Film „Nachbeben“: Das zweite Opfer ist sie selbst

Das dänische Krankenhausdrama „Nachbeben“ erzählt vom enormen Druck, unter dem das Personal arbeitet. Im Mittelpunkt steht eine der Ärztinnen.
Die ganz zu Recht mit Lob und Emmys überschüttete Fernsehserie „The Pitt“, die in der Notaufnahme eines US-Krankenhauses spielt, haben manche, nicht ganz zu Unrecht, als Kompetenz-Porno bezeichnet. Trotz aller Hektik, Personalknappheit, Geldnot werden am laufenden Band Leben gerettet, wird hier jemand in letzter Sekunde wiederbelebt, dort mit einer riskanten Operation das Schlimmste verhindert. Das Tempo ist hoch, die Spannung enorm, ein paar Schicksale, reihenweise seidene Fäden pro Folge. Noch der Umgang mit dem zwischendurch unvermeidlichen Sterben und Tod ist hochkompetent.
Das dänische Krankenhausdrama „Nachbeben“ bietet dazu einen Kontrast. Es konzentriert sich neunzig Minuten lang im Wesentlichen auf einen einzigen Fall, eine Ärztin, ja, eine Entscheidung. Der Ort ist eine Neurologiestation. Auch hier ist das Personal knapp. Ein Arzt fällt aus, eine junge Assistenzärztin rutscht in seine Rolle und fühlt sich überfordert damit, erste Diagnosen zu treffen.
Im Zentrum des Films steht eine weitere Ärztin, Alexandra (Özlem Sağlanmak), erfahrener, aber auch noch jung, zwei kleine Kinder zu Hause. Das jüngste hat sie gerade abgestillt, noch in der Umkleide am Morgen wird ihr Shirt durch den BH hindurch muttermilchnass.
Die DVD
„Nachbeben“ (Dänemark 2025, Regie: Zinnini Elkington). Die DVD ist ab rund 11 Euro im Handel erhältlich.
Ein junger Mann, gerade achtzehn, kommt auf die Station, von seiner Mutter (Trine Dyrholm) begleitet. Er hatte heftige Kopfschmerzen, Alexandra wird von der jungen Ärztin zu Hilfe gerufen, die gängigen Tests deuten nicht auf eine schwere Erkrankung. Ein Detail, auf das die junge Ärztin hinweist, geht dabei unter.
Der junge Mann wird entlassen, bricht noch auf dem Gang des Krankenhauses zusammen und fällt ins Koma. Beim MRT wird eine lebensgefährliche Hirnblutung entdeckt. Der Neurochirurg hält eine Operation für übermäßig riskant, die Überlebenschancen beim Unterlassen für größer. Es stellt sich heraus: Er ist nicht mehr zu retten.
Äußerer Ausdruck von innerem Stress
Die Regisseurin Zinnini Elkington, deren Debüt „Nachbeben“ ist, war zunächst Schauspielerin. Sie spielt hier nicht mit, aber „Nachbeben“ ist ganz klar ein Film, der sich auf die Darstellung konzentriert. Das Drehbuch interessiert sich nicht primär für die Institution, sondern für die Ärztin als Person, ihre in Sekunden getroffenen Entscheidungen und deren weitreichende Folgen.
Gravierender selbstverständlich für den Patienten, aber auch schrecklich für sie, die jeden Fehler, der passiert, und die damit verbundenen Schuldgefühle verarbeiten muss. „Das zweite Opfer“ des Originaltitels: Das ist sie selbst.
Vom ersten bis zum letzten Bild liegt darum der Fokus auf ihr. Das Krankenhaus ist dabei zugleich realer und symbolischer Ort. Noch die bunten Muster an der Wand, erst recht das knallrote Treppenhaus sind psychische Räume, auf die die Figur reagiert. Die Schläge, die der Soundtrack immer wieder auf sie einprasseln lässt, sind äußerer Ausdruck von innerem Stress. Özlem Sağlanmak spielt ihre Ärztin Alexandra als Frau, deren Souveränität dieser Situation auf Leben und Tod nicht standhalten kann.
„Jeder Arzt hat seinen Friedhof“, sagt ein Kollege zum Trost. Ein anderer macht ihr klar, wie unwahrscheinlich eine solche Gehirnblutung bei einem jungen Mann war. Zur Balance bringt das Drehbuch an diesem einen Tag, von dem „Nachbeben“ erzählt, eine zweite Krankengeschichte ins Spiel. Eine ältere Frau, deren Symptome auf Schlaganfall deuten.
Auch hier muss Alexandra binnen kürzester Zeit und ohne letzte Sicherheit über die Behandlung entscheiden. In diesem Fall geht es gut, ihr ist die ewige Dankbarkeit der Überlebenden sicher. „Das ist mein Job“, sagt die Ärztin. Vor allem von der anderen Hälfte der Wahrheit erzählt dieser Film.
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