Irland boykottiert erneut - dennoch befindet sich der Eurovision Song Contest weiter auf Expansionskurs
"Die Welt durch Musik zusammenzubringen, war schon immer eine unglaublich kraftvolle Idee. Und sie hat sich seit 70 Jahren bewährt", sagte Eurovision-Direktor Martin Green am Rande des jährlichen Workshops der Europäischen Rundfunkunion (EBU) Mitte September gegenüber der DW. "Ich denke, je schwieriger die Welt um uns herum wird, desto wichtiger werden diese Shows als Zeichen der Einheit und des Zusammenhalts."
Während Green die verbindende Kraft des internationalen Musikwettbewerbs betont, der im Mai sein 70-jähriges Jubiläum feierte, war die Ausgabe 2026 zugleich von einer beispiellosen Welle der Kritik überschattet.
Politisch motivierte Boykotte wegen Israels Teilnahme am ESC während des laufenden Kriegs im Gazastreifen führten zu einem deutlichen Rückgang bei Beteiligung und Einschaltquoten. Die Zuschauerzahl sank von 166 Millionen im Jahr 2025 auf 131 Millionen im Jahr 2026.

Und auch der Eurovision Song Contest 2027 dürfte von geopolitischen Spannungen beeinflusst bleiben. Von den fünf Ländern, die die Veranstaltung 2026 boykottierten - die Niederlande, Spanien, Island, Slowenien und Irland - hat eines, Irland, bereits bestätigt, auch im kommenden Jahr nicht teilzunehmen.
Der bisherige niederländische Eurovision-Sender Avrotros hatte ebenfalls angekündigt, dem Wettbewerb erneut fernzubleiben. Zur Begründung hieß es, man wolle nicht an einer Veranstaltung teilnehmen, die "nicht länger als neutral betrachtet werden kann, solange ein teilnehmendes Land in einen groß angelegten militärischen Konflikt verwickelt ist". Doch die Dachorganisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (NPO) sprang ein und entschied das Land 2027 wieder teilnehmen zu lassen.
Spanien, Island und Slowenien haben noch keine endgültige Entscheidung für den ESC 2027 bekannt gegeben.
Offizielle Regeländerung für den ESC
Im August führte die EBU eine neue Regel zur Vergabe des Gastgeberrechts ein. Demnach werde künftig der Sieger-Sender "automatisch von der Ausrichtung des Wettbewerbs ausgeschlossen, wenn ein bewaffneter Konflikt, eine angespannte geopolitische Lage oder eine sonstige Situation die Sicherheit oder Stabilität seines Staates oder seiner unmittelbaren Region erheblich beeinträchtigt", so die EBU.
Normalerweise richtet das Gewinnerland den Wettbewerb im Folgejahr aus. Eine Ausnahme gab es 2023, als Großbritannien die Veranstaltung stellvertretend für die Ukraine austrug, die den Wettbewerb im Vorjahr gewonnen hatte. Aufgrund des russischen Angriffskriegs konnte die Ukraine den ESC nicht selbst ausrichten.
Darüber hinaus planen die Organisatoren Änderungen am Abstimmungssystem, um politisch motivierte Stimmabgaben einzudämmen. Für Aufsehen sorgte 2025 eine Kampagne der israelischen Regierung, die Bürgerinnen und Bürger dazu aufrief, mehrfach für den israelischen Beitrag abzustimmen.
Derzeit können Zuschauerinnen und Zuschauer bis zu zehn Stimmen für ihren Favoriten abgeben, per Telefon, SMS oder online. Künftig soll die Abstimmung ausschließlich online erfolgen. Darüber hinaus ist geplant, dass nicht mehr nur ein Beitrag ausgewählt wird, sondern drei.
ESC 2027: Bulgarien bereitet sich vor
Nach dem Sieg der bulgarischen Sängerin Dara mit ihrem Song "Bangaranga" beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien wird Bulgarien im kommenden Jahr Gastgeber des Wettbewerbs sein.
Austragungsort wird die Stadt Burgas am Schwarzen Meer sein. Als die Entscheidung bekanntgegeben wurde, feierten die Menschen in der Stadt mit spontanen Musik- und Tanzaktionen sowie Flashmobs, sagte Milena Milotinova, Generaldirektorin des bulgarischen öffentlich-rechtlichen Senders BNT, der den Wettbewerb organisieren wird.
Überraschende Ortswahl: Ist Burgas bereit für den ESC 2027?
"Ich freue mich, dass die Menschen in Bulgarien eine solche Begeisterung für den Eurovision Song Contest zeigen", so Milotinova in einem Interview mit der DW. "Zum ersten Mal richtet Bulgarien eine Veranstaltung dieser Größenordnung auf einem derart hohen Niveau aus." Das Balkanland nimmt seit 2005 am Eurovision Song Contest teil. Nun muss die Infrastruktur für das internationale Großereignis zügig ausgebaut werden.
"Das Wichtigste ist, dass wir bereits über eine geeignete Halle verfügen. Die Bühnengestaltung wird darauf aufbauend entwickelt", so Milotinova. Die Vorbereitungen liefen bereits auf Hochtouren. "Es gibt keine freien Tage. Wir hoffen, alles rechtzeitig fertigzustellen und eine spektakuläre Eurovision-Show von Weltklasse auf die Beine zu stellen."
Asiatischer Ableger des ESC im November
Neben den Einbußen bei den Zuschauerzahlen musste der Eurovision Song Contest auch einen erheblichen finanziellen Rückschlag verkraften: Mit dem Rückzug des spanischen Senders RTVE verlor der Wettbewerb einen Vertreter der sogenannten "Big Five", die einen wesentlichen Teil der Finanzierung des Wettbewerbs sichern.

