Hygiene auf öffentlichen WCs: Sind Handtrockner wirklich gefährliche Keimschleudern?

Hygiene auf öffentlichen WCsSind Handtrockner wirklich gefährliche Keimschleudern?
26.09.2026, 09:16 Uhr
Von Hedviga Nyarsik

Papiertuch oder Handtrockner? Was nach einer banalen Frage klingt, beschäftigt nicht nur Besucher öffentlicher Toiletten, sondern auch Forschende seit Jahrzehnten. Doch Studien kommen zu erstaunlich unterschiedlichen Ergebnissen. Und ausgerechnet die naheliegendste Ausweichlösung schneidet besonders schlecht ab.
Handtrockner haben keinen besonders guten Ruf. Sie sollen Bakterien durch öffentliche Toiletten schleudern und frisch gewaschene Hände wieder mit Keimen belasten. Tatsächlich liefern einige Studien alarmierende Zahlen. Doch andere Untersuchungen kommen zu einem ganz anderen Ergebnis: Hier schneidet der elektrische Handtrockner teilweise sogar besser ab als Papier. Wie kann das sein? Und was ist wirklich hygienischer? Papier, Trockner - oder die nassen Hände doch einfach an der Hose abwischen?
Ob Lufttrockner Mikroorganismen verteilen können, wird schon seit Jahrzehnten untersucht. Dabei muss man allerdings zwei Gerätetypen unterscheiden: Klassische Warmlufttrockner blasen relativ langsam warme Luft auf die Hände. Der moderne Hochgeschwindigkeitstrockner hingegen pustet mit einem kräftigen Luftstrom das Wasser regelrecht von der Haut. Häufig werden diese Geräte als "Jet-Dryer" (Jet-Trockner) bezeichnet.
Keime aus der Toilettenluft
Doch lange bevor dieses Hightech-Geräte auf den Markt kamen, beschäftigten seine Vorgänger bereits die Wissenschaftswelt. So kontaminierten Forschende aus Malaysia im Jahr 1989 Hände von Personen mit Testbakterien und ließen sie anschließend entweder mit warmer Luft oder Papier trocknen.
Nach dem Warmlufttrocknen ließen sich die Bakterien in einem Radius von etwa 90 Zentimetern um den Trockner nachweisen, außerdem auf dem Laborkittel der Versuchspersonen. Beim Papiertuch fanden die Forschenden diese Verteilung nicht. Die Studie war allerdings klein und entspricht methodisch nicht dem Standard aktueller Untersuchungen. Dennoch war seitdem der Handtrockner als Keimschleuder bei vielen in Verruf geraten.
Eine spätere Untersuchung der University of Connecticut von 2018 untermauerte diese negative öffentliche Wahrnehmung. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hielten Petrischalen für 30 Sekunden unter Handtrockner in insgesamt 36 Toiletten einer Uniklinik. Anschließend wuchsen darauf im Mittel - je nach Gebäudeteil - zwischen 18 und 60 Bakterienkolonien. Wurden die Platten dagegen bei ausgeschalteten Geräten zwei Minuten lang lediglich der normalen Toilettenluft ausgesetzt, entstand im Mittel höchstens eine Kolonie.
Die Bakterien befanden sich offenbar nicht im Trockner selbst, denn die Innenseiten der Düsen im Gerät waren nur wenig belastet. Das Forschungsteam vermutete vielmehr, dass die Trockner Mikroorganismen aus der Raumluft ansaugten und anschließend mit dem Luftstrom wieder verteilten. Ein eingebauter HEPA-Filter reduzierte die Belastung deutlich.
Eins zu eins lassen sich die Ergebnisse dieser Studie nicht auf alle öffentlichen Toiletten übertragen, schränkte das Team selbst ein. Schließlich befanden sich die untersuchten Toiletten in Forschungsgebäuden, in denen unter anderem große Mengen bakterieller Sporen für Laborarbeiten hergestellt wurden. Genau solche Sporen fanden sich auch wenig überraschend zahlreich in den Toiletten. Daraus lässt sich also nicht ableiten, dass etwa in jeder Bahnhofstoilette dieselben Keimmengen durch die Luft schwirren.
