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Sunday, October 25, 2026

US-Philosophin über Midterms: „Immer mehr Leute fühlen sich von Trump verraten“

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Im Wirbel der multiplen Krisen schwinde die Macht der MAGA-Bewegung, sagt die US-Philosophin Nancy Fraser – das sei eine Chance für eine neue Linke.

taz: Nancy Fraser, in den USA explodieren die Lebenshaltungskosten. Wie bewerten Sie als Philosophin das?

Nancy Fraser: Wir stecken in einer Erschwinglichkeitskrise. Viele Menschen erleben, dass sich ihre Lebensumstände drastisch verschlechtern. Aber das liegt längst nicht nur an der Inflation. Die US-Regierung hat alle möglichen Sozialausgaben gekürzt, die Finanzierung vieler öffentlicher Dienstleistungen eingestellt und stattdessen die Militärausgaben erhöht. Unsere Schulen sind in einem katastrophalen Zustand, schlimmer noch als die in Frankreich, wo es gerade Massenproteste gibt. Hinzu kommt eine Krise der Löhne und Gehälter.

Im Interview: Nancy Fraser

Nancy Fraser, 79, lehrte als Professorin für Philosophie und für Politik- und Sozialwissenschaften an der New School in New York. Auf Deutsch erschien zuletzt von ihr: „Der Allesfresser – Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt“ (2023). Sie ist eine der bekanntesten US-amerikanischen Feministinnen.

taz: Das heißt?

Fraser: Der Arbeitsmarkt in den USA ist sehr prekär, da niedrig entlohnte Dienstleistungsarbeit in den vergangenen Jahrzehnten sichere und besser bezahlte Fertigungsarbeit ersetzt hat. Viele Ar­bei­te­r*in­nen müssen heute länger, teils in mehreren Jobs arbeiten, um sich finanziell über Wasser zu halten. Daraus folgt eine weitere Krise, die der Zeit. Es ist unglaublich zeitaufwendig, neben Lohn- und Sorgearbeit noch in Supermärkten die Preise zu vergleichen. Oder sich ohne Auto fortzubewegen, weil man sich den Sprit kaum mehr leisten kann.

taz: Und jetzt naht auch noch der Winter, also die Heizsaison.

Fraser: Das ist die ökologische Dimension. Mancherorts bedeutet die ökologische Krise Waldbrände oder Überschwemmungen. Im Nordosten rechnen die Menschen mit einem extrem harten Winter und sorgen sich vor den Brennstoffkosten. Viele heizen immer noch mit Öl. All diese Krisen – Erschwinglichkeit, öffentliche Dienstleistungen, Löhne, Zeit, Ökologie – sind miteinander verbunden. Und gerade verdichten sie sich zu einem Sturm, der die Leute zum Nachdenken bringt.

taz: Donald Trumps MAGA-Regime droht bei den Zwischenwahlen Anfang November eine herbe Schlappe. Die Republikaner könnten die Mehrheiten im Senat und im Repräsentantenhaus verlieren. Die Democratic Socialists hingegen – eine Graswurzelbewegung, die jene demokratische Kan­di­da­t*in­nen im Wahlkampf unterstützt, die sich ihr anschließen – könnten weiter erstarken.

Fraser: Immer mehr Leute fühlen sich von Donald Trump, den Republikanern, der MAGA-Bewegung verraten. Sie merken, dass sie nicht das bekommen, wofür sie gestimmt hatten. Manche sind entmutigt, andere wütend. All das spiegelt sich in den Umfragen zu den Zwischenwahlen wider. Der Rechtspopulismus scheint zu zerfallen, während sich zum ersten Mal seit geraumer Zeit eine wirkliche neue Linke in den USA entwickelt.

taz: Auch in Deutschland macht sich das Gefühl breit, es gehe nur noch bergab. Das konnte zuletzt aber vor allem die rechtsextreme AfD für sich nutzen.

Fraser: Womöglich sind wir einen Schritt voraus. Wir haben MAGA 2016 zum ersten Mal an die Macht gebracht, 2024 erneut. Unsere Bevölkerung hatte Zeit zu erleben, was es bedeutet, unter einer derart rechtsgerichteten Regierung zu leben.

taz: Dass MAGA sich offenbar entzaubert, ist überraschend, haben sie doch durch Fox News, Truth Social, X und weitere Medien eine immense Deutungsmacht in den USA.

