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Wednesday, November 4, 2026

Ausstellung über Künstlerkolonien: Wir essen Salat, ja, wir essen Salat

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Eine Ausstellung im Berner Kunstmuseum widmet sich Künstlerkolonien. Sie zeigt die ländliche Welteroberung und schlägt damit den Bogen ins Heute.

Jan Feddersen

Der Titel der Freitag im Berner Kunstmuseum eröffneten Ausstellung ist, alles in allem, gut gewählt: „Reise in die Freiheit“. Liegt die Betonung auf dem Touristischen, Weltinteressierenden – oder auf der Bewegung aus Zwängen und Konventionen hinaus? Der Kunsttempel wurde 1879 als – quasi – architektonische Machtgeste der avancierenden bürgerlichen Klassen erbaut. Zeitgleich entstanden die Künstlerkolonien, denen die Schau gewidmet ist, etwa auf Capri oder am Monte Verità. Erobert zur Blütezeit der bürgerlichen Klassen lagen sie weit weg von den Akademien der ästhetischen Produktionen in den Hauptstädten.

Die Überschrift hätte auch „Reise in die Selbstbestimmung“ lauten können, womöglich war dies zu kompliziert. Worauf es anzukommen hat, ist die Bewegung selbst, das Reisen in Unbekanntes. Über 60 Gemälde zeigt diese Ausstellung – und sie sind allesamt mit Orten und Landschaften verbunden, die Idyllen fantasieren lassen – keine aus den Fugen knallenden Städte wie Kopenhagen, Berlin, Rom oder London.

Die Kunstorte waren schwer erreichbar, man musste sich mühen, zu ihnen eine Reise zu unternehmen, dort gar zu bleiben, Quartier zu nehmen, Bilder zu malen. Capri als Trauminsel vor Neapel, nur mit schaukelnden Booten erreichbar; der Monte Verità im schweizerischen Tessin, kaum wegsam dorthin oberhalb des Lago Maggiore; Skagen, ein tristes Fischerdörfchen an der Spitze Jütlands, karg und, als die ersten Künst­le­r:in­nen kamen, als Platz für sie nur denkbar, weil eine kleine Eisenbahnlinie durch sandige und eher ja gräuliche Landschaften dorthin angelegt worden war.

Ein alternatives Leben

Aber die Künstlerscharen waren Kolonisten, für sie stand außer Frage, dass sie ein alternatives Leben dort haben wollten, viel Pionierarbeit war nötig, aber Zeit und Mittel waren ja vorhanden, so gut wie alle Kunstmenschen waren irgendwie familiär vorgepampert.

Vieles, was heutzutage als bürgerlicher Lifestyle gang und gäbe ist, fand dort erste Zeichenhaftigkeit. Atemübungen gegen Krankheiten, Gymnastik zur Erspürung der Körper, vegetarische Nahrungsexperimente, Experimentelles in sexuellen Hinsichten, offene Ehen, der Feminismus und das Ausleben queerer Lüste – die Lebensreformbewegung, wie diese historische Vorläuferin zur grünalternativen Bewegung genannt wurde, hatte im 19. Jahrhundert ihre ersten Aufbrüche im Kunstmilieu.

Bei den Frauen insbesondere: In Skagen oder auf dem Hügel oberhalb Asconas zu leben hieß auch, auf einschnürende Korsetts verzichten zu können.

Andererseits gab es immer auch Hohn und Spott auf die Aussteiger:innen, etwa als 1905 der Anarchist und Schriftsteller Erich Mühsam nach einem Besuch auf dem Monte Verità dichtete, „ein alkoholfreies Trinklied“: „Wir essen Salat, ja, wir essen Salat / Und essen Gemüse früh und spat. / Auch Früchte gehören zu unserer Diät./ Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht.“

Suche nach der Echtheit

Die Gemälde sind von den Ku­ra­to­r:in­nen Livia Wermuth und Andreas Schwab gut gewählt – Letzterer nah Bern lebender Autor des Buches „Zeit der Aussteiger. Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Worpswede“, faktisch die Inspiration zu dieser Schau und zugleich ihr Katalog. Gut, dass beide sich entschlossen, zu den Bildern jeweils Texte als Fact-Checking-Instanzen beizustellen und sie nicht hinter einem QR-Code verschwinden zu lassen: Die Künst­le­r:in­nen nahmen die realen Einwohner in den Dörfern als Objekte ihrer Gemälde – wie aber war es, jenseits künstlerischer Fantasien, um die echten Leben der, nun ja, Ureinwohner bestellt?