Mehr Bakterien als beim Papiertuch
Besonders auffällige Zahlen lieferte eine britische Untersuchung vier Jahre zuvor. Die Forschenden bestrichen ähnlich wie in der 1989er-Studie Hände mit harmlosen Lactobazillen, die schlecht gewaschene Hände simulieren sollten. Anschließend verglichen sie drei Arten des Trocknens: Papier, einen klassischen Warmlufttrockner und einen Hochgeschwindigkeitstrockner - der Jet-Dryer eroberte seit Anfang der Nullerjahre die öffentlichen Toiletten.
Das Ergebnis: In unmittelbarer Umgebung fanden sie beim Hochgeschwindigkeitstrockner durchschnittlich 70,7 koloniebildende Bakterien in der Luft. Beim Warmlufttrockner waren es immerhin noch 15,7, beim Papier lediglich 2,6. Der Wert lag beim Jet-Trockner damit rund 27-mal höher als beim Papiertuch. Auch in einem Meter Entfernung zeigte sich laut Forschenden dasselbe Muster. Doch auch diese Studie hat einen wichtigen Haken: Finanziert wurde sie vom European Tissue Symposium, einem Verband der europäischen Taschentuch- und Papierindustrie.
Dieselbe Forschungsgruppe untersuchte 2018 Toiletten in Krankenhäusern in Großbritannien, Frankreich und Italien. Über einen Zeitraum von zwölf Wochen nahm das Team Hunderte Proben aus Luft und Staub sowie von Böden, Waschbecken und Trocknern. Auch dieses Mal kamen die Forschenden zu einem ähnlichen Ergebnis: Wenn Jet-Trockner genutzt wurden, war die bakterielle Belastung an mehreren Messorten teils signifikant höher als während der Papiertuch-Phasen.
Doch auch diese Arbeit wurde vom European Tissue Symposium finanziert. Später musste das Fachjournal zudem eine zunächst unvollständige Interessenkonfliktangabe ergänzen: Drei Forscher hatten Honorare beziehungsweise Reisekosten von dem Branchenverband erhalten. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ihre Ergebnisse falsch sind. Bei einem direkten Vergleich zweier konkurrierender Produkte ist die Finanzierung aber wichtig, um die Befunde einzuordnen.
Auf den Händen sieht die Sache anders aus
Bis hierhin scheint das Urteil dennoch eindeutig: Lufttrockner verteilen Bakterien, Papier dagegen nicht oder zumindest deutlich weniger. Allerdings können Forscherinnen und Forscher zwei völlig verschiedene Dinge messen: Wie viele Keime gelangen beim Trocknen in die Umgebung? Und wie viele bleiben danach auf den Händen zurück?
Eine Studie der Hong Kong Polytechnic University von 2019 ließ 30 Teilnehmer gleich sechs verschiedene Methoden ausprobieren: ein Papiertuch, zwei Papiertücher, Warmluft mit und ohne Reiben, einen Jet-Dryer und das Abtrocknen an der eigenen Kleidung. Hier schnitt ausgerechnet der Hochgeschwindigkeitstrockner bei der Bakterienreduktion auf den Händen am besten ab: Im Mittel sank die Zahl der Testbakterien um 94,9 Prozent. Mit einem Papiertuch waren es 94,0 Prozent, mit zwei Papiertüchern 92,3 Prozent. Warmluft bei stillgehaltenen Händen kam auf 93,5 Prozent, mit Aneinanderreiben der Hände auf 90,2 Prozent. Ein Gerät kann also durchaus effektiv Keime von der Hand entfernen und gleichzeitig mehr Mikroorganismen in die Umgebung befördern.