Fraser: Es gibt ein berühmtes Sprichwort von Abraham Lincoln: „Man kann alle Menschen eine Zeit lang täuschen, und einige Menschen die ganze Zeit, aber man kann nicht alle Menschen die ganze Zeit lang täuschen.“ Ab einem bestimmten Punkt kommt Propaganda gegen die Alltagserfahrungen der Menschen nicht mehr an. In den USA scheint dieser Punkt erreicht.

Die Democratic Socialists müssen die Demokratische Partei nach links drängen. Eine erste kleine Spaltung innerhalb des zentristischen Flügels gibt es schon

taz: Meist werden autoritäre Regime repressiver, wenn Ihnen die Kontrolle entgleitet. Könnte das nicht auch in den USA drohen?

Fraser: Einige sehr düstere Kräfte innerhalb der MAGA-Bewegung wünschen sich das sicherlich. Das ist momentan aber eine sehr kleine Minderheit. Außerdem kritisieren mittlerweile längst nicht mehr nur Linke Trump öffentlich, sondern auch wichtige rechte Medienpersönlichkeiten mit großen Anhängerschaften wie Tucker Carlson oder Marjorie Taylor Greene.

taz: Seine Tech-Bros halten Trump bislang noch die Stange. Könnten auch Musk und Co. sich von Trump abwenden?

Fraser: Das werden sie, sobald es nötig ist. Die Tech-Oligarchen sind komplette Opportunisten. Leute wie Musk sind fundamental vom Staat, besonders von staatlichen Aufträgen abhängig. Im ganzen Hype um den freien Markt wird das meist ignoriert.

wochentaz

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taz: Das Silicon Valley würde sich also auch wieder mit einer demokratischen Regierung arrangieren?

Fraser: Wenn diese von den Zentristen dominiert wäre, ja. Das Silicon Valley hat – wie auch die Wall Street – sehr gut mit Bill Clinton und Barack Obama zusammengearbeitet. Ob sie auch mit einer linken US-Regierung kooperieren würden, ist eine andere Frage. Der Blick auf die Oligarchen, also die Milliardäre, ist aber viel weniger spannend als der auf die Ar­bei­te­r*in­nen im Tech-Sektor und in anderen symbolträchtigen Branchen.

taz: Sie meinen, inwiefern sie sich der Linken zuwenden könnten?

Fraser: Ja. Viele Menschen, die sichere und gut bezahlte Karrieren im Journalismus, in der Wissenschaft, der Verwaltung, den Künsten oder der IT erwartet hatten, arbeiten heute als Uber-Fahrer oder in anderen prekären Jobs. Unsere politische Ökonomie verwehrt ihnen das Leben, das sie sich erhofft hatten. Für sie gibt es plötzlich ein Klassenproblem. Diese Leute, das hochgebildete Prekariat, sind ein bedeutender Teil der Basis der Democratic Socialists.

taz: Warum?

Fraser: Sie sind gut ausgebildet, haben viele Fähigkeiten, können sehr gut kommunizieren. Und sie wollen sich die ihnen verwehrten Träume jetzt politisch erkämpfen. In New York gelang es der Zohran-Mamdani-Koalition im vergangenen Jahr, sie mit anderen Teilen der Arbeiter*innenschaft, der riesigen Einwandererbevölkerung in Queens sowie den Latinos und Afro­ame­ri­ka­ne­r*in­nen zu vereinen. So muss die Linke weiter vorgehen: Verschiedene gesellschaftliche Gruppen zusammenbringen – und eine Gegenhegemonie aufbauen.

taz: Gegenhegemonie, davon ist derzeit oft die Rede. Was genau meinen Sie damit?

