Bosnische Musiker über Land und Fußball: „Die Menschen kommen im Alltag gut miteinander aus“

Brano Jakubović und Vedran Mujagić haben mit ihrer Band den Kultsong zur WM geliefert. Ein Gespräch über Fußball, Politik, Ćevapi und Burek.
taz: Herr Jakubović und Herr Mujagić: Der Song „U.S.A.“ ist 15 Jahre alt und wurde im Sommer zum Soundtrack der WM. Wie ist das passiert?
Brano Jakubović: Das Ganze war als Witz gedacht. Das Lied hat nichts mit Fußball zu tun und beschreibt den Wunsch, in die USA auszuwandern. Am Ende kehrt der Auswanderer zurück, da sich der Traum nicht verwirklicht hat und er sein Heimatland vermisst. Vielen Menschen, die aus Bosnien ausgewandert sind, geht es so. Aber die wenigsten kehren tatsächlich zurück. Das Lied spielt humorvoll mit dieser Sehnsucht nach einem besseren Leben im Ausland und der Sehnsucht nach dem Heimatland Bosnien.
Vedran Mujagić: Kurz vor dem ersten WM-Playoff-Spiel Ende März in Wales hat uns ein Freund angerufen. Er meinte: „Schaut auch das Spiel an. Die Bosnien-Fans haben eine Überraschung für euch.“ Fünf Minuten nach Spielbeginn rollten die Fans ein großes Transparent aus mit dem Refrain: „I am from Bosnia, take me to America“. Kaum jemand hat wirklich daran geglaubt, dass sich die Nationalmannschaft für die WM qualifiziert. Aber als Bosnien im Elfmeterschießen gewonnen hat, nahm das Ganze ein Eigenleben an. Der Slogan hat den Leuten Hoffnung gegeben.
Im Interview: Brano Jakubović
hat seine musikalische Karriere 1996 als Bassist der Band Deceased in Sarajevo begonnen. Er war der Taktgeber bei der Gründung von Dubioza kolektiv im Jahr 2003.
taz: Drei Tage später hat Bosnien tatsächlich im entscheidenden Spiel gegen den vierfachen Weltmeister Italien gewonnen und sich für die WM qualifiziert. Was hat dieser Abend in Bosnien ausgelöst?
Mujagić: In Bosnien rechnen wir meistens damit, dass Dinge schiefgehen. Aber an diesem Tag war die Stimmung im Stadion und im Land ganz anders. Die Menschen haben an den Sieg geglaubt, und nach dem Spiel war die Euphorie in allen Teilen des Landes riesengroß. Zudem gibt es eine große bosnische Diaspora, und viele Nationalspieler sind im Ausland geboren. Seit dem Krieg sind rund eine Million Bosnier ausgewandert. Mit diesem Sieg wurde auch die Sehnsucht dieser Menschen nach ihrem Heimatland gestillt.
Im Interview: Vedran Mujagić
Um die Jahrtausendwende war er Teil der Band Adi Lukovac & Ornamenti, ein Pionier elektronischer Musik in Bosnien. Auch er ist Gründungsmitglied von Dubioza kolektiv.
Jakubović: Ich habe auch eine politische Erklärung für diese Freude. Bosnien war immer ein Teil von Europa. Aber seit Jahrzehnten bekommen wir von der Europäischen Union das Gefühl, dass Bosnien nicht dazugehört. Europa fühlt sich für uns an wie eine Tür mit einem großen Stoppschild, auf dem steht: Halt, hier kein Zutritt! Aber mit der WM-Qualifikation waren wir plötzlich ein Teil der Welt. Für kleine Länder wie Bosnien-Herzegowina ist diese Sichtbarkeit sehr viel wert. Ähnlich ist es beim Eurovision Song Contest. Da bist du auch nur drei Minuten auf der Bühne. Aber in dieser Zeit gehörst du zu Europa.
taz: Hat dieser WM-Sommer die Ethnien im Land zusammengebracht?
Jakubović: Ich kenne diese Geschichte über Bosnien als Land der Bosniaken, Serben und Kroaten, die nicht miteinander können. Diese Geschichte wird gern im Ausland erzählt. Ich halte sie für zu einfach. Sollte Bosnien morgen Teil der Europäischen Union werden, wäre diese Geschichte hinfällig. Die Menschen kommen im Alltag sehr gut miteinander aus. Beim ersten WM-Spiel gegen Kanada schoss Jovo Lukić das 1:0 für Bosnien. Wir haben uns das Spiel beim Public Viewing in Sarajevo angeschaut. In der Hauptstadt leben zu 80 Prozent Muslime. Nach dem Tor haben die Menschen wie verrückt gefeiert und den Namen des Torschützen gerufen. Lukić ist ein serbischer Name, jeder weiß das. Und alle haben seinen Namen gerufen. Den Leuten war sein ethnischer Hintergrund völlig egal.
taz: Lukić ist in der Republika Srpska aufgewachsen, dem vorwiegend serbischen Landesteil Bosniens. Er hat viele Jahre für Borac Banja Luka gespielt, dessen Ultrafans dem Kriegsverbrecher Ratko Mladić huldigen.
