Arbeitszeitreform: Wackelt der Acht-Stunden-Tag?
Leuna, im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt, ist einer der größten Standorte der Chemieindustrie in Deutschland. Mehr als 100 Unternehmen haben sich hier inzwischen angesiedelt. Noch recht neu ist eine Bio-Raffinerie für holzbasierte Chemikalien, die der finnische Biotechnologiekonzern UPM in Leuna gebaut hat. Dafür sucht das Werk Mitarbeiter.
Auf einem großen Jobportal wird unter anderem ein Chemikant für die Inbetriebnahme neuer Anlagen gesucht. Vorausgesetzt wird die Bereitschaft, in Schichten mit einer Dauer von zwölf Stunden zu arbeiten. Wie kann das sein? Das deutsche Arbeitszeitgesetz erlaubt als Standard maximal acht Stunden Arbeit pro Werktag. Möglich ist eine Verlängerung auf maximal zehn Stunden, wenn die Mehrarbeit wieder ausgeglichen wird. Und: Zwischen zwei Schichten müssen mindestens elf Stunden Ruhezeit liegen.
Energiekrise in der deutschen Chemie
Zwölf-Stunden-Schichten? Was das Arbeitszeitgesetz heute erlaubt
Wirtschaftsverbände und die konservativen Parteien CDU/CSU fordern schon lange eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger verweist auf die europäische Arbeitszeitrichtlinie, die eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden erlaubt. "Die Spielräume werden fast überall genutzt, nur bei uns nicht", sagte Dulger im August der Deutschen Presse-Agentur.
Besonders in Branchen mit saisonalen Schwankungen, wie im Tourismus, bei Projektarbeit oder unregelmäßigen Arbeitsspitzen wie in der Gastronomie finden Unternehmen die bestehenden Regeln oft zu unflexibel. Sie würden Personal gerne effizienter einsetzen. "Das Arbeitszeitgesetz stammt aus der Ära von Telefax und Wählscheibe. Es kennt weder Notebooks noch Kita-Öffnungszeiten", so Dulger.
Union und SPD sind bei der Arbeitszeit uneins
Union und Sozialdemokraten haben 2025 in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, des Arbeitszeitgesetz zu reformieren. Wörtlich heißt es: "Deshalb wollen wir im Einklang mit der europäischen Arbeitszeitrichtlinie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen - auch und gerade im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf."

Allerdings hätte SPD das Gesetz am liebsten unangetastet gelassen, musste den Wunsch der Union aber akzeptieren. Die Sozialdemokraten verweisen darauf, dass längere Arbeitszeiten in Ausnahmen bereits möglich sind. Für Rettungsdienste beispielsweise, das Gesundheitswesen und Sicherheitsdienste. Auch in Kraftwerken, Raffinerien und eben auch in der Chemieindustrie darf bis zu zwölf Stunden am Stück gearbeitet werden.
Überraschung für Bundeskanzler Friedrich Merz
Selbst dem Bundeskanzler scheint diese Ausnahme-Regelung bis vor kurzem nicht geläufig gewesen zu sein. Anfang September 2026 besuchte Friedrich Merz die UPM-Raffinerie in Leuna. Er sei "völlig überrascht" gewesen, dass die Anlagen im kontinuierlichen Zwölf-Stunden-Schichtbetrieb laufen, erzählte er auf dem Deutschen Arbeitgebertag im Oktober in Berlin. Mit Zustimmung des Betriebsrats und ordnungsgemäß vereinbart.
Der Schichtleiter habe von einem "super guten" Arbeitszeitmodell gesprochen, das drei Arbeitstage pro Woche umfasse. "Er hat gesagt, wir haben viel Zeit für die Familien, das ist eine super Einteilung so." Das zeige, dass es gut wäre, das Arbeitszeitgesetz generell zu lockern, schlussfolgerte Merz. "Über acht Stunden zu arbeiten, ist keine Ausbeutung, sondern das kann für die Betriebe, auch für die Menschen in den Betrieben, eine gute Chance sein, ihre Arbeitszeiten flexibler einzusetzen", sagte der Kanzler und CDU-Vorsitzende auf dem Arbeitgebertag und fügte hinzu: "Wir sollten es machen."

