The Jerusalem PostTrump predicts Cuba, US will make a dealESPN DeportesRanking de las mejores jugadorasESPNRussell's win won't kick-start title challenge, but Baku rewards his faith in trying seasonRTP DesportoMundiais Triatlo. Maria Tomé 20.ª nas Elites, Cassandre Beaugrand campeãPunch2027: Osun APC rallies electorate for candidates, says current hardship temporaryWirtualna PolskaBaza USA w Polsce. Wiceszefowa MON zapowiada specustawęABC News (Australia)Scientists develop tech to measure eucalypt flammability from spaceMyJoyOnlineGhana handed tricky draw at 2026 Amputee World CupColliderThe 10 Best-Looking Movies of the 21st Century, RankedRai News15enne trovato morto ai piedi di un traliccio dell'alta tensione nelle campagne di LodiPremium TimesNigeria demands fairer pandemic financing, vaccine access at UN meetingCBS News4 American tourists dead after building explosion in Greece
The Daily Newsstand · Free, Always
Saturday, September 26, 2026

Katstrophe in Nepal: Nach der Sintflut

Translate

Nach dem Gletscherabbruch in Nepal beginnt der Alltag. Schulleiter Madhav Lamichhane unterrichtet zwischen Hilfsgütern und Notübernachtung.

Der Schulhof gehört den Kindern nicht mehr allein. Durch das halb geöffnete Tor der Neelakantha-Sekundarschule im nordnepalesischen Betrawati poltern Gelände- und Lastwagen, Menschen tragen Reissäcke und Gaszylinder auf den Schultern hindurch. Unter Planen lagern hier auf dem Schulhof Lebensmittel, Kisten mit Hilfsgütern stapeln sich auch auf der Veranda des Gebäudes.

Am 26. August löste ein klimawandelbedingter Abbruch am Gletscher Langtang Lirung im Norden Nepals eine gewaltige Sturzflut aus, die sich durch die Täler wälzte. Über 1.450 Tote sind bestätigt, über 5.000 Menschen werden noch vermisst. Und rund 32.000 Kinder sind laut UNICEF von den Folgen der Katastrophe an der Grenze zu Tibet betroffen – selbst jene, die äußerlich unverletzt blieben.

Madhav Lamichhane, ein schmaler Mann mit kurzem Haar, arbeitet daran, den Kindern hier in Betrawati wieder mehr Alltag zu geben. Der 41-Jährige leitet die Neelakantha-Sekundarschule. Er hat zwei Kugelschreiber in die Knopfleiste seines Poloshirts geklemmt, immer wieder klingelt sein Handy. Mal ist er im Schulgebäude, mal läuft er hinüber zum Internat. Helfer:innen, Eltern und Lehrkräfte – alle wollen etwas von ihm. Seit der Flut schläft er wenig, manchmal übernachtet er gleich in der Schule.

Mitten auf dem Schulhof steht ein gelber Bus. Dahinter, abgeschirmt vom ständigen Kommen und Gehen, spielen Kinder Volleyball. Sie rufen einander zu, lachen, schlagen den Ball übers Netz. Einige sitzen auf den Bänken und schauen zu, andere ruhen sich in der Mittagshitze auf Schaumstoffunterlagen aus.

Weitermachen

Hier ist im Kleinen zu beobachten, wie Nepal nach der Flutkatastrophe weitermacht. Noch müssen Hilfsgüter verteilt und viele Menschen versorgt werden. Bald wird es kalt in der Region, und noch suchen Menschen nach Angehörigen und einem neuen Zuhause. Zugleich öffnen die Schulen wieder, und der Alltag kehrt langsam zurück. Nicht weil der Verlust überwunden wäre. Sondern weil das Leben weitergehen muss.

Auch für Madhav Lamichhane. Er wollte die Klassenzimmer so bald wie möglich wieder öffnen. Die Sorge um die Kinder trieb ihn an. „Die Schule liegt an einem sicheren Ort“, sagt er. Warum also warten? Gut zwei Wochen nach der Flut nahm er den Unterricht wieder auf. Von vier Schulen in der Umgebung hat Neelakantha als einzige die Flut überstanden.

