteiligt.
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28.04.2026 | 2:36 minZDFheute: Welche Rolle spielen Erwachsene beim gemeinsamen Betrachten?
Rémi: Erwachsene lernen durch Wimmelbücher wieder, genau hinzusehen und Sprache für sich wieder zu entdecken, also die eigenen Gedanken zu versprachlichen, in Wörter zu fassen. Und zwar Wörter, die für das besondere Gegenüber, nämlich ein Kind, verständlich sind. Außerdem lernen Erwachsene, wie Vorlesen überhaupt funktioniert. Sie lernen, dass Vorlesen interaktiv ist.
ZDFheute: Ali Mitgutschs Wimmelbücher gelten als Evergreens der Kinderliteratur. Aber sind seine Werke, die Ende der 1960er-Jahre entstanden sind, überhaupt noch aktuell?
Rémi: Natürlich verändert sich die Welt um uns herum, sie ist im Straßen- und Alltagsbild diverser geworden. Wir haben andere Fahrzeuge, wir haben andere Kleidung, die Geschlechterrollen sind anders. Aber es geht ja nicht darum, die Gegenwart zu finden, sondern es geht erstmal um das Finden und Entdecken von Ordnungen, von Strukturen und von Geschichten. Seine Bücher sind gerade dadurch wertvoll und auch heute noch aktuell.
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23.03.2026 | 3:38 minZDFheute: Was setzen Wimmelbücher den schnellen digitalen Reizen entgegen?
Rémi: Wenn man Wimmelbücher mal gegen diese digitalen Angebote hält, sind trotz aller Fülle an Details in den Bildern ruhig. Sie bewegen sich nicht, sie zappeln nicht, sie verändern sich nicht ständig. Sie warten auf das Kind. Und das Kind muss selber aktiv werden, selber in seinem Inneren in Bewegung kommen.
ZDFheute: Warum brauchen Kinder diese Mischung aus Ruhe und Abenteuer?
Hering: Da geschieht etwas, da passiert etwas, da passieren witzige Sachen, da passieren aufregende, sogar gefährliche oder unerlaubte Sachen. Und gleichzeitig geht es doch relativ ruhig zu. Das ist ja eine ganz spannende Mischung. Ich glaube, das ist das, was Kinder auf einer anderen Ebene ja eigentlich auch brauchen. […] Die Ruhe, die Sicherheit. Hier kenne ich mich aus, hier komme ich zurecht. Und dann gibt es aber auch sozusagen innerhalb dieses Rahmens Aufregung.
Christiane Lange ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Bayern.
Über dieses Thema berichtete ZDFheute am 18.09.2026 um 19:09 Uhr.
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