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Friday, September 18, 2026

Einfach Claudio fragen: Die Illusion der Selbstversorgung

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Wie viel Selbstversorgung ist sinnvoll – und wie viel überhaupt möglich? Kochbuchautor Claudio Del Principe blickt mit gemischten Gefühlen auf die Ernährungsinitiative. Seine Familiengeschichte zeigt, warum regional nicht automatisch bedeutet, dass es für alle reicht.

Publiziert: vor 18 Minuten

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

  • Die Schweiz plant, die Selbstversorgung bis 2036 auf 70 Prozent zu erhöhen
  • Claudio Del Principe warnt vor unrealistischen Zielen und betont die Grenzen regionaler Produktion
  • Schweiz exportiert bekannte Lebensmittel wie Käse und Schokolade weltweit
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Claudio Del PrincipeKolumnist

Eigentlich müsste ich für die Ernährungsinitiative sein. Sie deckt sich mit dem, wofür ich seit Jahren plädiere: Wir sollten regionaler, saisonaler und näher bei den Produzenten einkaufen und mehr pflanzliche Lebensmittel auf unseren Speiseplan setzen.

Jetzt kommt das Aber: Die Selbstversorgung soll in nur zehn Jahren von rund 40 auf 70 Prozent erhöht werden. Das geht nicht ohne tiefgreifende Veränderungen in der Landwirtschaft und ohne unseren Konsum in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Dass Selbstversorgung ihre Grenzen hat, sehe ich an meiner Familiengeschichte. Mein Vater erntete als Jugendlicher in den Abruzzen auf über 1000 Meter mühsam Getreide. Von Hand. Die Böden mussten von Steinen befreit und mit Mauleseln gepflügt werden. Auf den Hügeln rund ums Dorf wurde angebaut, was irgendwie wachsen konnte.

Menschen litten Hunger

Regionaler und saisonaler geht kaum. Und trotzdem hatten die Menschen zu wenig und litten Hunger. Meine Eltern verliessen ihre Heimat und kamen in die Schweiz.
Nicht jede Region kann alles produzieren. Wir sind auf Lebensmittel aus anderen Ländern angewiesen. Der Handel gehört zu unserer Esskultur. Schliesslich exportiert auch die Schweiz Lebensmittel, die weit über ihre Grenzen hinaus geschätzt werden, wie Käse und Schokolade.

Problematisch wird es für mich, wenn wir Dinge importieren, die auch bei uns sinnvoll produziert werden könnten, während Wissen, Sortenvielfalt und landwirtschaftliche Flächen verschwinden. Genau das geschah auch im Heimatort meiner Eltern. Mit der Emigration verschwanden nach und nach die Felder. Gleichzeitig industrialisierte sich die Landwirtschaft. Ertragreichere Sorten verdrängten alte Getreide, Lebensmittel wurden über immer grössere Distanzen transportiert.

Umso mehr fasziniert mich, was inzwischen in den Abruzzen geschieht. Junge Landwirte beginnen wieder dort, wo ihre Grosseltern aufgehört haben. Sie bauen alte Sorten an, kultivieren Hülsenfrüchte und nehmen viel Handarbeit und kleinere Erträge in Kauf. Weil sie überzeugt sind, dass Herkunft, Vielfalt und Geschmack wieder einen Wert haben.

Selber Verantwortung übernehmen

Das könnte eine Antwort auf die Ernährungsinitiative sein. Nicht möglichst alles selbst produzieren. Sondern wieder mehr von dem, was bei uns sinnvoll wachsen kann. Aber ich habe schon bei der Petition in Biel-Benken geschrieben: Wir sollten aufhören, für alles zuerst nach der Politik zu rufen. Wir können Verantwortung auch selbst übernehmen. Gerade beim Essen sogar erstaunlich viel.

Wir entscheiden jeden Tag, welche Landwirtschaft wir unterstützen. Ob wir Schweizer Produkte statt importierte kaufen. Saisonales Gemüse vom Hof in der Nähe. Brot aus regionalem Getreide. Damit erreichen wir keine 70 Prozent Selbstversorgung in zehn Jahren. Aber ganz sicher mehr als heute. Denn darüber, wie unsere Ernährung morgen aussieht, stimmen wir nicht nur am 27. September ab. Darüber stimmen wir jedes Mal ab, wenn wir einkaufen.

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