Becky erhielt 11 Jahre lang Chemotherapie – und hatte nie Krebs

- Eine Britin erhielt 11 Jahre lang Chemotherapie – obwohl sie offenbar nie einen Hirntumor hatte.
- Unabhängige Untersuchungen ergaben, dass sie an einer Gehirnentzündung litt, die mit Steroiden behandelt worden wäre.
- Mehr als 40 Betroffene klagen nun gegen den Klinikverbund.
Becky Jones war 21, als Ärzte ihr eine niederschmetternde Diagnose stellten: ein aggressiver Hirntumor, unheilbar, nur noch wenige Monate zu leben. Für die junge Britin zerbrachen damals alle Pläne. Sie hatte gerade ihren Partner Pete kennengelernt, träumte von einer Polizeikarriere und arbeitete im Stadion des englischen Fussballclubs Coventry City.
Statt eines normalen Lebens begann für Jones ein jahrelanger Kampf. Ihr ständiger Begleiter dabei war die Chemotherapie. Der Krebsarzt Prof. Ian Brown soll ihr erklärt haben, sie müsse Temozolomid (TMZ) lebenslang nehmen. Dabei sehen Leitlinien bei dieser Art der Behandlung normalerweise sechs Zyklen über sechs Monate vor, wie die BBC berichtet.
Übelkeit, Schmerzen, Erschöpfung
Die Folgen waren massiv. Jones litt unter Dauerübelkeit, Bauchschmerzen, wunden Stellen im Mund und ständiger Erschöpfung. Aus Angst vor Infektionen mied Jones Treffen mit Freunden und Familie. Ihr Führerschein wurde zunächst eingezogen und später nur eingeschränkt zurückgegeben. Sport, Restaurantbesuche und ein unbeschwerter Alltag waren kaum mehr möglich.

Auch beim Kinderwunsch wurde ihr wenig Hoffnung gemacht. Jones wurde gesagt, sie könne vermutlich nicht schwanger werden. Später bekam sie dennoch zwei Kinder – der Arzt sprach laut Jones von «Wundern».
Chemotherapie plötzlich ohne Begründung beendet
Doch im Jahr 2024 kam plötzlich der Anruf: Die Chemotherapie werde beendet. Eine nachvollziehbare Begründung erhielt Jones nicht. Erst Monate später, nach unabhängigen Untersuchungen im Auftrag ihrer Anwälte, kam die schockierende Nachricht: Sie hatte offenbar nie einen Hirntumor.
Statt Krebs soll sie an einer tumefaktiven Demyelinisierung gelitten haben – einer Entzündung im Gehirn, die üblicherweise von Neurologen mit starken Steroiden behandelt wird. «Ich wurde falsch diagnostiziert und habe die Behandlung während des grössten Teils meines Erwachsenenlebens ohne Grund durchgemacht», sagt die heute 34-Jährige zur BBC.
40 Leidensgenossen gehen gegen Spitalverbund vor
Und Jones ist nicht allein. Mehr als 40 Betroffene gehen gegen den NHS Trust der University Hospitals Coventry and Warwickshire vor. Mehrere frühere Patienten berichten, sie hätten TMZ über Jahre erhalten und danach gravierende gesundheitliche Probleme entwickelt. Eine Patientin vermutet, das Mittel habe sie unfruchtbar gemacht; eine andere erkrankte nach 100 unnötigen Zyklen an Leukämie.
Eine vorläufige Prüfung des Royal College of Physicians bewertete 15 von 20 untersuchten Fällen als insgesamt unbefriedigend. Kritisiert wurden fehlende Risikoaufklärung, zu wenig kritisches Hinterfragen und mangelnde Zusammenarbeit im Behandlungsteam. Der Klinikverbund gibt sich hingegen eher unbeeindruckt. Man wolle die vollständige Untersuchung abwarten und verweist auf verschärfte Kontrollen bei der Verschreibung von TMZ.
Hast du oder hat jemand, den du kennst, die Diagnose Krebs erhalten?
Hier findest du Hilfe:
KrebsInfo der Krebsliga, Tel. 0800 11 88 11
Reto Bollmann (bre), Jahrgang 1991, verstärkt seit Ende 2021 als Redaktor den Newsdesk von 20 Minuten. Eine Vorliebe hat er für politische, wissenschaftliche und geschichtliche Themen.
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