Nadeln und Nägel in Halloween-Bonbons: Die wirkliche Gefahr

Fälle von manipulierten Süßigkeiten an Halloween ängstigen. Wie ist der Stand der Ermittlungen? Und ist vom Süßen oder Sauren in Zukunft abzuraten?
Wie bei anderen religiösen Festen spielen Lebensmittel eine große Rolle bei Halloween. Während Nikolaus und Weihnachten eher im privaten Kreis gefeiert werden, ist das gemeinschaftliche Ostereiersuchen, etwa in Zoos und Freizeitparks, inzwischen weit verbreitet. Halloween unterscheidet sich durch eine besondere Geste und Sozialität, wenn überhaupt dann noch mit den Sternsingern zu vergleichen.
Die Geschenke kommen von Privatleuten und sind damit keiner Kontrolle unterworfen. Wenn Halloween ist, sind es die Schwachen, die Kinder, die Fordernden sind und nicht die ewig gegängelten Bittsteller. Es erinnert an Fasching und Karneval, an die temporär verkehrte Welt.
Kinder fordern, Kinder treten allein in eine (fremde) Erwachsenensphäre, Kinder nehmen Geschenke von Fremden an und sind im Dunklen allein unterwegs. Die englischsprachige Maxime „Never Take Candy from a Stranger“, also „Nimm niemals Süßigkeiten eines Unbekannten an“, ist für einen Tag ausgesetzt.
Es ist naheliegend, dass Halloween damit genug Projektionsfläche bietet für reale Ängste und popkulturelle, sogenannte „Poisoned Candy“-Mythen. Diese „Poisoned Candy“-Mythen sind ein hartnäckiges Phänomen, das jährlich an Halloween wieder aufflackert, unabhängig davon, ob die Fälle echt sind oder nicht: Demnach sollen an Halloween verteilte Süßigkeiten mit gefährlichen Gegenständen wie Nadeln oder Rasierklingen versehen oder gar vergiftet worden sein, um gezielt Kinder zu verletzen. Und ein Blick in die aktuellen Nachrichten lehrt, dass das sehr wirklich werden kann.
Ermittlergruppe in Österreich
Ein Großteil dieser Fälle konnte in der Vergangenheit widerlegt werden. Manchmal enttarnte man sie als Form der Massenhysterie. In anderen Fällen entstand dieses Gerücht, wenn ein Kind unerwartet starb, nachdem es zufällig eine Süßigkeit gegessen hatte, und ein Schuldiger gesucht wurde.
Bekannt ist auch der Fall eines Vaters aus den USA, der 1974 Zyankali in Brausepäckchen mischte, um die Lebensversicherung seines achtjährigen Sohnes zu kassieren – und sich dabei vom „Poisoned Candy“-Mythos inspirieren ließ.
Oder aber es handelte sich lediglich um eine versehentliche Kontamination, wie es in Rheinland-Pfalz dieses Jahr geschehen ist, oder um einen Produktionsfehler, bei dem etwa ein Metallgegenstand in eine Verpackung geraten war. Urteile des Bundesgerichtshofes unterscheiden hier übrigens zwischen „arteigenen“ und „artfremden“ Fremdkörpern. Der Verbraucher könne eine völlige Gefahrlosigkeit nicht erwarten.
Meldungen zu am Halloween-Wochenende in die Hände von Kindern gekommenen manipulierten Süßigkeiten kommen aus deutschen und österreichischen Bundesländern. In Wien wurde die Ermittlergruppe „Treat“ des österreichischen Bundeskriminalamts gebildet. Für Deutschland teilte das BKA auf taz-Anfrage mit, dass ihnen das Phänomen „grundsätzlich bekannt“ sei, die Verantwortlichkeit jedoch bei den Landeskriminalämtern liege.
Der Holzspieß im Schokoriegel
Das LKA NRW sprach auf Anfrage von 24 gemeldeten Fällen. Verletzte habe es keine gegeben. Erkenntnisse darüber, wer dahinterstecken könnte, gebe es nicht. „Über Tätergruppen oder Motive zu spekulieren“, heißt es weiter, sei deshalb „unseriös“.
Das LKA Bayern spricht von 25 gemeldeten Fällen – ebenfalls ohne Verletzungen. 2 Fälle wurden in Hamburg, 3 in Brandenburg gemeldet, 9 in Mecklenburg-Vorpommern, wobei sich ein Kind leicht verletzt haben soll. Auch die anderen Bundesländer verzeichneten Fälle.
