KI-Update Deep-Dive: Griefbots als Trauerbegleiter
Der Verlust eines geliebten Menschen ist eine tiefgreifende Erfahrung. Sogenannte Griefbots, KI-Anwendungen, die Verstorbene simulieren, versprechen Trost und eine neue Form der Trauerbewältigung. Dr. Michael Klenk ist Professor der praktischen Philosophie an der TU Nürnberg. Er beschäftigt sich in seiner Forschung mit dem Thema und erläutert in dieser Podcastfolge, wie solche KI-Tools den Trauerprozess beeinflussen können. Er bevorzugt bewusst den Begriff Griefbot gegenüber dem ebenfalls geläufigen Ausdruck „Deathbot“. „Das macht deutlich, dass es um Grief, also Trauer geht und nicht so sehr um den Tod“, so der Experte.
Das Ziel dieser Technologie sei es, „eine KI-Simulation der Verstorbenen zum Zwecke der Trauerverarbeitung“ zu schaffen. Es gehe explizit nicht darum, ein Bewusstsein zu erschaffen oder die Person wieder zum Leben zu erwecken. Vielmehr sollen die interaktiven Simulationen den Hinterbliebenen bei der Bewältigung ihrer Trauer helfen. Dabei ist die technologische Unterstützung im Trauerprozess nichts grundsätzlich Neues, wie Klenk betont. „Wir tun es doch schon die ganze Zeit. Nur eben auf andere Art und Weise“, erklärt er. Schon heute nutzen Menschen Technologien wie Fotos, Sprachnachrichten oder Briefe, um sich an Verstorbene zu erinnern.
Trauer ist nicht linear
Die oft zitierten fünf Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross – Verleugnen, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz – seien empirisch nicht belegt und für den Trauerprozess von Hinterbliebenen ungeeignet. „Trauer ist vielmehr individuell und nicht linear“, stellt Klenk klar. Das Festhalten an solchen Phasenmodellen könne sogar schaden. „In meinen Augen führt dieser Gedanke, ich trauere falsch, zu viel unnötigem Leid.“
Stattdessen beschreibt er Trauer als einen dualen Prozess: einerseits die rückwärtsgewandte Erinnerungsarbeit und andererseits die vorwärtsgerichtete Neuorientierung des eigenen Lebens nach dem Verlust. Das besondere Merkmal von Griefbots sei in diesem Zusammenhang ihr Versprechen von Realismus. „Was Griefbots anscheinend unterscheidet, ist, dass sie den Verstorbenen besonders realistisch darstellen können“, sagt Michael. Er stellt jedoch infrage, ob dieser Realismus für die Trauerarbeit tatsächlich hilfreich ist. Vergleicht man das mit einem Bild, sei es auch fragwürdig, ob ein hochauflösendes Foto mehr Trost spende als ein altes, grobkörniges.
Gefahr der Kommerzialisierung und Manipulation
Ein großes Problem sieht der Philosoph in der kommerziellen Ausrichtung vieler Anbieter. Wenn das Geschäftsmodell auf einer langen und intensiven Nutzung beruht, steht dies im Konflikt mit dem Ziel der Trauerbewältigung. Es gebe bereits Studien zu sogenannten „Abschiedsmanipulationen“ bei KI-Gesprächspartnern, bei denen der Chatbot emotional reagiert, wenn der Nutzer oder die Nutzerin die Konversation beenden will. Da die gleichen Firmen oft auch Griefbots anbieten, sei die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass dort ähnliche Algorithmen zum Einsatz kommen.
Besonders in der emotional verletzlichen Situation der Trauer könnten Menschen anfällig für solche Mechanismen sein. Klenk warnt vor Abomodellen, die den weiteren Kontakt zum simulierten Verstorbenen sichern, und der Problematik von Preiserhöhungen. Wenn man sich aus finanziellen Gründen von dem Bot trennen muss, könne dies zu einem erneuten Verlusterlebnis führen. „Das ist das Phänomen des Second Death. Ich erlebe eigentlich dann nochmal diesen Verlust auf eine gewisse Art und Weise“, erklärt er.
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Über Trauer im Alltag sprechen können
Trotz der Risiken sieht Michael auch positive Aspekte. In einem therapeutisch begleiteten Rahmen könnten Griefbots als Weiterentwicklung von Methoden wie der „Empty Chair Exercise“ möglicherweise eine sinnvolle Rolle spielen. Trauernde müssen sich die verstorbene Person nicht nur auf dem leeren Stuhl gegenüber vorstellen, sondern können direkt mit ihr interagieren. Der größte Vorteil der Technologie sei aus seiner Sicht jedoch, „dass wir das Thema Trauer mehr in den Fokus rücken und dass da mehr Interesse daran besteht.“ Die Debatte über Griefbots biete eine Möglichkeit, sich überhaupt mit diesem gesellschaftlich schwierigen Thema auseinanderzusetzen, um vielleicht einen besseren Umgang mit Trauer und Trauernden zu lernen.
Menschen in einer akuten Trauersituation rät der Philosoph Betroffenen vor allem eines: „Versucht nicht allein zu sein mit der Trauer. Es gibt Selbsthilfegruppen, es gibt Gesprächsgruppen, hoffentlich Familie und Freunde.“ Bevor man sich einer KI zuwendet, sollte man immer zuerst die menschliche Unterstützung suchen.
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