«Qualität ist so schlecht, finds toll»: Mini-Kameras sind Kult

Sie ist kaum grösser als ein Schlüsselanhänger, wiegt nur ein paar Gramm und macht Fotos, die bei schummrigem Licht aussehen, als wären sie 2006 auf einer WG-Party entstanden: Ausgerechnet solche Kameras bringen gerade jede Menge Tiktok-Userinnen und -User zum Durchdrehen.
Die Mini-Digitalkameras kosten zwischen 25 und 40 Franken und können, was moderne Smartphones längst verlernt haben – unperfekte Bilder machen. Der Hype zeigt sich auch in der Schweiz. Im Juli war bei Galaxus mehr als jede dritte verkaufte Digitalkamera eine Mini-Kamera.
Würdest du dir eine Mini-Kamera zulegen?
In Deutschland ist die Mini-Cam schon ausverkauft
Dass junge Menschen wieder mit Digicams fotografieren, ist bekannt. Ricardo und Digitec meldeten schon 2024 steigende Suchanfragen. Klassische Kompaktkameras legten bei Galaxus dieses Jahr gegenüber 2025 um mehr als 60 Prozent zu.
Neu sind das herzige Mini-Format und ein Preis, für den oft sogar das Taschengeld reicht. «Leute, rennt!», schreiben deshalb Fans der winzigen Kamera im Netz.
Wer zu langsam läuft, geht womöglich tatsächlich leer aus: Bei dem in Deutschland besonders gehypten Modell vom Drogeriemarkt DM zeigt die Filialkarte reihenweise ausverkaufte Märkte an. Auf Wiederverkaufsportalen wird die Kamera, die eigentlich 24.95 Euro (umgerechnet rund 23 Franken) kostet, teils für mehr als das Doppelte angeboten.
«Weil es nicht perfekt ist, finde ich es toll»
Die Tests der Cam fallen auf Social Media positiv aus: Mit häufig gerade mal zwei Megapixeln lässt die Foto- und Videoqualität der Mini-Cam zwar zu wünschen übrig. Doch das tut der Beliebtheit keinen Abbruch. Im Gegenteil: «Ich muss sagen, dass ich mega zufrieden bin. Gerade weil es nicht perfekt ist, finde ich es so toll», schreibt etwa ein User zu einem Test der DM-Kamera. Eine andere Person findet: «Die Qualität ist so schlecht, dass es besonders ist und ich finds toll.»
Auch in der Schweiz hoch im Kurs
Hierzulande stehen die Chancen besser, noch fündig zu werden – etwa bei Interdiscount, Mediamarkt oder Galaxus. Die mit Abstand beliebteste Mini-Kamera bei Galaxus ist laut Medienstelle die Kodak Charmera für 39.90 Franken. Auf sie entfallen nicht nur rund drei Viertel aller verkauften Mini-Kameras. Auch im Vergleich mit allen anderen Digitalkameras beim Onlinehändler belegt sie aktuell den ersten Platz.
Die Mini-Cam im Selbsttest
Höchste Zeit, das neue Hype-Gadget selbst zu testen. Redaktorin Malin schnappt sich ein Modell von Rollei für 24.95 Franken – die Micro-SD-Karte muss sie dazukaufen.
Ihr erster Eindruck von der Mini-Cam: «Oh mein Gott, so herzig! Bevor ich etwas knipsen kann, muss ich sie allerdings etwa eine Stunde laden. Dafür ist die Bedienung benutzerfreundlich, denn es gibt lediglich vier Knöpfe. Einen zum Auslösen und einen zweiten, mit dem man zwischen Video und Foto hin- und herschaltet. Die anderen zwei sind Pfeiltasten für Filter und um durch die geschossenen Aufnahmen zu schauen.»
Beim Dinner am Abend testet sie die begehrte Mini-Cam aus. «Praktisch: Steht eine herzige Mini-Kamera beim Apéro, muss man niemanden bitten, Fotos zu machen. Alle wollen wissen, was das ist, und filmen beim Kochen, Dippen, nach dem Dinner auf der Couch – auch banale Sachen sehen durch die schlechte Qualität und den Retro-Look irgendwie ästhetisch aus. Meine Kollegin befindet: ‹Sieht ein bisschen aus wie Bilder aus der Fotokabine.›»
Nun zum negativen Aspekt: «Auf meinen PC kann ich die Fotos am nächsten Morgen mit dem USB-Kabel einfach übertragen – mit dem Lightning-Adapter für mein Smartphone scheitere ich. Woran es liegt, erfahre ich in der Bedienungsanleitung: ‹Die Übertragung mit dem USB-C-Adapter funktioniert nur bei Smartphones mit Android-Betriebssystem›, steht da. Für viele – mich eingeschlossen – dürfte das ziemlich frustrierend sein.»
Dazu kommt: «Gleich zweimal höre ich aus meinem Bekanntenkreis, dass die Mini-Cams nach kurzer Zeit nicht mehr laden oder Fotos und Videos nicht richtig gespeichert werden. Es ist scheinbar nicht nur die Bildqualität, die tief liegt.»
Worauf achtest du bei einer Kamera? Muss die Qualität stimmen, oder darf sie auch einfach nur Spass machen?
Malin Mueller (mmu) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin Lifestyle und Beauty-Redaktorin. Ihr Fokus: Hautpflege, Frisuren und Trend-Checks.
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