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Tuesday, October 6, 2026

Morde in Südafrika: Der Beginn einer neuen Gewaltwelle?

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Ende September spielte sich im Township Dunoon am Rand von Kapstadt eine brutale Szene ab: Bei einem Überfall verwüsteten Räuber einen kleinen Laden bis aufs letzte Regal, während sich die Besitzer hinter dem Tresen in Deckung brachten. Bevor sie den Laden verließen, beugte sich einer der Angreifer über den Tresen und erschoss die Ladenbesitzer aus nächster Nähe.

Auch andernorts in Südafrika machten zuletzt ähnliche Ereignisse Schlagzeilen: Am vorvergangenen Wochenende schossen Bewaffnete in einer Taverne in Wedela südwestlich von Johannesburg um sich und töteten 18 Menschen. In derselben Nacht eröffneten Bewaffnete in Lwandle außerhalb von Kapstadt das Feuer und töteten zehn Menschen. Diese Angriffe folgten auf eine Massenschießerei nahe Durban Anfang September, bei der elf Menschen ums Leben kamen.

Vor Ort fragen sich viele Menschen, ob dies der Beginn einer neuen Gewaltwelle in Südafrika ist und wie sie gestoppt werden kann.

Eine Kultur der Angst

Lizette Lancaster, Leiterin des Programms für Justiz und Gewaltprävention am Institute for Security Studies in Südafrika, sagte der DW, dass sich die Menschen inzwischen "unsicher fühlen, in diesem Land zu leben" - und das "aus nachvollziehbaren Gründen".

Lancaster erklärt, dass Bewohner in vielen verarmten städtischen Gebieten immer wieder Schüsse hören würden, insbesondere an Wochenenden. Diese Angst sei vor allem dort ausgeprägt, wo Bandenkriminalität fest verankert sei.

Tatsächlich ging die Mordrate in Südafrika laut den neuesten offiziellen Kriminalitätsstatistiken um 5,9 Prozent zurück. Dennoch werden weiterhin durchschnittlich jeden Tag etwa 60 Menschen in Südafrika getötet. Auf 100.000 Einwohner zählte das UN-Büro für Drogen und Kriminalität im Jahr 2024 knapp 40 Tote. Zwar erstellt die Organisation keine globalen Rankings - der direkte Vergleich ist schwierig, da die Datenerfassung nicht einheitlich ist und die Daten aus unterschiedlichen Jahren stammen. Doch Metaanalysen zeigen, dass Südafrika damit eine der höchsten Mordraten weltweit aufweist - bei einer Weltbank-Analyse auf Grundlage der UNODC-Zahlen steht es auf Platz sieben.

Vergeltung für fremdenfeindliche Angriffe?

Thapelo Tselapedi, Politikwissenschaftler an der Rhodes University, sagte der DW, dass die Schießereien im Kontext mit den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Südafrika zu sehen seien. Dieses Phänomen müsse verstanden werden, um die aktuelle Lage einordnen zu können.

Wachsende Fremdenfeindlichkeit: Exodus aus Südafrika

Gruppen wie "March and March" oder die "Operation Dudula" rufen immer wieder zu Aktionen gegen ausländische Staatsangehörige, insbesondere Migrantinnen und Migranten aus anderen afrikanischen Ländern, auf, die sie für Südafrikas Probleme verantwortlich machen - dazu gehören eine hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität und der zunehmende Druck auf öffentliche Dienstleistungen. Experten wie der Migrationsforscher Loren Landau betonen auch in DW-Interviews immer wieder, dass diese Vorwürfe zu kurz greifen.

Medienberichten zufolge wurden in den vergangenen 20 Jahren mindestens 350 ausländische Staatsangehörige infolge ausländerfeindlicher Gewalt getötet. Allein in diesem Jahr kamen elf Ausländer bei gezielten Angriffen ums Leben.

Polizei sperrt Bereich bei fremdenfeindlicher Demonstration ab
Ausländerfeindliche Proteste führten dazu, dass zahlreiche Migrantinnen und Migranten Südafrika Bis Ende Juni verlassen hattenBild: Phill Magakoe/AFP

Laut Tselapedi besteht deshalb der starke Verdacht, dass die jüngsten Angriffe daher rühren, dass "ausländische Staatsangehörige ohne Papiere Vergeltung an Gruppen üben, die sich über die Anwesenheit von Einwanderern ohne gültige Papiere beschwert haben".

Die Polizei hat die Hintergründe der Angriffe bislang nicht abschließend geklärt, offizielle Angaben zu den Motiven der Täter liegen derzeit nicht vor. Insgesamt dürfte das Motiv der Vergeltung für ausländerfeindliche Angriffe nur einen kleinen Teil der aktuellen Kriminalitätskrise erklären.

Südafrikas Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt

Die Rolle geschlechtsspezifischer Gewalt ist bei diesen jüngsten Entwicklungen ein wichtiger Punkt: Allein im ersten Quartal 2026 registrierte die Polizei 50.511 Fälle im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Gewalt und Morden an Frauen.

Die Frauenmordrate in Südafrika wird auf neun pro 100.000 Frauen geschätzt - etwa fünfmal so hoch wie der weltweite Durchschnitt.

