Festivalleiter «Zürich liest» – «Ich glaube nicht, dass man Literatur ‹über-eventisieren› kann»

Literaturfestivals werden immer grösser. Dabei ist Lesen eigentlich eine stille, private Beschäftigung. Was also treibt die Menschen an solche Festivals? Martin Walker, Festivalleiter von «Zürich liest» hat Antworten.
Martin Walker
Festivalleiter «Zürich liest»
Martin Walker leitet das Literaturfestival «Zürich liest» und verantwortet zudem die Bereiche Programm, Sponsoring, Kommunikation und Medien.
Foto: «Zürich liest»
Martin Walker, Literaturfestivals boomen. Gleichzeitig hat eine Studie der Universität Basel ergeben, dass rund 23 Prozent der Befragten in ihrer Freizeit nicht mehr lesen. Erleben wir gerade ein Comeback des Lesens?
Das Gute an einem Literaturfestival ist ja, dass man nicht selbst lesen muss, sondern dass einem vorgelesen wird. Insofern ist das auch für Nicht-Leserinnen und Nicht-Leser perfekt. Das war jetzt ein kleiner Witz. Aber es stimmt natürlich: Die Erfahrung zeigt, dass die Leute auch kommen, weil sie mit Freunden oder der Familie etwas unternehmen wollen. Weil sie merken, dass es da ein gemeinsames Thema gibt, das sie interessiert. Dann geht es vielleicht gar nicht so sehr um das Lesen oder um das Buch, sondern um das gemeinsame Thema, das sie verbindet.
Kürzlich hat mir jemand, der viel liest, gesagt, er würde selbst nie an ein Literaturfestival gehen. Er lese lieber im stillen Kämmerchen liest. Was würden Sie einer solchen Person sagen? Was ist im stillen Kämmerchen eben nicht möglich?
Im stillen Kämmerchen ist natürlich der Austausch mit anderen nicht möglich. Vielleicht hat man auch nicht so eine gute Moderatorin wie wir sie haben, die ganz klugen Fragen stellt. Man muss alles ein wenig mit sich selbst ausmachen.
«Zürich liest» setzt auch auf das Genre Romance. Auch dieses Jahr gibt es Veranstaltungen dazu. Ist das ein bewusster Entscheid, um ein jüngeres Publikum anzusprechen? Und kommen die Jungen auch?
Ja, sie kommen. Sie könnten auch noch ein bisschen zahlreicher kommen. Wir wollen gar nicht unbedingt auf einen Zug aufspringen. Wir haben einfach gesehen und gemerkt, dass da eine grosse Bubble von Leuten ist oder heranwächst, die liest und auch Interesse daran hat Romance-Autorinnen zu treffen. Und weil wir auch Schweizer Autorinnen in dem Genre haben, ist das ein gutes «Mix and Match, Meet and Greet und Booktok».
Jede Aufmerksamkeit und jede Öffentlichkeit, die man irgendwie bekommen kann, muss man nutzen und auch selbst generieren.
Bei «Zürich liest» gibt es klassische Lesungen, aber auch Fahrten im Krimi-Tram, Literaturspaziergänge und sogar auch ein Format namens «Living Library», das ganz ohne Buch auskommt. Hier steht die Begegnung im Zentrum. Wie viel Event verträgt die Literatur? Gibt es für Sie eine persönliche Grenze?
Nein, die gibt es nicht. Die Literatur verträgt wirklich alles, solange es gut gemacht ist. Gerade bei der «Living Library» ist es ja so, dass man sich sogar ein lebendes Buch ausleiht. Also eine Person, die man im persönlichen Gespräch eins zu eins ausquetschen kann. Ich glaube nicht, dass man Literatur «über-eventisieren» kann. Jede Aufmerksamkeit und jede Öffentlichkeit, die man irgendwie bekommen kann, muss man nutzen und auch selbst generieren.
Das Literaturfestival «Zürich liest» findet 2026 vom 20. bis 25. Oktober 2026 an über 100 Orten in Zürich und Umgebung statt. Eine Veranstaltungsauswahl von SRF-Literaturredaktorin Annette König.
Donnerstag, 22. Oktober
19:30–22:00 Uhr
Anders alt – 10 Menschen erzählen
(Buchhandlung Nievergelt)
Freitag, 23. Oktober
20:30–22:00 Uhr
Michael Köhlmeier mit Manfred Papst im Gespräch über «Mein privates Glück», den Roman seiner Familie
(Orell Füssli Kramhof)
Samstag, 24. Oktober
13:30–17:30
«Living Library» – mit lebenden Büchern sprechen
(Karl der Grosse)
Sonntag, 25. Oktober
16:30–17:25 Uhr
Im Krimitram mit «Köbi Vinyl» und Stephan Pörtner
(Extrafahrten-Haltestelle Zürich)
Zum Schluss: Wenn die Besucherinnen und Besucher nach einem solchen Erlebnis nach Hause gehen, was soll bleiben?
Das Wissen, dass es ein cooler Abend gewesen ist. Dass sie etwas mitbekommen haben, worüber sie noch ein bisschen nachdenken können. Dass sie mindestens dreimal herzhaft gelacht haben. Dass sie gefunden haben: Das «Zürich liest»-Bier war dieses Jahr extrem fein. Und dass sie mit dem festen Vorsatz nach Hause gehen: Wir kommen nächstes Mal wieder!
Das Gespräch führte Annette König.
Radio SRF, Regionaljournal ZH, 20.10.2026, 17:30 Uhr. ; köna
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