Fraser: Der Begriff stammt von Antonio Gramsci …

taz: … ein italienischer Marxist, der im Kampf gegen den Faschismus von Mussolinis Truppen verhaftet wurde …

Fraser: … genau. Die Idee der Hegemonie ist einfach: In einer Gesellschaft wie unserer, die auf Klassenherrschaft basiert, dominiert eine Schicht wohlhabender und mächtiger Individuen, Investoren, Unternehmens-CEOs die Regierungspolitik – zu ihrem eigenen Vorteil. Und zum Nachteil des Großteils der Bevölkerung. Wie? Eben nicht autoritär von oben nach unten, sondern demokratisch legitimiert durch die Einwilligung der Massen. Möglich macht diese Minderheitenherrschaft ein ihr zuträglicher Common Sense.

taz: Dass freie Märkte allgemeinen Wohlstand förderten, zum Beispiel.

Fraser: Oder, dass je­de*r immer die Chance habe, reich zu werden. Und dass die Reichen sich ihre Vermögen selbst verdient hätten, durch harte Arbeit allein.

taz: Je­de*r ist seines eigenen Glückes Schmied.

Fraser: Das ist der prokapitalistische Common Sense, der in den USA lange und auch parteiübergreifend – von Reagan über Romney, Clinton zu Obama – sehr effektiv gewirkt hat. Die Linke stand also vor der Herausforderung, eine Gegenhegemonie zu schaffen, einen alternativen Common Sense. Das gelang der MAGA-Bewegung allerdings zuerst. Sie hat die alte Hegemonie radikal zerstört.

taz: Und jetzt verliert sie selbst an Glaubwürdigkeit.

Fraser: Das ist eine Öffnung für die Linke, eine echte Chance. Die zentristischen Demokraten sind diskreditiert, MAGA so langsam auch. Was als Nächstes kommt, ist offen.

taz: Mit der Forderung nach einem bezahlbaren Leben für alle sind Linke in den USA, und zuletzt auch in Berlin erfolgreich gewesen. Trägt das denn als zentrale Erzählung für eine linke Gegenhegemonie?

Fraser: Es ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Die Frage nach einem erschwinglichen Leben ist sehr eingänglich. Und sie ermöglicht es, weiter zu fragen, Probleme zu thematisieren, die über die Preise von Waren im Supermarkt hinausgehen. Warum sind die Löhne so niedrig? Warum nehmen die Mittel zu Befriedigung von Grundbedürfnissen – Wohnraum, Gesundheitsleistungen und so weiter – die Form von Waren an, statt die öffentlicher Güter? Und wenn der Staat sich diese oder jene Sozialausgabe nicht leisten kann, warum werden dann nicht die Kapitalertragssteuern erhöht? All diese Fragen müssen aber auch folgen.

taz: Weshalb?

Fraser: Weil sonst verborgen bleibt, warum so viele Menschen immer mehr arbeiten und sich trotzdem immer weniger leisten können. Also die systemischen Ursachen für die Krisen, denen wir ausgesetzt sind.

taz: In Ihrem Buch „Der Allesfresser – Wie der Kapitalismus seine eigenen Grundlagen verschlingt“ schreiben Sie, eine erfolgreiche Gegenhegemonie brauche eine breite politische Allianz, die sie erstreitet. Die zentristischen, neoliberalen Demokraten werden sich wohl kaum auf eine kapitalismuskritische Agenda einlassen.

Fraser: Die Democratic Socialists müssen die Demokratische Partei nach links drängen. Eine erste kleine Spaltung innerhalb des zentristischen Flügels gibt es schon. Die Linke muss also weiter selbstbewusst vorangehen und eine starke Massenbewegung aufbauen. Irgendwann stehen die Zentristen womöglich vor der Wahl: Kooperieren oder ersetzt werden.

taz: Innerhalb der Linken gibt es Konfliktlinien, die breite Allianzen in den vergangenen Jahren erschwert haben – etwa die zwischen Identitäts- und Klassenpolitik. Zu ersterer haben auch Sie sich häufiger kritisch geäußert. Dabei haben Bewegungen, die um die Anerkennung marginalisierter Gruppen gekämpft haben, sehr viele Menschen politisiert, die heute noch aktiv sind. Black Lives Matter zum Beispiel.