Jakubović: Ich wusste gar nicht, dass Lukić für Banja Luka gespielt hat, weil es für mich keine Rolle spielt. Ich war vor Kurzem dort und habe Freunde zum Abendessen getroffen. Sie erzählten mir, dass ein Freund von ihnen einen siebenjährigen Sohn hat, der in der Jugend von Borac Banja Luka spielt. Dieser Bursche wollte im Trikot der bosnischen Nationalmannschaft zum ersten Training gehen. Seine Eltern meinten, er solle das lieber nicht machen. Und was sehen seine Eltern beim ersten Training? Fast alle Kinder sind im Bosnientrikot gekommen. Die Dinge ändern sich.
taz: Bosnien hat laut Verfassung drei Präsidenten, die alle Ethnien vertreten. Aber mit Sergej Barbarez nur einen Teamchef für die Nationalmannschaft. Repräsentiert er das ganze Land?
Jakubović: Barbarez ist locker, und alle im Land respektieren ihn. Er kommt aus einer gemischten Ehe, sein Vater ist Serbe und seine Mutter Kroatin. Er hat aber immer für die Nationalmannschaft von Bosnien-Herzegowina gespielt. Auch wenn er dafür von manchen im Land kritisiert wurde. Er ist ein wesentlicher Teil des Erfolgs und zeigt, wie es gemeinsam geht.
taz: Barbarez hat seine Karriere vor dem Krieg beim multiethnischen Klub Velež Mostar begonnen. Die politisch aufgeladene Feindschaft zwischen Velež Mostar und dem kroatischen Klub Zrinjski Mostar zeigt aber, wie gespalten das Land bis heute ist.
Mujagić: Aber es ist nur eine Minderheit, die diesen nationalistischen Hass in den Stadien anfacht. Die Hardcorefans werden für die Krawalle von der Politik bezahlt, und Nationalisten nützen das aus, um den Konflikt aufrechtzuerhalten. Besonders in einem Wahljahr werden Vorfälle bewusst provoziert. Deshalb blieben nationalistischen Politiker während des WM-Sommers stumm. Weil die Mannschaft die Menschen zusammengebracht hat und der politische Konflikt kein Thema war.
taz: Mit dem Tod des Kriegsverbrechers Ratko Mladić Ende August ist die Anspannung in Bosnien kurz vor der Parlamentswahl gestiegen. Was erwarten Sie sich von der Wahl?
Jakubović: Bisher war es so, dass nach jeder Wahl die Politik wieder ihren gewohnten Lauf genommen und sich wenig geändert hat. Diesmal ist die Hoffnung aber größer, dass sich etwas zum Positiven verändern wird. Zudem sind rund um die Wahl die Spiele der Nations League. Sollte Bosnien da erfolgreich sein, wird die gute Stimmung im Land überwiegen und die Politik weniger Raum für Spaltung haben.
taz: Was ist eigentlich von der Euphorie rund um die WM geblieben?
Mujagić: Ich sehe bereits jetzt viel Positives. Wir sind als Band sehr viel in anderen Ländern unterwegs, und die Menschen haben Bosnien-Herzegowina in diesem Sommer anders wahrgenommen. Manche haben das Land überhaupt erst kennengelernt. Die Menschen haben gesehen, dass Bosnien großartige Fußballspieler hat, positiv verrückte Fans und wunderbare Städte. Die Touristenzahlen sind explodiert, und viele Menschen wollten das Land zum ersten Mal entdecken. Ich habe das Gefühl, Bosnien ist das nächste große Ding. Das ist ein schöner Effekt dieses WM-Sommers.
taz: Für die WM haben Sie Ihren Song „U.S.A.“ mit einem neuen Text ausgestattet. Statt den Wunsch auszuwandern, geht es um den gemeinsamen Erfolg im Gastgeberland. Aber auch Ćevapi und Burek tauchen plötzlich auf. Was hat es damit auf sich?
Jakubović: Das ist ebenfalls humorvoll gemeint. Von allen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens ist Bosnien das einzige, in dem Burek nur mit Fleisch gemacht wird. Wird das Gericht statt aus Fleisch mit Spinat oder Käse gefüllt, heißt es in Bosnien Pita. In den anderen Balkanländern heißt es aber trotzdem Burek. Ähnlich ist es mit Ćevapi, dem bosnischen Nationalgericht. In Bosnien isst man Ćevapi mit Zwiebel. In den anderen Ländern gibt es aber alle möglichen Variationen und Verrücktheiten. In Slowenien gibt es Ćevapi zum Beispiel mit Frischkäse oder mit Ajvar. Und wer besonders verrückt ist, gönnt sich Ćevapi mit Kaymak auf dem Teller. Das ist ein Milchaufstrich. Ein absolutes No-go in Bosnien. Das wollten wir klarstellen.
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