Inmitten dieser Unsicherheiten wollen die Organisatoren die internationale Reichweite der Marke "Eurovision" ausbauen. Im November soll der "Eurovision Song Contest Asia" erstmals stattfinden. Austragungsort ist die thailändische Hauptstadt Bangkok. Nach Angaben der Veranstalter nehmen elf Länder teil; zudem wird bereits über eine Erweiterung des Teilnehmerfelds in den kommenden Jahren gesprochen.
Auch ein Ableger für Lateinamerika ist seit einigen Jahren im Gespräch, wurde aber bislang nicht umgesetzt. "Wir prüfen fortlaufend neue Regionen der Welt, in die wir das Format bringen können", erklärte Martin Green.
Kanada neues Mitglied der ESC-Familie
Eine Entwicklung, die die Organisatoren besonders hervorheben, ist der Beitritt Kanadas zum Eurovision Song Contest. Die Teilnahme des Landes wurde im Juli bekannt gegeben. "Wir freuen uns sehr, dass sich die Kanadier entschieden haben, Teil unserer Familie zu werden“, sagte Green.
Die Teilnahme am Eurovision Song Contest ist nicht auf Europa beschränkt. Teilnehmen können die aktiven Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion (EBU). So nimmt Israel bereits seit 1973 am Wettbewerb teil. Australien wurde 2015 zunächst einmalig als Gastland eingeladen, gehört wegen der großen Popularität des Wettbewerbs dort inzwischen aber dauerhaft zum Teilnehmerfeld.

"Wir lernen noch, was es braucht, aber wir werden unser Bestes geben und der Welt zeigen, was Kanada zu bieten hat", sagte Jennifer Dettman, Kanadas Delegationsleiterin für den Eurovision Song Contest, im Gespräch mit der DW. Die Teilnahme ist zugleich Teil der Strategie der Regierung von Premierminister Mark Carney, die kulturellen und diplomatischen Beziehungen zu Europa zu vertiefen. Im Haushalt der Regierung wurden dafür 150 Millionen kanadische Dollar (rund 93 Millionen Euro) für den zuständigen Sender bereitgestellt. "Dies ist das größte Musikevent der Welt. Es bietet unseren Künstlerinnen und Künstlern die Chance, sich auf einer globalen Bühne zu präsentieren", so Dettman. "Darauf freuen sich die Menschen sehr."
Adaption aus dem Englischen: Petra Lambeck, die Interviews führte Jakov Leon.
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