Neues Album von Chemnitzer Duo Tränen: Erst Hunde, dann Katzen und Aliens

Das Duo Tränen bewirbt sein Album „Leben in einer Katze“ mit einer witzigen Kampagne. Texte über Entfremdung und Zweisamkeit sind verpackt in Poppunk.
Über die Reeperbahn in Hamburg-Sankt Pauli rollt eine riesige Schallplatte. Statt der gewöhnlichen zwölf Zoll beträgt ihr Durchmesser rund drei Meter. Mühsam rollt das Duo Tränen aus Chemnitz – Gwendolyn Schneider-Rothaar und Steffen Israel – sein neues Werk zu den Fans, die Botschaft kommt an: Hier gibt es noch echte Handarbeit.
Von wegen abgehoben. Wie das Gewicht des Riesenvinyls seine beiden Anschieber:Innen in die Knie zwingt, das sieht sehr bodenständig aus. Ein bisschen Leiden für die Kunst darf auch mal sein. Vor den gebannt wartenden Fans hieven Tränen das überdimensionale Kunstwerk umständlich auf einen ebenfalls überdimensionalen Plattenspieler, all die Müh’ für ihre Listening Session, die Open Air beim Reeperbahnfestival steigt.
„Leben in einer Katze“ heißt das neue Album von Tränen. Eine Katze, sie wird Lutz gerufen, blau und kuschelig, ziert auch das Cover. Angeblich sei sie inzwischen verloren gegangen, wie Gwen Dolyn etwas nebulös verkündet. Ein weiterer Twist der Promokampagne? Aber dringt aus den Rillen dieses aufsehenerregenden Werks denn überhaupt aufregende Musik?
Tränen
Tränen: „Leben in einer Katze“ (Eklat Tonträger/Warner Brothers); die Tour beginnt Ende Februar 2027
Die Fallhöhe ist hoch, nicht nur im wörtlichen (drei Meter Durchmesser), sondern auch im übertragenen Sinne. Denn das tierisch gute Debütalbum der Tränen, „Haare eines Hundes“, legte die Latte hoch. Es überzeugte 2024 bereits mit seinen leicht exzentrischen Songtexten der durchaus poetisch veranlagten Komponistin Gwen Dolyn. In ihren Texten verarbeitet die junge Frau mal Herzschmerz, mal politische Themen. Dazu spielt die tonangebende Gitarre von Steffen Israel memorable Hooklines. Nun, zwei Jahre später, geht es auf „Leben in einer Katze“ munter weiter mit poppigem bis punkigem Sound.
Tränen genießen inzwischen einen gewissen Ruhm, auch befeuert durch Israels Job als Kraftklub-Gitarrist – eine Band, die solide Poprock-Musik und kritische Texte mit viel Elan bietet. Auch Gwen Dolyns Soloalbum hatte unüberhörbar Raffinesse: Popsongs voller widerstreitender Gefühle, die die Gesellschaft nicht immer akzeptieren will und die, wie sie es betitelt, x-rated sind.
In die gleiche Kerbe schlagen nun die zwölf neuen Songs der beiden Chemnitzer Musiker:innen. Diesmal ist das tonangebende Gefühl in den Texten Entfremdung. Sie fühlen sich alienated, also anders als alle anderen, und ergründen warum. Der Alienfilm von Tränen wirkt dabei so gar nicht blutrünstig, düster oder Gefahr heraufbeschwörend, die Musik schimmert eher nostalgisch-meliert in Blau und Orange, mit passenden Reimen über Kornkreise in Maisfeldern. Auf dem Album kommt ein grundlegendes Bedürfnis zum Ausdruck: Gwen Dolyn will, dass sie ein UFO abholt, sie will zum Mond fliegen und dann wegdriften.
Eigentlich scheint dahinter immer wieder ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit auf. „Oh Honey“ bringt es auf den Punkt: „Gib mir das Gefühl, dass ich sein darf, dass ich bleiben darf.“ Auch musikalisch wirkt es hin und wieder alienhaft, wenn der Autotune-Gesangseffekt zum Einsatz kommt und elektronische Sounds um den Tränen-Orbit kreisen. Meist dominiert jedoch Pop mit Nullerjahre-Vibe à la Wir sind Helden.
Wunderbare Weirdness
Da darf es auch mal kitschig klingen: „Ich will dich/ Nicht den Mond/ Nicht sein Gewicht/ Nicht all die Sterne/ Nicht den Orbit, nur dein echtes warmes Licht.“ Was jedoch gut eingerahmt wird von wunderbarer Weirdness: „Will alles töten, was nicht käuflich ist. Sind wir Katzen oder Aliens?“
Weil Tränen aber Menschen sind und das Alltagsleben für sie belastend bleibt, kommen zwiespältige Gefühle zwischen Freiheit und Einsamkeit, Sehnsucht und Zurückweisung zum Vorschein: „Ich wollte einen Kuss, jetzt krieg ich einen Kick“ – für die Fans sofort erkennbar eine Referenz aufs Tränen-Debütalbum. Weitere Zitate reichen von den schwedischen Cardigans bis zum Offenbacher Rapstar Haftbefehl.
Mit dem neuen Album zeigen Tränen deutlich, dass ihre Platte mehr als nur zwei Seiten hat. Denn welches Genre eignet sich am besten, um über Entfremdung und Ausgrenzung zu singen? Punk! Zusammen mit Maxim, Mitglied der Berliner Rap-Crew KIZ, covern Tränen den masochistischen Deutschpunk-Klassiker „Ordinäre Liebe“ der Band Toxoplasma aus dem Jahr 1983. Und mit „Wenn sie schwitzt“ findet sich dazu ein bissiger Song gegen den männlichen Hetero-Blick auf Frauen, vorgetragen im wütenden Riot-Grrrl Gestus.
„Leben in einer Katze“ hat also jede Menge spacige Gefühle, die sich eigentlich doch ganz irdisch anfühlen – und im Auto wie im UFO gleichermaßen fantastisch scheppern.
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