Milena Moser über ihre innere Hausfrau: Was heisst hier schon normal?
Milena Moser über ihre innere Hausfrau
Was heisst hier schon normal?
Ein Freund braucht keine Ausrede, um zu erklären, warum er unserer Einladung nicht gefolgt ist. Manchmal sei er einfach komisch, sagt er.
Publiziert: vor 15 Minuten
Aktualisiert: 26.09.2026 um 10:17 Uhr
Darum gehts
KI-generiert, redaktionell geprüft
- Victor empfängt Spontanbesuch mit verspätetem Geburtstagsgeschenk herzlich
- Milena Moser hat die innere Schweizer Hausfrau, die sich mit Spontanbesuchen schwertut, inzwischen abgelegt
- Sie kann die gesellschaftliche Überforderung des Gastes gut nachvollziehen
Milena MoserSchriftstellerin
Mitten am Nachmittag klingelt es an der Tür. Ich hab mir gerade einen Kaffee gemacht und will ihn in mein Schreibhäuschen tragen. Mitten in der Bewegung erstarre ich. Als könnte man mich durch die Tür hindurch sehen. Als wollte ich mich verstecken. Warum eigentlich? Vermutlich ist es ohnehin der Paketausträger, der mir irgendeine Kartonschachtel voller Dinge bringt, die ich gar nicht brauche, die ich in einem schwachen Moment, vermutlich spätabends, bestellt und prompt wieder vergessen habe. Wir kennen uns unterdessen schon relativ gut, weil er so oft vorbeikommt.
Während ich noch mit mir selber debattiere, was ich nun tun soll, höre ich, wie Victor die Tür öffnet. «Shaun, alter Freund» ruft er. «Komm rein!» Victor hat im Gegensatz zu mir kein Problem, sich auf unangemeldeten Besuch einzustellen. Zu Beginn unserer Beziehung hat er mir das auch ganz klargemacht: Bei ihm sind alle immer willkommen. Das nennt man ein offenes Haus.
Innerlich gschtabig
Und eigentlich finde ich das ja schön, ich bin nur innerlich ein wenig gschtabig. Es brauchte eine Weile, bis ich mich darauf einlassen konnte. In erster Linie musste ich die Schweizer Hausfrau in mir besänftigen, die meinte, sie müsse gleich alles stehen und liegen lassen und eine angemessene Bewirtung herbeizaubern. (Lustig, dass diese innere Hausfrau erst in mir erwacht ist, als sie niemand mehr brauchte beziehungsweise nachdem ich die Schweiz verlassen hatte.)
Jetzt weiss ich, ich muss gar nichts. Victor hat eine Kaffeemaschine im Studio stehen, einen gut gefüllten Kühlschrank und er kann im Gegensatz zu mir einfach weiterarbeiten, während er plaudert oder – noch häufiger – zuhört. Manchmal spannt er spontane Gäste auch in seinen Prozess ein, dann seh ich sie im Studio um den grossen Tisch sitzen, Papier kleben oder Holzstücke abschmirgeln.
Heute ist es also Shaun, der vor der Tür steht, wie immer in einem zu engen und zu weit offenstehenden Hemd, das ihn nur unzulänglich vor dem kalten Küstenwind schützt. Er hält eine Flasche Meskal in der Hand, die eine goldene Schleife um den Hals trägt.
«Die hab ich extra für deinen Geburtstag gekauft», sagt er zu Victor.
Die Party war vor über zwei Wochen, denke ich, aber ich sage nichts und Victor auch nicht. Er bittet den Freund freudig rein und führt ihn gleich ins Studio. Die beiden haben sich bei gemeinsamen Freunden kennengelernt und über die Jahre, im Verlauf von sporadischen Essenseinladungen, ihre gemeinsame nerdige Liebe für Roboter und elektronische Musik entdeckt.
Divergent von welcher Norm?
Ich trag jetzt meinen Kaffee ins Studio und stelle mich dazu, immer noch nicht sicher, ob ich mich auf den Besuch einlassen oder gleich in mein Schreibhäuschen weiterziehen will.
Nun stell dich nicht so an, rede ich mir zu. Sei nicht so komisch!
«Ich hab mich so über die Einladung zu deiner Geburtstagsparty gefreut», sagt Shaun. «Doch als der Tag dann da war, konnte ich einfach nicht. Ich konnte das Haus nicht verlassen. Konnte nicht unter Menschen gehen.» Er zuckt mit den Schultern: «Manchmal bin ich einfach so!»
Ich seufze: «Ach, ich auch», sage ich. «Ich auch!»
Shaun ist, wie ich ja auch, jemand, der meist funktioniert, und auch sehr gut funktioniert. Aber manchmal eben nicht. Und das ist vollkommen okay.
Was heisst überhaupt normal, frage ich mich, nicht zum ersten Mal. Was bedeutet «neurodivergent», divergent wovon, von welcher Norm? Und dann bin ich einfach dankbar dafür, dass wir in einer Zeit leben, in der wir nicht lügen müssen. Keine Ausreden brauchen, um unser Verhalten zu erklären. Denn laut Victor bedeutete «normal» in früheren Zeiten nichts anderes als das: so zu tun als ob.
Als ob was?
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