Krankenkassen vor Milliardenverlust: Kapitalismus ist krank

Den Krankenkassen droht ein riesiges Haushaltsloch, weil sie auf windige Fonds setzten. Das Risiko des Totalausfalls droht auch bei aktienbasierten Renten.
Foto: Jens Kalaene/dpa
K apitalismus ist geil. Er hat für jeden etwas zu bieten, zumindest für alle, die Kohle zur Seite legen können. Er soll auch die Rentner:innen vor der Armut retten – und die Krankenkassen gleich mit. Das zumindest ist das Credo bekennender Kapitalisten wie Friedrich Merz (im Nebenjob Bundeskanzler) und Co. Sie predigen das Finanzinvestment als Allheilmittel, das wie ein Perpetuum mobile die Habenden mit immer mehr Geld pampert.
Nur eins wird dabei gern ausgeblendet: das Verlustrisiko. Dabei kann es schnell ans Eingemachte gehen. Das zeigt aktuell der Fall von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen, die kaum vorstellbare Summen als Rücklagen in Fonds angelegt haben, die sich im Nachhinein als äußerst windig entpuppten. Mindestens 1,1 Milliarden Euro könnten sich in Luft aufgelöst haben.
Für Normalmillionäre mag ein Totalverlust in einem Fonds nachrangig sein. Die haben gewöhnlich immer noch genug auf irgendeiner hohen Kante. Für die bekanntlich knappen Krankenkassen aber ist das fatal. Statt durch Rendite zu gesunden, statt die Gesundheitsversorgung abzusichern oder wenigstens bezahlbar zu halten, tun sich nun Löcher auf, die keine noch so gut ausgebildete Ärztin wird flicken können.
Das gleiche Risiko existiert auch bei allen Kapitalanlagen für künftige Rentner:innen, ganz egal, ob privat oder in staatlich konstruierten Töpfen. Das mag jahrzehntelang gut gehen. Aber droht eine Wirtschaftskrise, zack, ist der Topf leer. Merke: Von solchen Finanzkonstrukten profitieren sicher nur die Anbieter der Fonds. Für die fällt garantiert eine Provision ab.
Rentenanwärter:innen oder Krankenkassenversicherte werden zu Zwangsspekulant:innen. Dabei gäbe es einen Weg, sie vom Risiko zu befreien. Überlasst die Geldspiele den Kapitalisten! Mit etwas Glück und jeder Menge Insiderwissen werden sie unglaublich reich. Nur müsste man ihre Gewinne ebenso fett besteuern. Dann blieben Milliarden für steuerfinanzierte Renten- und Krankenkassen. Und der kranke Kapitalismus wäre wirklich geil.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Gereon Asmuth Ressortleiter taz-Regie
Leiter des Regie-Ressorts, das die zentrale Planung der taz-Themen für Online und Print koordiniert. Seit 1995 bei der taz. 2000 bis 2005 stellvertretender Leiter der Berlin-Redaktion. 2005 bis 2011 Leiter der Berlin-Redaktion. 2012 bis 2019 Leiter der taz.eins-Redaktion, die die ersten fünf Seiten der gedruckten taz produziert. Hat in Bochum, Berlin und Barcelona Wirtschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und ein wenig Kunst studiert. Mehr unter gereonasmuth.de. Bluesky:@gereonas.bsky.social Mastodon: @gereonas@social.anoxinon.de Foto: Anke Phoebe Peters
Finanznot der Pflegeversicherung Pflegekassen brauchen Finanzspritze noch dieses Jahr
Den Pflegekassen geht es schlechter als gedacht. Um ihre Finanzen zu stabilisieren, brauchen sie bis Jahresende 500 Millionen Euro.
Von Amelie Sittenauer
Rente mit 63 Die Kapitalrente bringt es auch nicht
Gastkommentar von Frank Hoffer
Durch den Wegfall der Rente mit 63 wird bei Weitem nicht so viel eingespart wie suggeriert. Um die Rente dauerhaft zu sichern, gibt es bessere Modelle.
Mehr Rentner:innen mit Grundsicherung Steuern hoch für Reiche
Kommentar von Simone Schmollack
So viele Rentner:innen wie nie zuvor bekommen Grundsicherung im Alter. Das ist kein kurzfristiges Problem, sondern ein langfristiges.
10 Ausgaben für 10 Euro
Die Wochenzeitung mit taz-Blick
Wir schauen den Superreichen auf die Finger. Unsere wochentaz bietet jeden Samstag Journalismus, der es nicht allen recht macht und Stimmen, die woanders nicht gehört werden.
- Jeden Samstag als gedruckte Zeitung frei Haus
- Zusätzlich digitale Ausgabe inkl. Vorlesefunktion
Jetzt kennenlernen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.