Fraser: Proteste gegen rassistische Polizeigewalt sind nicht wirklich Identitätspolitik. Es geht kaum materieller. Ich mag das Wort Identitätspolitik aber auch an sich nicht, weil jede Politik die Mobilisierung von Identität beinhaltet. Die große Frage ist: Macht man die Identität zum Hauptthema oder wird sie von dem getragen, was man tut? Wenn man sich nur auf Fragen von Repräsentation fokussiert, dann ist Identität der Zweck und nicht das Mittel.

taz: Zohran Mamdani hat sich als New Yorker Bürgermeister mit einem Schwur auf den Koran vereidigen lassen. War das nicht auch ein vor allem repräsentativer Move?

Fraser: Nein. Mamdani ist klassenbewusst. Bei ihm ist Repräsentation in die Agenda für ein erschwingliches Leben für alle integriert. Die neue Art von Klassenpolitik, die sich jetzt entwickelt, hat die Einsichten der feministischen und antirassistischen Bewegungen der vergangenen Jahre in sich aufgenommen. Hier geht es nicht mehr um Haupt- und Nebenwidersprüche.

taz: Welche Rolle spielen die Gewerkschaften für eine Gegenhegemonie?

Fraser: Sie sind sehr wichtig. Wenn das Leben bezahlbarer werden soll, müssen nicht nur die Preise runter, sondern auch die Löhne rauf. Über die Gewerkschaften können auch feministische oder antirassistische Kämpfe gegen Diskriminierung oder sexualisierte Belästigung arbeitsrechtlich, also materiell durchgesetzt werden.

Trump weiß, dass seine Zeit vorbei ist, er will nicht mehr arbeiten, ist jetzt schon völlig unfokussiert

taz: Leider stehen die Gewerkschaften in den USA aber nicht sonderlich gut da.

Fraser: Unsere Industriegewerkschaften befinden sich im freien Fall. Wirklichen Arbeitskampf machen in den USA vor allem Krankenschwestern und Leh­re­r*in­nen im öffentlichen Dienst und Ar­bei­te­r*in­nen im Dienstleistungssektor, besonders in großen Firmen wie Amazon. Zuletzt sogar manchmal erfolgreich. Aber klar, eine soziale Macht wie in Deutschland oder Frankreich sind diese Gewerkschaften lange nicht. Die Linke sollte sie also unterstützen, ihnen helfen, sich zu organisieren und stärker zu werden.

taz: Stellen wir uns vor, die Demokraten gewinnen die Präsidentschaftswahlen 2028, vielleicht sogar angeführt von einer linken Kandidatin wie Alexandria Ocasio-Cortez. Würde Trump das Weiße Haus räumen?

Fraser: Womöglich wird er sagen, die Wahl war gestohlen. Aber Trump interessiert sich eigentlich nicht mehr für Politik. Er wird 2028 kein Faktor mehr sein, sondern mit all dem Geld, das er jetzt als Präsident macht, in den Sonnenuntergang ziehen. Er weiß, dass seine Zeit vorbei ist, will nicht mehr arbeiten, ist jetzt schon völlig unfokussiert.

taz: Die US-Demokratie könnte MAGA und Trump also tatsächlich überleben?

Fraser: Nicht unbeschadet. Aber ja, das wird sie.

taz: Die Krisen unserer Zeit sind ein globales Phänomen, auch der erstarkende Rechtsextremismus. Braucht es neben den lokalen Kämpfen in Kommunen, Städten, Nationen auch eine internationale Bewegung dagegen?

Fraser: Ja. Es ist Zeit, zu versuchen, eine neue Demokratische Sozialistische Internationale zu gründen. Nicht im Sinne einer Partei, sondern als Plattform für mehr Austausch, Vernetzung, gegenseitige Unterstützung und Solidarität. Und auch, um gemeinsame Politik anzuschieben. Wenn wir die Krisen lösen wollen, denen wir ausgesetzt sind, müssen wir die globale Finanzarchitektur verändern. Wir brauchen eine globale CO2-Steuer, eine globale Tobin-Steuer. Und auch eine neue globale Verfassung, die Arbeitsrechte und ökologische Nachhaltigkeit über Profit und den sogenannten Freihandel stellt.

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