Hinzu kommt: Selbst bei demselben Gerät kann entscheidend sein, wie man es benutzt. Eine japanische Studie untersuchte schon 2005, was passiert, wenn Menschen ihre Hände unter einem Warmlufttrockner entweder ruhig hielten oder währenddessen aneinander rieben. Beim Reiben stieg die Zahl nachweisbarer Bakterien teilweise an. Hielten die Teilnehmer ihre Hände dagegen still, nahm sie ab. Eine mögliche Erklärung der Forschenden: Durch das Reiben können Mikroorganismen aus tieferen Bereichen der Haut an die Oberfläche gelangen.
In einigen neueren Untersuchungen schneiden Hochgeschwindigkeitstrockner besonders gut ab. So fand eine Studie von 2024 bei modernen Geräten nur wenig Verteilung von Bakterien und Modellviren. Allerdings wurde die Studie unter anderem von Dyson finanziert, eine Autorin arbeitete für das Unternehmen und getestet wurden Dyson-Trockner.
Macht ein Handtrockner tatsächlich krank?
Die Studienlage gleicht damit stellenweise einem wissenschaftlichen Stellvertreterkampf: Auf der einen Seite finanziert die Papierindustrie Forschung, auf der anderen Seite Hersteller von Handtrocknern. Doch keiner beantwortet die entscheidende Frage: Macht ein Handtrockner tatsächlich krank?
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählten Bakterien auf Händen, Wänden oder Nährplatten. Sie maßen Tröpfchen und untersuchten die Luft. Doch aus diesen Ergebnissen lässt sich nicht automatisch ableiten, ob Menschen deshalb häufiger erkranken. Eine Bakterienkolonie auf einer Petrischale ist schließlich noch keine Infektion, wie eine kritische Übersichtsarbeit der University of Arizona 2021 feststellte. Demnach konnte keine der 23 betrachteten Studien zeigen, dass eine bestimmte Trocknungsmethode tatsächlich zu mehr Erkrankungen führt. Es gibt somit einen entscheidenden Unterschied zwischen Kontamination und Infektionsrisiko.
Der entscheidende Schritt vorher
Wer angesichts der widersprüchlichen Studien dennoch verunsichert ist und die nassen Hände lieber an der Jeans abwischt, wählt offenbar keine besonders gute Alternative. In der Hongkonger Studie von 2019 wurde auch das getestet. Das Abtrocknen an der eigenen Kleidung verringerte die Zahl der Testbakterien im Mittel lediglich um 59,7 Prozent. Alle anderen untersuchten Verfahren kamen auf Werte von rund 90 Prozent oder mehr.
Bei einer Versuchsperson stieg die Menge der Bakterien nach dem Abwischen an der Kleidung sogar auf das Sechsfache. Der Teilnehmer hatte das Kleidungsstück nach eigenen Angaben schon am Vortag getragen. Natürlich bedeutet das nicht, dass die eigene Hose gefährlich wäre. Doch Kleidung ist keine sterile Oberfläche. Mikroorganismen, die sich dort befinden, können beim Abwischen wieder auf die Hände gelangen.
Viel wichtiger als die Trocknungsmethode ist ohnehin der Schritt davor. Eine große systematische Übersichtsarbeit, die vergangenes Jahr im Fachjournal "BMJ Global Health" erschienen ist, konnte zwar ebenfalls keinen eindeutigen Sieger bestimmen. Dafür aber die klare Erkenntnis: Händewaschen funktioniert. Wasser und Seife verringerten die bakterielle Belastung im Mittel um mehr als 99 Prozent. Auch bei Viren zeigte sich eine deutliche Reduktion.
Vielleicht ist das am Ende die wichtigste Erkenntnis aus dem wissenschaftlichen Streit um die hygienischste Trocknungsmethode: Während sich darüber diskutieren lässt, wohin die letzten verbliebenen Keime beim Trocknen gelangen, entscheidet sich der größte Teil der Handhygiene schon vorher - am Waschbecken. Nur die Hose kann man anschließend getrost außen vor lassen.
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