Die Zahl der Vergewaltigungen ging laut Polizeistatistik im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr um nahezu sechs Prozent zurück. Dies muss jedoch nicht auf weniger sexuelle Übergriffe hindeuten, sondern es kann auch bedeuten, dass weniger Fälle gemeldet werden.

Das Thema Gewalt gegen Frauen rückte erneut in die Aufmerksamkeit, nachdem seit Mitte Juli in der Provinz Gauteng die Leichen von zwölf Frauen gefunden wurden. Dies schürte Gerüchte über einen Serienmörder. Die Polizei nimmt weiterhin Verdächtige fest, doch viele Südafrikaner haben nur wenig Vertrauen in ihre Arbeit.

Kein Vertrauen mehr in die Polizei

Lancaster ist der Ansicht, dass das "Vertrauen in die Strafverfolgungsbehörden und in die Polizei" im Laufe der Jahre stark gesunken ist, obwohl Südafrika über einen der weltweit größten Polizeiapparate gemessen an der Bevölkerungszahl verfügt. Dem Human Sciences Research Council zufolge vertrauen nur 22 Prozent der Bevölkerung der Polizei. 

Südafrika - ein Mafia-Staat?

Lancaster erklärt, dass ein großer Teil des Misstrauens auf Berichte zurückzuführen ist, wonach Strafverfolgungsbehörden von kriminellen Netzwerken unterwandert wurden. Weitverbreitete Korruption habe die Polizei offenbar seit mehr als einem Jahrzehnt geschwächt. In einigen Fällen, fügt sich hinzu, seien Angehörige der Strafverfolgungsbehörden sogar beschuldigt worden, "im Auftrag dieser Banden zu handeln".

Diese Schwächung des Strafjustizsystems wiederum habe dazu geführt, dass sich die organisierte Kriminalität in den Gemeinden noch stärker verfestigen konnte, die bereits von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen waren.

In den vergangenen Jahren habe das Problem sogar globale Dimensionen angenommen, sagte Lancaster: "Vor allem seit der Corona-Pandemie sehen wir Verbindungen nicht nur zu verschiedenen Banden, die hier aktiv sind, sondern auch zu anderen Syndikaten auf der ganzen Welt", die in den Bereichen Drogenhandel, Waffenschmuggel und illegaler Bergbau tätig seien.

Eine Kultur der Gewalt

Die Ursachen für die Gewalt in Südafrika reichen weiter zurück, weit vor die heutigen Probleme des Landes.

"Nahezu alle Umstände, die in einer Gesellschaft zu Gewalt führen, waren in Südafrika durch Kolonialismus und Apartheid vorhanden", sagte Lancaster der DW.

Unter den Segregationsgesetzen der Apartheid wurden Schwarze und andere nicht-weiße Familien zwangsweise aus ihren Häusern vertrieben und in wenig entwickelte und oft abgelegene Gebiete umgesiedelt. Im Laufe der Jahre waren diese Viertel stark von Bandengewalt geprägt, erklärt sie. Gleichzeitig boten die Banden jungen Männern "ein Gefühl der Zugehörigkeit, einen Lebenssinn und Beschäftigung", da viele Schwierigkeiten hatten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Polizisten durchsuchen Verdächtige
Die Polizei führt in Südafrika mehr Razzien durch, um verstärkt gegen Straftaten mit Drogenbezug vorzugehen (Archivbild) Bild: picture-alliance/AP Photo/N. Manie

Das Problem der Arbeitslosigkeit hat sich für junge Menschen zuletzt eher noch verschärft: Nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde Statistics South Africa sind fast die Hälfte aller Südafrikanerinnen und Südafrikaner unter 34 Jahren arbeitslos. Dies fördert Frustration und Unzufriedenheit in einer ganzen Generation.

"Jeder muss Verantwortung übernehmen"

Arbeitslosigkeit oder Armut allein erklären jedoch nicht die enge Verbindung des Landes zur Gewalt. Untersuchungen zufolge wirken verschiedene Faktoren zusammen, darunter historische Gewaltmuster, anhaltende Ungleichheit, hohe Korruption, organisierte Kriminalität, die Verfügbarkeit von Schusswaffen, eine schwache Polizeiarbeit und begrenzte wirtschaftliche Chancen.

Jeder einzelne Südafrikaner müsse persönlich Verantwortung übernehmen für seinen Anteil, der dieses komplexe Zusammenspiel aufrechterhalte, sagt Lancaster:

"Wir müssen zusammenarbeiten, um jede Form von Korruption und jede illegale Aktivität zu melden. Das bedeutet auch, keine gestohlenen Waren zu akzeptieren, kein illegal gefördertes Gold und keine Dinge zu kaufen, die durch die Unterstützung krimineller Akteure in unseren Gemeinschaften gewonnen werden. Südafrikaner müssen verstehen, dass Gewalt in unseren Haushalten beginnt."

Gleichzeitig betont sie, dass sich diese Verantwortung auch auf die höchsten Ebenen der Politik erstrecken müsse:

In fünf Wochen hält Südafrika Kommunalwahlen ab. Sie gelten weithin als Test für die allgemeine Richtung des Landes. Vor diesem Hintergrund hebt Lancaster hervor, dass "wir auch unsere Regierung zur Verantwortung ziehen müssen".

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