Demo nach Tod des Bauarbeiters Ahmed D.: „Durch das System der Subunternehmerketten sterben Menschen“

Prekäre Arbeitsbedingungen, schlechter Lohn und Unfälle auf Baustellen: Eine Kundgebung in Hamburg erinnert an verunglückte Bauarbeiter.
taz: Herr Wulff, wer war Ahmed D.?
Niklas Wulff: Es ist leider wenig bekannt über Ahmed. Er war 27 Jahre alt und kam aus Ägypten. Hier hat er wahrscheinlich bei einem Bausubunternehmen gearbeitet. Er ist wohl bei einem Unfall auf einer Abbruchbaustelle in Wilhelmsburg gestorben. Sein Körper wurde in den Wald nach Rissen verschleppt und dort von Spaziergänger*innen gefunden. Es ist nicht geklärt, was passiert ist. Das ist zusätzlich grausam.
taz: Warum kommt es immer wieder zu schweren Unfällen auf Baustellen?
Wulff: Unfälle im Bausektor sind leider sehr üblich. Von vielen Menschen und der Politik wird das fast vollständig ignoriert. Das ist bei der Westfield-Baustelle in der Hafencity deutlich geworden. Die Berufsgenossenschaft Bau, die für die Überprüfung von Arbeitssicherheit zuständig war, hat fast wöchentlich davor gewarnt, dass auf der Baustelle unhaltbare Zustände herrschen. Es gab aber keine ausreichenden Reaktionen darauf. Selbst nach dem tödlichen Arbeitsunfall, bei dem fünf Albaner gestorben sind, wurde zwei Tage später weitergebaut. Daran merkt man, dass es nur ums Geld geht.
Bild: privat
Im Interview: Niklas Wulff
36 Jahre alt, ist Fachplaner für Energieinfrastruktur und arbeitet in der Bauüberwachung. Er ist Mitglied bei der anarchistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter*innen-Union Hamburg.
taz: Ist das strukturell bedingt?
Wulff: Auf jeden Fall. Das ist auch nichts Neues. In Deutschland gibt es seit den 90ern einen Trend dazu, dass große Bauunternehmen ihre Tätigkeiten an kleinere Unternehmen auslagern. Dadurch versuchen sie, Auftragsschwankungen auszugleichen. Das ist heutzutage zum standardmäßigen Organisationsmodell in der Bauwirtschaft geworden. Große Unternehmen bekommen Aufträge und geben sie an kleinere Unternehmen weiter.
taz: Was ist das Problem mit den Subunternehmen?
Wulff: Es ist vor allem der Konkurrenzdruck, der durch das System strukturell erzeugt wird. Der führt einerseits zu niedrigen Löhnen, andererseits zu mangelnden Sicherheitsbedingungen. Am Ende bedeuten die Sicherheitsvorschriften für die Unternehmen Kosten: Die Mitarbeitenden müssen geschult werden; es muss darauf geachtet werden, dass sie die richtige Sicherheitskleidung tragen. In kleinen Unternehmen werden die Sicherheitsstandards nicht so eingehalten wie bei größeren Unternehmen.
taz: Wie zeigt sich das?
Wulff: Leitern funktionieren nicht richtig; Menschen, die mit Asbest arbeiten, sind nicht ausreichend geschützt, beispielsweise durch einen Ganzkörperanzug. Das sind grundsätzliche Probleme. Wir kennen auch Fälle, wo sich die Arbeiter*innen ihre Sicherheitsschuhe privat anschaffen müssen. Nach deutschem Recht darf das eigentlich nicht so sein. Bei kleinen Subunternehmen ist durch den Konkurrenzdruck weniger Zeit da, um auf Sicherheitsstandards zu achten oder die Arbeiter*innen zu schulen.
Die Erfahrung zeigt leider, dass man sich auf das Rechtssystem vor allem als nicht deutsche*r Bauarbeiter*in nicht verlassen kann
taz: Warum gibt es so wenig Aufmerksamkeit für solche Fälle?
Wulff: Wenn Menschen aus anderen Ländern hierherkommen und arbeiten, fehlt ihnen ein soziales Umfeld. Hinzu kommt, dass die offiziell zuständige DGB-Gewerkschaft IG BAU in den kleinen Unternehmen fast nicht vertreten ist. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat dadurch wenig Berührungspunkte. Es braucht eine aktive Aufmerksamkeit, um diese Missstände überhaupt wahrzunehmen und dann auch kritisieren zu können.
Kundgebung
von Wilhelmsburg Solidarisch, der Tischler*innenvernetzung und der FAU Hamburg am 30. Oktober um 17 Uhr in der Fährstraße 42-44, danach um 20 Uhr an der U-Bahnstation Überseequartier
taz: Muss sich die Gesetzgebung ändern?
Wulff: Durch das System der Subunternehmerketten sterben Menschen. Es darf einfach nicht existieren. Außerdem gibt es im Bausektor keine Investorenhaftung. Das ist ein großes Problem. Unternehmen haften nach deutschem Recht im Zweifelsfall nicht. Die Erfahrung zeigt aber leider, dass man sich auf das Rechtssystem vor allem als nicht deutsche*r Bauarbeiter*in ohnehin nicht verlassen kann. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass Menschen sich auf den Baustellen selber organisieren und ihre Rechte und sichere Arbeitsbedingungen durchsetzen.
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