Wohnungslosigkeit in der Hauptstadt: Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin

Frank-Walter Steinmeier promovierte zu Wohnungslosigkeit. Heute leben mehr als 6.000 Menschen auf Berlins Straßen. Eine Begegnung mit einem von ihnen.
Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa/ picture alliance
D er Winter kommt bald. Zwischen den Blättern, die mit einer kaum wahrnehmbaren Traurigkeit zu Boden gefallen sind, liegen einzelne Handschuhe, die gleich beim ersten Tragen verloren gingen. Mit sinkenden Temperaturen verlassen die Berliner*innen nach und nach die Stadt.
Kolumne Keep me updated
Vor zehn Jahren, als Ali Celikkan als junger Journalist aus der Türkei gerade in Berlin angekommen war, traf er Frank-Walter Steinmeier unerwartet im Parlament. Ganz beiläufig und ohne Kontext sagte er einen einzigen Satz zu ihm: „Keep me updated.“ Seitdem ist viel passiert. Diese Kolumne ist sein lang ersehntes Update, über all jenes, das er (als Bundespräsident) sonst verpasst. Alle Texte dieser Kolumne finden Sie hier.
Manche vermieten ihre Wohnungen mit Aufschlag an Neuankömmlinge und überwintern in Mexiko. Für alle, die sich nicht längst auf Weihnachten freuen, wird nun alles schwieriger. Besonders für diejenigen, die keinen Wohnraum haben, den sie untervermieten oder selbst bewohnen können. Diejenigen, die aus den U-Bahn-Stationen vertrieben wurden, suchen Zuflucht in Kellern, Treppenhäusern oder Schrottautos.
In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Wohnungslosen in Berlin auf rund 57.000 gestiegen – mehr als die Zahl der in Kreuzberg lebenden Türk*innen. Sie schlafen in befristeten Notunterkünften. Über 6.000 leben inzwischen ganz ohne Unterkunft auf der Straße.
Herr Bundespräsident, ich habe gelesen, dass Sie Ihre Doktorarbeit zum Thema Wohnungslosigkeit in Gießen verfasst haben. Ich bin sicher, dass die Arbeit nicht plagiiert war. Und bestimmt beschäftigen Sie sich auf eine Art mit wohnungslosen Menschen. Denn sonst hätten Sie bei einer Preisverleihung in Berlin im September nicht gesagt: „Nicht über wohnungslose Menschen reden, sondern mit ihnen.“ Das sehe ich auch so.
Nach einem Unfall wurde er obdachlos
Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie, wenn Sie mit der U-Bahn fahren würden, nicht hastig in den nächsten Wagen flüchten würden, wenn eine wohnungslose Person einsteigt und plötzlich ein Geruch aufkommt. So machen es viele, als könnten sie darüber hinwegspringen wie über eine Pfütze. Weil das Leid zu groß ist, können wir nicht direkt hinsehen. So war es auch, als ich eines Tages auf Nikolais verrottenden Finger blickte.
Nikolai hat hellbraunes Haar, einen vollen Bart, halb geschlossene Augen und Zähne, die ihre besten Tage hinter sich haben. Jeden Tag trägt er andere bunte Kleidung. Manchmal schlägt er mit einem Stock gegen alles, was ihm in die Quere kommt. Manchmal läuft er den Jogger*innen im Görlitzer Park hinterher oder treibt Mütter mit Kinderwagen dazu, ihre Entscheidung, noch immer in Kreuzberg zu wohnen, zu bereuen. Manche Ladenbesitzer halten ihn für abhängig von Feuerzeuggas, weil er in zahlreichen Kiosken Feuerzeuge gestohlen hat. Dabei ist Nikolai cracksüchtig.
Wenn er auf Entzug ist, dauert es nicht lange: zehn Euro zusammenkratzen, zum Park bringen, einen Zug nehmen – und das zehn Minuten später von vorne. Mit schnellen, kurzen Schritten marschiert er dann die Oranienstraße entlang. Nikolai hat nicht immer so gelebt. Früher, erzählt er mir, war er alkoholabhängig. Von Estland nach Finnland, von Karlsruhe nach Berlin. Dann hatte er einen trunkenen Unfall, der seinen Körper in unbeschreibliche Schmerzen stürzte. Danach schwor er, dass er nie wieder trinken würde. Er hat sein Wort gehalten.
Nikolai sagt, er sei die Kälte aus Estland gewohnt. Doch im Winter auf der Straße zu leben, ist nicht dasselbe, wie im Sommer im Schatten eines Baumes auf der Naunynstraße einzuschlafen. Jetzt trägt er einen Schlafsack auf dem Rücken, wirkt erschöpft, seine Schritte sind schwerer geworden. Man sieht ihm an, dass es ihm nicht gut geht. Vielleicht hat er längst den Punkt überschritten, an dem er seinen Schmerz noch ausdrücken oder überhaupt wahrnehmen kann. Vielleicht hat er heute einfach keine Kraft zum Reden. Trotzdem werde ich, wie von Ihnen geraten, weiterhin mit ihm sprechen. Keep you updated.
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