In einem Fall im thüringischen Landkreis Hildburghausen hat sich inzwischen herausgestellt, dass ein neun Jahre altes Mädchen den Gegenstand, einen Holzspieß, selbst in einen Schokoriegel gesteckt hat. Wieso das Kind dies gemacht habe, sei bisher nicht bekannt, sagte eine Sprecherin der Polizei der dpa. Der Vater des Mädchens hatte eine vorherige Anzeige bei der Polizei zurückgenommen. Auch in Bayern gibt es mittlerweile 2 Fälle, in denen Kinder eingeräumt haben, Süßigkeiten selbst mit Gegenständen präpariert zu haben.
Auch aus Ungarn und Kanada werden Fälle gemeldet. Es kam bisher zu leichten Verletzungen im Mund bei Kindern, die Polizei rät zur Vorsicht, warnt aber auch vor Panik.
Sadismus und Halloween
Was aber könnten, unseriös gefragt, mögliche Motive sein für das Verteilen von manipulierten Süßigkeiten, dieses „feige und hinterhältige Verbrechen“, wie es der österreichische Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) nannte?
Lisa Natter von der kriminologischen Forschungsgruppe beim Bayerischen Landeskriminalamt (BLKA) sagte auf dpa-Anfrage, den Begriff „Halloween Sadism“, habe der US-Soziologe Joel Best bereits in den 1980er Jahren geprägt.
„Er hat das als moderne urbane Legende untersucht, die als wahr erzählt wird und auch gesellschaftliche Ängste ausdrückt, deren tatsächliches Ausmaß aber häufig durch empirische Belege nicht gedeckt ist“, erklärte Natter. Wichtig sei dabei: Einzelne Fälle – wie jetzt in Deutschland, aber auch zum Beispiel in Österreich, Irland, Dänemark und Norwegen – würden damit nicht bestritten. „Es zeigt sich vielmehr, dass die Erzählungen als Resonanzraum für allgemeinere gesellschaftliche Ängste dienen.“
Die Polizei Essen sagte der Süddeutsche Zeitung, man gehe von mehreren Tätern aus, die Anregungen im Internet gefunden haben könnten. Auch über soziale Medien koordinierte Aktionen seien möglich. Über Ermittlungserfolge sei aber nichts bekannt, viele Verfahren seien wieder eingestellt worden.
Das Auto ist die Gefahr
Und trotzdem ist Halloween kein völlig harmloses Fest. Auch in diesem Jahr wurden Kinder und Jugendliche mit Reizgas verletzt, mit Messern und Schreckschusswaffen bedroht und beleidigt. Auch hier ist die Motivlage diffus.
Eine konkrete Gefahr gibt es am Ende aber doch: Das Risiko für Fußgänger durch ein Auto getötet zu werden, ist an Halloween ohnehin schon erhöht. Für Kinder bis 17 Jahren, das zeigte eine 2018 veröffentlichte Studie, ist es in den USA an diesem Tag dreimal höher als an anderen Tagen.
Noch gefährdeter sind Kinder von 4 bis 8 Jahren. Für sie ist das Risiko sogar 10-mal so hoch. In Niedersachsen etwa wurde ein siebenjähriges Mädchen beim Halloween-Spaziergang von einem Auto erfasst und schwer verletzt.
Achtsam sein auf den Straßen ist das Motto. Und wie bei anderen frohen Festen bleibt am Ende die Erkenntnis, dass man sich den Spaß an Halloween nicht nehmen lassen soll. Wer daran denkt, dass ein Weihnachtsbaum Feuer fangen kann und es sogar bei der Ostereiersuche zu tödlichen Unfällen kommt, wird das Risiko für Kinder an Halloween nicht kleinreden und schon gar nicht ausschließen – aber zu einer abgewogenen Einschätzung kommen können.
Echter Horror an Halloween Nadeln und Nägel in Süßigkeiten
In ganz Deutschland tauchen nach der Gruselnacht manipulierte Süßigkeiten auf. Ein Kind wird verletzt. Wie groß die Gefahr wirklich ist.
Missmanagement in Sachen Halloween Wenn die „Süßes“-Schüssel viel zu schnell viel zu leer wird
Wer an Halloween nicht ausreichend vorsorgt, der kann nur hoffen, dass nicht zu viele vor der Tür stehen. Denn sonst droht ja „Saures“.
Von Stefan Alberti
Halloween Der blanke Horror
Kolumne Starke Gefühle von Max Balzer
Narben, Beulen und Schorf sind kein Partylook. Überlegt euch für Halloween was Originelleres. Menschen mit Hauterkrankungen werden es euch danken.
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.