Zunächst musste Lamichhane zwischen den Hilfsgütern Platz schaffen: In drei Klassenzimmern fand der improvisierte Unterricht wieder statt – 20 bis 25 Minuten pro Stunde. Lamichhane hofft jeden Tag, dass sich die Nachricht weiterverbreitet, dass man in Neelakantha auf die Kinder aus den zerstörten Schulen wartet.

Am ersten Schultag nach der Flut waren es 110 Kinder. Manche kamen barfuß, andere hatten weder Schulranzen noch Bücher, noch Hefte. „Sie kamen so, wie sie waren“, sagt Lamichhane. Von den rund 500 Schü­le­r:in­nen ist etwa die Hälfte zurückgekehrt. Andere leben jetzt bei Verwandten oder in Auffangzentren, teils in der Hauptstadt Kathmandu. Zu etwa 100 seiner Schü­le­r:in­nen hatte Lamichhane noch nicht wieder Kontakt. Drei Lehrkräfte und eine Schulkrankenschwester werden ebenfalls vermisst. Etwa 50 seiner Schü­le­r:in­nen haben beide Eltern verloren und noch mal so viele ein Elternteil.

Recherchefonds Ausland e.V.

Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e. V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.

➡ Erfahren Sie hier mehr dazu

Am Morgen der tödlichen Flut war Madhav Lamichhane bereits bei der Arbeit, als ihn der Schulbusfahrer anrief. Die ersten Kinder hatte der schon zur Schule gebracht. Nun war er für eine weitere Runde unterwegs. Er rief Lamichhane in Panik an und warnte vor den Wassermassen. Der Schulleiter begann, Eltern und Lehrkräfte abzutelefonieren, sie aufzufordern, sich in höher gelegene Gebiete zu retten. Nicht alle erreichte er mit dieser Warnung rechtzeitig.

Auch nach der Katastrophe telefonierte Lamichhane weiter. Nun, um herauszufinden, wo seine Schü­le­r:in­nen geblieben waren. Er rief Eltern an, kontaktierte Auffangzentren. Irgendwann reichten die Anrufe nicht mehr. Also machte er sich selbst auf den Weg. In Notunterkünften in Nuwakot, etwa 40 Kilometer südlich, fand er rund 160 seiner Schüler:innen. Manche wollten zurückkommen. Doch so einfach war das nicht.

Familien waren an weit entfernten Orten untergekommen, gewohnte Wege abgeschnitten. Selbst wenn die Schulen im Flutgebiet wieder öffnen, können sie nicht alle wieder erreichen. Lamichhanes Schule selbst wurde zu einem Hilfszentrum.

Zur Mittagszeit läuft Madhav Lamichhane zum neuen Internatsgebäude, ein paar Hundert Meter von der Schule entfernt. Der Duft von Dalreis liegt in der Luft. In einigen Zimmern der umzäunten Gebäude stehen die ersten neuen Betten. Noch ist nicht alles eingerichtet. Derzeit leben hier Familien, die ihr Zuhause verloren haben. Lamichhane will künftig auch Schü­le­r:in­nen aufnehmen, die nicht mehr bei ihren Familien leben können oder wegen zerstörter Wege nicht zur Schule gelangen. 100 bis 200 Kinder sollen hier in Zukunft Platz finden.

Wir müssen langfristig planen und nicht nur in der Phase der Nothilfe aktiv sein

Shaurabha Subedi, Rural Reconstruction Nepal

Im Obergeschoss sitzt Chippumendo Tamang mit ihrem siebenjährigen Sohn Syrush beim Mittagessen. Zu Reis und Linsen gibt es Huhn und scharf eingelegtes Gemüse. Syrushs alte Schule in der Nachbarschaft gibt es nicht mehr, hier in der Notunterkunft laufen Kinder herum, draußen fliegen Federbälle.

