Nach Nein zu Ernährungsvorlage – Ernährungswende: Was nach dem Nein zur Initiative bleibt

Die Schweizer Stimmbürger haben die Lebensmittelinitiative abgelehnt. Diese hätte die Schweizer Landwirtschaft dazu verpflichtet, den Selbstversorgungsgrad deutlich zu erhöhen und den Anbau pflanzlicher Lebensmittel stärker voranzutreiben. Damit bleibt die Debatte darüber, wie sich die Schweiz künftig ernähren und ihre Lebensmittelversorgung sichern soll, weiterhin am Laufen.
Auch der Bund hat sich mit dem Thema befasst. Er will den Selbstversorgungsgrad erhöhen, unter anderem durch mehr pflanzliche und weniger tierische Lebensmittelproduktionen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die nächste Reform der Landwirtschaftspolitik, die sogenannte Agrarpolitik 2030+.
Was beinhaltet die Agrarpolitik 2030+?
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Mit der Agrarpolitik 2030+ (AP30+) plant der Bund die nächste grössere Reform der Schweizer Landwirtschaftspolitik. Sie soll die Ernährungssicherheit stärken und den Landwirtinnen und Landwirten mehr unternehmerischen Spielraum geben.
Dafür sollen Direktzahlungen stärker an konkreten Ergebnissen ausgerichtet und der administrative Aufwand mit digitalen Lösungen reduziert werden.
Zudem will der Bund die Marktbeobachtung und die Selbsthilfe der Branche stärken sowie die Milchzulagen erhöhen. Er plant einen besseren Schutz der Kulturen, eine stärkere Förderung von Nützlingen und Insekten sowie zusätzliche Unterstützung für nachhaltige Technologien. Auch soll die Produktion stärker auf die menschliche Ernährung ausgerichtet werden.
Weiter sollen Detailhandel und Konsumenten stärker Verantwortung für ein nachhaltiges Ernährungssystem übernehmen. Für 2030 bis 2033 will der Bundesrat 13.81 Milliarden Franken für die Landwirtschaft beantragen. Die Vernehmlassung läuft bis 8. Dezember 2026.
Jürg Vollmer, Agrarjournalist und Kenner der Schweizer Agrarpolitik, sieht in der geplanten Reform entscheidende Massnahmen. «Ich glaube, das wichtigste Element in der Agrarpolitik 30+ ist eine Verlagerung von der Tierhaltung zur Ackerlandwirtschaft», sagt er. Heute werden auf 60 Prozent der Ackerflächen Futtermittel für Tiere angebaut. Künftig soll dieser Anteil noch 40 Prozent sein. Dadurch könnten mehr Flächen direkt für die menschliche Ernährung genutzt werden.
Weniger Tierhaltung, weniger Food Waste
Für Vollmer liegt ein weiterer wichtiger Hebel bei den Lebensmittelabfällen. «Das ist eines der grossen Themen, die komischerweise eigentlich niemand angeht», sagt er. Der Grund dafür sei einfach: «Es betrifft die Konsumenten. Konsumenten sind Wähler und niemand möchte die Wähler verärgern.»
Wir müssen die Ernährungswende schnell angehen, sonst ist es zu spät.
Vollmer hält das Ziel der Ernährungsinitiative zwar für zu ambitioniert. Gleichzeitig brauche es eine Ernährungswende. Dieser Gedanke sei aber bei einem grossen Teil der Bevölkerung noch nicht angekommen – trotz Warnungen. «Diese Woche hat etwa der britische Geheimdienst gesagt, dass sich der Klimawandel ab 2030 massiv auf die Ernten und die Ernährung auswirken wird.» Vollmer sagt: «Wir müssen die Ernährungswende schnell angehen, sonst ist es zu spät.»
Volk lehnte die Ernährungsinitiative klar ab
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Die Volksinitiative zielte auf eine nachhaltigere und stärker auf die Versorgungssicherheit ausgerichtete Ernährungspolitik. Sie verlangte unter anderem einen höheren Selbstversorgungsgrad der Schweiz, mehr pflanzliche Lebensmittel und einen stärkeren Trinkwasserschutz – innerhalb von zehn Jahren.
Die Initiative wurde mit 72.5 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt.
Der Bundesrat hatte sich gegen die Vorlage ausgesprochen. Er argumentierte unter anderem, dass seine Agrarpolitik bereits darauf ausgerichtet sei, die Versorgung mit einheimischen Lebensmitteln zu stärken. Dazu gehöre auch eine Verschiebung hin zu mehr pflanzlichen und weniger tierischen Lebensmitteln.
Auch Urs Niggli, Präsident des Instituts für Agrarökologie und früherer langjähriger Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), hält eine Ernährungswende für entscheidend. Dazu gehörten weniger Food Waste und der Konsum von mehr pflanzlichen und weniger tierischen Lebensmitteln.
Das Nein zur Initiative bestätigt, dass es schwierig sein wird, am Ernährungsverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten herumzuschrauben.
Doch gerade beim Konsumverhalten sieht Niggli eine grosse politische Herausforderung. «Die Frage ist: Haben wir den Mut, dieses heisse Eisen anzupacken?» Das Nein zur Ernährungsinitiative habe bestätigt, «dass es schwierig sein wird, am Ernährungsverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten herumzuschrauben».
In der Politik sei die Idee einer Ernährungswende zwar grundsätzlich angekommen, die breite Diskussion sei aber ausgeblieben. Die Initiative könne aus seiner Sicht jene bestätigen, die nichts an ihrem Ernährungsverhalten ändern wollten. Viele Menschen könnten deshalb den Eindruck gewinnen, dass es noch nicht notwendig sei, die eigene Ernährungsweise zu überdenken.
Damit bleibt die Frage, wie die Schweiz ihre Böden künftig so nutzen kann, dass sie mehr Menschen ernähren und gleichzeitig die Umwelt schonen. Die Auseinandersetzung darüber dürfte Politik und Gesellschaft auch nach dem Nein zur Ernährungsinitiative weiter beschäftigen.
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