SPD knüpft längere Arbeitszeiten an klare Bedingungen
Widerstand kommt allerdings aus der SPD und von den Gewerkschaften. Letztere lehnen eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes ab. Die Gewerkschaft ver.di argumentiert, deutlich längere Arbeitstage hätten negative Folgen für die Gesundheit der Beschäftigten sowie Nachteile für Menschen mit Familien- und Pflegeaufgaben. Arbeitnehmer könnten in einzelnen Branchen zudem unter Druck geraten, längere Schichten gegen ihren Willen zu akzeptieren.
Entsprechend dem Koalitionsvertrag arbeitete im Juni 2026 das damals noch von Bärbel Bas geführte Bundesministerium für Arbeit und Soziales einen ersten Entwurf für die Reform aus. Allerdings versehen mit zusätzlichen Bedingungen: Ein Wechsel auf eine wöchentliche Arbeitszeit sollte nur dort möglich sein, wo Arbeitgeber und Gewerkschaften die Arbeitsbedingungen in einem sogenannten Tarifvertrag festlegen. Und das auch nur, wenn gleichzeitig Regelungen zum Gesundheitsschutz aufgestellt werden und wenn es eine elektronische Erfassung der Arbeitszeiten gibt.
Streit um Tarifbindung und Arbeitnehmerschutz
Welche Idee dahintersteckt, erläuterte die arbeits- und sozialpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Annika Klose. Flexibilisierung sei "keine Einbahnstraße". Im Koalitionsvertrag sei ausdrücklich auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf abgezielt worden. "Dass es also auch mal möglich ist, das Kind am Nachmittag zum Fußballtraining zu bringen und danach weiterzuarbeiten - aber eben nicht, dass mein Chef mir gegen meinen Willen sagt: Du hast morgen die Schicht von 9 bis 22 Uhr."

Die Union wies den Entwurf umgehend als indiskutabel zurück. Auch die Arbeitgeber schäumten. "Dieser Entwurf muss zurückgezogen und völlig überarbeitet werden", forderte Arbeitgeber-Präsident Rainer Dulger in einer Stellungnahme. Er strotze "vor Misstrauen". Der Zentralverband des Handwerks sprach von einem "Bruch mit den im Koalitionsvertrag vereinbarten Zusagen". Seitdem liegt die Reform auf Eis.
Warum die Reform innerhalb der Regierungskoalition feststeckt
Bundeskanzler Friedrich Merz stellte auf dem Arbeitgebertag nun Bewegung in Aussicht. "Das ist in der Tat überfällig. Ich glaube, dass wir das auch relativ schnell machen können, dass wir die Flexibilität des Arbeitsmarktes herstellen können."
Ob der neue SPD-Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer das genauso sieht, bleibt allerdings abzuwarten. Aus seiner Partei kam Anfang Oktober ein Papier zur Arbeitszeitreform, das einer Kampfansage gleichkommt. "Selbstbestimmt statt dereguliert" steht über den sieben Seiten, die von der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeit, der Jugendorganisation Jusos, der Arbeitsgemeinschaft "60plus" und den Frauen in der SPD unterzeichnet wurde.

In dem Papier beharren die Sozialdemokraten nicht nur auf den Punkten, die schon im Juni in dem Entwurf von Bärbel Bas auftauchten. Sie fordern darüber hinaus, Arbeitgeber und Beschäftigte sollten zukünftig "gemeinsam und einvernehmlich" über Arbeitszeiten entscheiden. Es sei nicht "im Sinne einer zeitgemäßen Reform des Arbeitszeitrechts", wenn nur die Chefs bestimmen könnten, wann die Beschäftigten Feierabend machen.
Politisch gesehen ist die Auseinandersetzung über die Arbeitszeitreform längst mehr als eine Debatte über Paragrafen. Sie ist ein Grundsatzstreit darüber, wie viel Flexibilität die Arbeitswelt künftig verträgt und wie stark der Staat die Beschäftigten dabei schützen soll. Sie ist aber auch ein weiterer Stolperstein für die ohnehin angeschlagene Regierung in Berlin.
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