Die 25-jährige Chippumendo Tamang spricht leise und lächelt ihren Sohn an. Normalerweise sind die beiden Tausende Kilometer voneinander entfernt. Tamang arbeitet als Hausangestellte in Kuwait, Syrush lebte bei seiner Großmutter in Nepal.

Nach der Flut rief Tamangs Schwager sie an. Ihr Sohn sei nach Kathmandu gebracht worden. Tamang ging an ihre Ersparnisse und flog schnell nach Nepal. Wie Syrush nach Kathmandu gelangte, weiß die Mutter bis heute nicht genau. Am Morgen der Flut hatte ihn seine Großmutter für die Schule fertig gemacht. Doch der Bus blieb unterwegs stecken. „Deshalb ist er noch da“, sagt sie. Sie glaubt, dieser Zufall habe ihm das Leben gerettet. Das Haus der Familie ist zerstört.

In der Hauptstadt fand Tamang ihren Sohn, nun leben beide hier im Internat. Sie hatte gehört, dass in der Nähe ihres früheren Zuhauses wieder eine Schule geöffnet hatte, und fand hier Platz. Syrush hat Fieber. Sobald es ihm besser geht, soll er auch zum Unterricht. „Ich fühle mich hier sicher, und mir geht es jetzt besser“, sagt seine Mutter.

Wie es danach weitergeht, weiß Tamang nicht. Einen großen Teil ihres Verdienstes hatte sie ihrem Vater geschickt, von dem sie seit der Flut nichts mehr gehört hat. Jetzt weiß sie nicht, wie sie an das Ersparte kommen soll. Vielleicht muss sie wieder im Ausland arbeiten. Doch vorerst bleibt sie bei ihrem Sohn: „Ich werde mein Bestes tun, um ihm eine gute Bildung zu ermöglichen.“

Drei Stockbetten stehen in einem anderen Zimmer, daneben ein Schreibtisch mit Drucker. Hier hat sich Raunak Raj Sarraf von der Organisation Sano Paila eingerichtet. Gelegentlich rauscht sein Funkgerät. Von hier aus organisiert Sano Paila Essen, Notunterkünfte und Betreuung, unterstützt unter anderem von der deutschen Andheri-Hilfe.

„Eine warme Mahlzeit ist das eine. Aber ebenso wichtig ist, dass die Schule darauf achtet, dass niemand abbricht“, sagt Sarraf. Nach einer Katastrophe steige gerade für Jugendliche aus ärmeren Familien der Druck, zum Einkommen beizutragen. Wer nicht mehr zur Schule gehe und von seiner Familie getrennt lebe, sei besonders verletzlich. Damit wachse die Gefahr von Kinderarbeit, früher Heirat und Menschenhandel. Familien würden mit Versprechen einer besseren Schule oder eines besseren Lebens gelockt.

Auch in den Notunterkünften bleibt die Situation schwierig. „Menschen sind auf engem Raum zusammen und haben nicht einmal die Privatsphäre, miteinander zu sprechen“, sagt Biju Dangol von der Welthungerhilfe. Selbst zum Trauern fehle ein Rückzugsort. Shaurabha Subedi von Rural Reconstruction Nepal begleitet Menschen in den Auffangzentren und sagt: „Kinder brauchen einen geschützten Raum, um ihre Gefühle auszudrücken und mit dem Erlebten umzugehen.“ Vertraute, Freund:innen, Lehrkräfte seien dabei besonders wichtig. „Wir müssen langfristig planen und nicht nur in der Phase der Nothilfe aktiv sein.“

Noch fehlen viele Gesichter an der Neelakantha-Schule. Doch auf dem Hof wird wieder gespielt und vor allem gelernt. Hilfsgüter stehen noch herum, einige Familien sind noch hier einquartiert und wissen nicht, wo sie hinsollen. „Wir hoffen, dass die Kinder zurückkommen“, sagt Schulleiter Madhav Lamichhanes. Er wartet auf jedes einzelne.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

View the original on taz →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.