Stichwahl in Brasilien – Lula gewinnt – der Streit um die Wahl geht weiter

Während das Lula-Lager feierte, wurde bei Flávio Bolsonaro im Wahlbunker die Musik heruntergedreht. Nach dem gewonnenen ersten Wahlgang waren er und sein Team siegesgewiss. Doch Lula holte auf. Er gewann im zweiten Wahlgang rund 10.4 Millionen Stimmen hinzu, Flávio nur 3.7 Millionen. Der amtierende und neue Präsident legte im digitalen Wahlkampf zu. Der Whatsapp-Chat «Die Armee Lulas» gewann immer mehr Follower, am Ende waren es mehr als zehn Millionen.
Bolsonaro will das Ergebnis nicht anerkennen
Bolsonaros Wahlkampfchef warnt gar vor einem möglichen «Justizputsch». Er kritisiert insbesondere Richter Zanin, der wegen Problemen im öffentlichen Nahverkehr eine zweistündige Verlängerung der Abstimmung anordnete. Die Entscheidung kam allerdings zu spät, um sie überall umzusetzen.
Umgekehrt wirft das Lula-Lager dem Präsidenten des Wahlgerichts, Kassio Nunes Marques, vor, zu lange untätig geblieben zu sein. Ihm lag schon gegen Mittag der Antrag auf eine Verlängerung der Abstimmung vor, doch er traf keine Entscheidung. Auch Bolsonaros Wahlkampfteam hatte wegen Unwettern in bestimmten Regionen eine Verlängerung beantragt.
Regieren für Lula nun noch schwieriger
Lula hat zwar die Präsidentschaft verteidigt, seine politischen Gegner aber bleiben stark. Bolsonaro erhielt beinahe die Hälfte der Stimmen, seine Partei PL hat bei den Parlamentswahlen an Einfluss gewonnen. Für Lula dürfte das Regieren noch schwieriger werden als bisher.
Nach der Niederlage könnte sich im Bolsonaro-Lager die Führungsfrage stellen: Flávio hat es nicht geschafft, seinen Vater an der Staatsspitze zu beerben. Sein Senatsmandat läuft im Januar aus und es laufen Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen mutmasslicher Geldwäsche. Sein Bruder Eduardo, der in den USA wohnt, hat ihm bereits öffentlich angeraten, Brasilien zu verlassen.
Rückschlag für US-Präsident Trump
International ist Lulas Wiederwahl ein wichtiges politisches Signal – und ein Rückschlag für Donald Trump. Er hätte mit Flávio Bolsonaro einen engen politischen Verbündeten an der Spitze der grössten Volkswirtschaft Lateinamerikas gewonnen. Stattdessen dürfte Brasilien unter Lula seinen eigenständigen aussenpolitischen Kurs fortsetzen, mit engen Wirtschaftsbeziehungen zu China. In seiner ersten Ansprache nach der Wahl kündigte Lula zudem eine strengere Regulierung der grossen Technologieplattformen an.
Für Lula beginnt eine schwierige Mission. Er muss ein tief gespaltenes Land regieren – mit einem Parlament, in dem seine Gegner stärker geworden sind. Parallel dürften die Diskussionen um die Justizentscheidungen am Wahltag die nächsten Wochen und Monate prägen. Bolsonaronahe Politiker sprechen bereits von Impeachment-Plänen gegen Oberste Richter.
Heikel ist der knappe Wahlsieg auch in Hinblick auf die jüngste Geschichte Brasiliens. Die Erinnerungen an die letzte Wahlniederlage eines Bolsonaro sind noch frisch: Als Flávios Vater Jair 2022 die Wahlen verlor, folgten Putschpläne, einschliesslich gerichtlich festgestellter Mordpläne gegen Lula, und ein Sturm auf die Regierungsgebäude in Brasília.
Die Wahl ist ein wichtiger Etappensieg für Lula. Nun beginnt die Arbeit.
Karen Naundorf
Südamerika-Korrespondentin
Karen Naundorf ist SRF-Korrespondentin in Südamerika, Standort Buenos Aires. Sie hat in Berlin und Barcelona Kommunikation studiert, die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg absolviert und ist Fellow des Pulitzer Center on Crisis Reporting.
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