Flutkatastrophe im Himalaya: Nepals Wut auf die Verursacher des Klimawandels
Stand: 05.09.2026 • 09:29 Uhr
Nach der Sturzflut im Himalaya mit mehr als 1.000 Toten ist die Zerstörung groß. Während die Überlebenden ihre Habseligkeiten bergen, wächst der Zorn: Nepal stößt kaum CO2 aus, wird aber immer härter vom Klimawandel getroffen.
Nach wie vor arbeiten Rettungs- und Bergungsmannschaften unermüdlich im Katastrophengebiet. Angefeuert davon, dass am Freitag zwei Männer lebend aus den Tunneln der zerstörten Wasserkraftwerke befreit wurden, graben sie sich vor. Die nepalesische Armee sei schon Hunderte Meter in verschiedene Richtungen vorgedrungen, beschreibt es Oberst Jhabindra Bahadur Reshmi.
An vielen Stellen habe die Armee die Zugänge erweitern müssen. Teilweise hätten sie sich bis 275 Meter weit durch die verschlammten Tunnel vorgekämpft. "Aber wir haben an vielen Stellen nichts gefunden", sagt er. Die Helfer machen dennoch weiter. Unterstützt werden sie durch Spezialisten aus China, Indien, Südkorea und Australien.
Da die Brücken über den Trishuli-Fluss zerstört sind - 60 von ihnen hat die Sturzflut wie Spielzeug mitgerissen - kommen viele Menschen nur mit Schwierigkeiten in ihre Heimat zurück. Und auch die Retter kommen auf der Suche nach Überlebenden nur mit Helikoptern dorthin. Inzwischen führen provisorische Seilbahnen über den Fluss. Die Menschen stehen stundenlang an, um auf die andere Seite zu gelangen.
Was war passiert?
Eine verheerende Sturzflut aus Wasser, Schlamm, Eis und Geröll hatte am 26. August im Grenzgebiet alles mit sich gerissen, was ihr im Weg stand. Experten zufolge soll ein massiver Gletscherabbruch auf der tibetischen Seite die Flut ausgelöst haben. Viele Dörfer sind völlig zerstört, die Bewohner dort haben alles verloren. Tausende Einsatzkräfte suchen weiter in den Erdmassen und in verschütteten Tunneln nach Vermissten. Die Such- und Rettungsarbeiten werden immer wieder von weiteren drohenden Sturzfluten und schlechtem Wetter beeinträchtigt.
Die Angst ist geblieben
"Heute sieht es so aus, als könnte ich aufbrechen", sagt die 40-jährige Sujana Sunar einer Reporterin der Nachrichtenagentur Reuters. "Schon seit gestern möchte ich in mein Dorf zurückkehren. Während mein Haus noch steht, wurden viele andere im Dorf zerstört. Ich habe überlebt - auch wenn ich schon mit einem Fuß im Grab stand."
Sujana war gerade auf dem Markt diesseits des Flusses, als die Sturzflut kam. Jetzt will sie endlich in ihr Haus auf der anderen Seite zurück. Und so wartet sie wie die anderen in der Schlange weiter. Mit Schwimmwesten gesichert steigen sie in ein metallenes Korbgestell und werden an Drahtseilen über das schlammig-wirbelnde Wasser des Trishuli-Flusses gezogen.
Hari Gopal Pradhan will die Tour ebenfalls wagen. Seine Familie ist aus dem Haus geflohen, als die Flut kam. "Aber inzwischen hat sich die Lage gebessert", sagt er. "Doch dort zu wohnen ist nachts sehr beängstigend, wenn neue Fluten kommen." Sein Haus stehe nahe einer Abbruchkante. Der 60-Jährige hat überlebt, doch die Angst ist geblieben.
Nepal will gemeinsames Frühwarnsystem mit China
Unterdessen geht die Ursachenforschung weiter. Auch, warum die Verwüstung so groß war. In überflutungsgefährdeten Gebieten direkt am Fluss sollte eigentlich nicht gebaut werden. Doch Beobachter vermuten, dass die Menschen, die 2015 nach den schweren Erdbeben ihre Heimat verloren hatten, ausgerechnet an den Ufern ihre neue Bleibe errichteten - mehr oder weniger legal. Und dort wurden sie Opfer der neuen Katastrophe.
Nepal will sein Frühwarnsystem erneuern. China, unter dessen Verwaltung die Nachbarregion Tibet steht, hat schon signalisiert, dass es mit Nepal gemeinsam auf die Bedrohung durch den Klimawandel schauen möchte.
"Dies ist ein ernstes Signal dafür, dass neben dem Klimawandel auch die Risiken zunehmen, denen wir in der Himalaya-Region ausgesetzt sind", sagte Nepals Premier Balendra Shah diese Woche. "Es ist an der Zeit, der internationalen Gemeinschaft nachdrücklich vor Augen zu führen, welche Katastrophen wir infolge des Klimawandels erleiden."
Land fordert internationale Unterstützung
Nepal fordert Unterstützung beim Wiederaufbau. Auf 2,5 Milliarden US-Dollar hat der Leiter der Katastrophenschutzbehörde die Schäden an Häusern und Infrastruktur beziffert. Und während, wie der Regierungschef betont, die ganze Welt für den Klimawandel verantwortlich ist, trägt Nepal nur einen Bruchteil bei, führt Klimaforscher Ujjwal Uphadhyay aus.
"Es sind weniger als 0,0011 Prozent, nicht wahr? Und Nepal nimmt zugunsten seiner Rolle als CO2-Senke Einschränkungen bei der ehrgeizigen wirtschaftlichen Entwicklung in Kauf", sagt der Klimaforscher. "Denn wir setzen lieber auf das Pflanzen von Bäumen als auf eine umweltschädliche Entwicklung." 45 Prozent der nepalesischen Landesfläche seien in Wald umgewandelt worden. "Nepal unternimmt also enorme Anstrengungen, um das Land bis 2045 klimaneutral oder sogar CO2-negativ zu machen."
Der Strom des Landes kommt aus klimafreundlicher Wasserkraft, aber die Sturzflut hat Hydropower-Projekte im Wert von einer halben Milliarde Dollar zerstört. "Sie wurden durch Emissionen zerstört, die durch schmutzige Brennstoffe verursacht wurden", sagt Ujjwal Uphadhyay. "Das ist also der Preis, den wir zahlen. Und das ist die Verwüstung, die dieses Land leider schon seit einigen Jahren erlebt." Jetzt sei es Zeit zu sagen: "Es reicht."
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