So sehr aber der Blick auf Authentizität, auch echte Echtheit geeicht scheint, so bleibt etwa auch das Bild eines jungen Mannes bei seiner Tätigkeit am Fischernetz rätselhaft: Wann wo auch immer war je ein junger, körperlich von keiner Alterung berührter makelloser Mann bei seiner Tätigkeit nackt zu sehen? Oder wann, wie auf einem Gemälde aus Capri, lief eine junge Frau mit einer Hälfte ihres Oberkörpers barbusig durch die Gassen? Oder was mag sich der Maler einer Gruppensituation von Fischern im Meer gedacht haben, als er diese mit lächelnden Mienen auf die Leinwand brachte?

Liegt da nicht, keineswegs kompliziert, eine Art von Lust auf Exo­t:in­nen vor? Oder musste dies ästhetisch so gezeigt werden, weil die pure, arbeitsplackerische Dokumentation auf dem Markt der Gemälde in den Metropolen wenig Anklang gefunden hätte? Wenn schon nichtbürgerliche Menschenobjekte – dann doch wenigstens ob ihres Loses, körperlich brutal hart arbeiten zu müssen, mit gewinnenden Mienen.

Der Clou scheint nur, und die Ausstellung sagt dies auch in ihren instruktiven Begleittextchen, dass kurz nach der „Entdeckung“ dieser Orte, besonders auf Capri und in Skagen, deren Ureinwohner begannen, aus den (was sie ja faktisch waren) Touristen selbst Kapital zu schlagen: als Dienstpersonal, mit Postkartenständen, mit Restaurants und all dem Gewerbe, das sich überall inzwischen einstellt an Orten, die auf den bucket lists der Weltbewohner stehen: Da muss man hin …

Hot Spots ihrer Zeit

Denn, abgesehen vom Monte Verità, der im Tessiner Tourismusmarketing keine Rolle spielt, sind diese Künstlerkolonien in gewisser Weise Hot Spots ihrer Zeit geworden: Sehens- und Besuchswürdigkeiten jenseits offizieller Museumsarrangements. Wer wüsste in heutiger Zeit schon über Worpswede Bescheid, hätten sich dort nicht Paula Modersohn-Becker, Rainer Maria Rilke und Heinrich Vogeler eine Zeit lang niedergelassen? Eben: ein geografischer Alptraum ohne Liebreiz mitten in Mooreslandschaft.

Dass die Ausstellung in Bern ohne die genretypischen fame holder wie die eben Genannten auskommt, ist von inhaltlich starkem Reiz. So lenkt niemand von den Berühmtheiten vom eigentlichen Thema ab: die Freiheit, sich von Konventionen wegzubewegen, sich zu trauen, nicht alternativlos zu denken, auch zu scheitern, anders als rund um und in den Kunstakademien zu Luft zu kommen, und sei es landwirtschaftliche.

Diese feine, recht eigentlich unbeabsichtigte Wechselwirkung zwischen Kolonisierung von übersehbaren Örtlichkeiten und den Nützlichkeiten der neuen Gäste für die ursprünglichen Bewohner dieser Landschaften hatte vielleicht noch einen anderen Effekt, auch dies legt die Ausstellung nahe: die Geburt der Instagramabilität interessanter Weltgegenden.

Künst­le­r:in­nen und ihre Gemälde, die als erste klassische Kunstwerke – die Fotografie als Genre war gerade geboren – wie Werbung für Land und Leute jenseits der eigenen Metropolenbubble funktionierten. Dass das auch viel mit Exotismus, Welteroberung ohne Krieg und Vernutzung angeblich ursprünglicher Lebensweise zu tun hatte: egal. Für die Ureinwohner, so sieht es auf vielen der gezeigten Bilder aus, war die zunächst sachte Invasion ihrer Gäste weltnäherbringend.

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