Mann zieht Line im Zug – wie würdest du reagieren?

- Judith (46) beobachtete im Zug vom Zürich HB nach Schlieren, wie ein Mann morgens um 9 Uhr eine Linie Drogen konsumierte. Die Zürcherin wusste daraufhin nicht, wie sie reagieren sollte.
- Wer sich in einer ähnlichen Situation wiederfindet, soll gemäss SBB die Transportpolizei unter 0800 117 117 verständigen.
- Die Suchtfachstelle Zürich erklärt, wann Aussenstehende den Notruf wählen sollten.
«Ich fühlte mich blockiert – die ganze Situation war für mich sehr unangenehm», sagt die 46-jährige Judith aus dem Kanton Zürich zu 20 Minuten. Sie war Anfang September morgens um 9 Uhr in einem Zug vom Zürich Hauptbahnhof nach Schlieren unterwegs, als sich ein Mann zu ihr ins Abteil setzte. Dieser nahm seine Kreditkarte hervor und präparierte auf seinem Tablet eine Linie mit weissem Pulver, wie Judith erzählt.
Den genauen Inhaltsstoff der Substanz kennt Judith nicht. In diesem Schockmoment dachte sie: «Ist das sein Ernst? Das kann doch gar nicht sein.» Zuvor habe sie noch nie erlebt, dass jemand in einem öffentlichen Verkehrsmittel offen Drogen konsumiert.
«Ich hätte nicht erwartet, dass da die Hemmschwelle so tief ist.»
Sitzen geblieben, trotz unangenehmer Situation
«Ich wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte», erinnert sich Judith. Deshalb sei sie sitzen geblieben, obwohl sie sich in der Situation unwohl fühlte. Die 46-Jährige entschied sich dagegen, ihn zu konfrontieren, «schliesslich weiss man nie, wie eine Person reagiert».
Wie würdest du in einem Zug reagieren, wenn neben dir jemand offen Drogen konsumiert?
«Schauen wir zu oft weg?»
Im Nachhinein habe sie das Erlebte nachdenklich gemacht. Sie fragt sich in einem Video in den sozialen Medien: «Schauen wir als Gesellschaft heute zu oft weg, um ‹Toleranz› zu zeigen? Und bedeutet diese ‹Toleranz› vielleicht nicht auch, dass wir immer mehr in eine gewisse Gleichgültigkeit rutschen?»
Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. «Es ginge mir genau gleich. Ich hätte nicht die Courage, etwas zu sagen» oder «Wenn das ein Teenager gesehen hätte», ist unter den Kommentaren zu lesen. Andere Nutzer nehmen die Situation gelassener und finden etwa Worte wie «Leben und leben lassen.»
Rückblickend ist für Judith klar: «Wenn ich bemerke, dass eine Person in Not ist, werde ich immer helfen.»
«Abstand halten und Person nicht konfrontativ ansprechen»
Auf Anfrage erklärt die SBB, wie Passagiere in ähnlichen Situationen vorgehen können. Diese Hinweise beziehen sich nicht auf den konkreten Fall: «Die eigene Sicherheit hat Priorität. Wir empfehlen, Abstand zu halten und die Person nicht konfrontativ anzusprechen.»
Gemäss SBB können sich Reisende an das Zugpersonal wenden oder die SBB-Transportpolizei unter 0800 117 117 kontaktieren. Hilfreich seien möglichst genaue Angaben zum Zug, Wagen und Standort der Person.
«Der Handel und Konsum illegaler Betäubungsmittel ist auf den Bahnhofarealen der SBB ausdrücklich verboten», betont die SBB.
Gefahren für Aussenstehende und Konsumierende
Welche Gefahren der Konsum im öffentlichen Raum birgt, erklärt Martin Fleckenstein, Psychotherapeut und Co-Leiter des Fachbereichs Beratung und Therapie der Suchtfachstelle Zürich: «Zum Beispiel bei Kokain können neben euphorischen Zuständen auch durch Enthemmung auftretende Emotionen wie beispielsweise Aggressionen eine Rolle spielen.»
Jedoch hänge die Gefahr von verschiedenen Faktoren ab. Unter anderem die konsumierte Substanz, die Menge der Substanz und der Zustand der jeweiligen Person würden eine Rolle spielen.
Im Zweifelsfall: Notruf wählen
Laut Fleckenstein können bei einer Gefährdung einer Person die räumliche Distanzierung, aber auch die Alarmierung der Polizei nötige Massnahmen sein. Bei einer Gefährdung der konsumierenden Person gelte es zu prüfen, ob Soforthilfe nötig ist – unter Berücksichtigung der eigenen Sicherheit.
Allerdings gestalte sich die Einschätzung der potenziellen Gefahr sehr komplex. Denn das Verhalten von Personen im intoxikierten Zustand sei häufig unberechenbar. Deshalb erklärt Fleckenstein: «Im Zweifelsfall ist es angezeigt, auf Blaulichtorganisationen (Polizei und/oder Ambulanz) zurückzugreifen.»
Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Problem mit Suchtmitteln?
Hier findest du Hilfe:
Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen
Feel-ok, Informationen für Jugendliche
Infodrog, Information und Substanzwarnungen
Vergiftungsnotfälle, Tel. 145
Lisa Arnold (lia) arbeitet seit März 2026 bei 20 Minuten als Praktikantin im Ressort Zürich.
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