Die Wahrheit: Nackt im Wind

Todesfalle Herbstlaub: Die Bäume werfen derzeit alles ab. Es wird Zeit, ihnen zu zeigen, was eine Harke ist!
Auch auf Englisch ausgesprochen ist es ein spezieller Fall, der Fall: Alljährlich, wenn der Herbst in Fahrt kommt und Dominosteine die Supermärkte füllen, findet draußen auf den Straßen und Plätzen ein atemberaubendes Spektakel statt. Die Akteure sind Bäume, altehrwürdige Riesen unserer Flora, unangefochtene Herrscher unserer Wälder und, besonders am Rande der Landstraßen, mörderische Bremsklötze unseres Autoverkehrs. Wie auf ein verabredetes Zeichen hin werfen sie plötzlich einigen Ballast ab. Sie putzen sich frech für den Winter heraus, sobald die Tage kürzer werden. Viele nennen das ein Desaster.
Dabei geht es, der Sache angemessen, durchaus schlüpfrig zu. Indem sich die belaubten Kronenträger von ihren monatelang benutzten Blättern befreien, folgen sie einem uralten Ritus. Dieser gibt ihnen offenbar auf, komplett blankzuziehen und sich bis auf die Rinde nackig zu machen.
Dahinter steckt, vermuten Experten, der unbändige Drang der Waldgiganten, sich unbekleidet darzubieten. Ihr Ziel ist, sich fortzupflanzen, sie tun dies selbstzerstörerisch und mit roh prangendem Geäst. Kann man’s ihnen verdenken? Insbesondere nach sengenden Sommern sind sie heiß auf Abwechslung und ein bisschen dreckige Action im Gebüsch.
Schon seit Langem nämlich konkurrieren die verholzenden Samenpflanzen mit uns Menschen darum, die Erde zu beherrschen. Beide Wuchsformen sind dabei weit gekommen. Aus evolutionärer Sicht hatten wir Zweibeiner eine Weile die Nase vorn, doch zur Erntezeit scheint sich das Blatt zu wenden. Das geile Gehölz wirft sein schmutziges Laubkleid ab und lässt es rücksichtslos verkrumpelt überall liegen wie ein Teenager die stinkenden Klamotten im Jugendzimmer. Es bleibt bei dieser Tätigkeit erschreckend vital, weil es um seine erwachende Geschlechtlichkeit geht.
Tückische Wesen
Dabei gehen die Bäume keineswegs achtlos vor, sondern bösartig und geplant. Der Biomüll auf den Wegen soll uns Menschen nicht nur ärgern, sondern richtiggehend schaden. Sie wollen uns dezimieren, damit mehr Platz für sie bleibt! Den tückischen Wesen ist es vollkommen recht, dass jedes Jahr in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen bei Stürzen verunglücken, viele davon beim Spaziergang auf nassem Laub!
Die deutsche Sprache hat dafür sogar eigene Redewendungen: Die Mitbürger trifft der Blattschuss. Oder: Sie werden von der Laubsäge gefällt. Wie viele diese unglücklichen Zeitgenossen in letzter Konsequenz zu Tode kommen, bleibt das düstere Geheimnis der Bäume!
Denn viele Menschen gehen nach wie vor arglos spazieren, um zu lauschen im Blätterwald. Sie glauben den Legenden, dass die Bäume mit dem Blattabwurf Kleintieren über den Winter helfen und zur Humusproduktion beitragen wollen. Deshalb marschieren die Leute schnurstracks durch die Laubhaufen, hüpfen darin herum und erfreuen sich am besinnlichen Rascheln. Knackst dabei die ein oder andere Blattrippe, kümmert es die Spaziergänger nicht – es sind ja „nur“ Blätter! Ganz wehleidig werden sie dann auf einmal, wenn es die eigenen Rippen trifft – beim harten Aufprall auf dem nassen Boden!
„Da ist auch viel Heuchelei bei“, erläutert Dr. Adrian Vanderbilt, Knochenspezialist am Münchner Klinikum rechts der Isar. „Wie wir Menschen folgen die Bäume einfach nur ihren Trieben. Ihr Instinkt sagt Blatt für Blatt: Sie oder wir!“
Wie in antiken Pornofilmen entblätterten sich die holzigen Gewächse spontan – angetrieben von einem uralten Programm, das ihnen zu töten befiehlt, um zu überleben. Dr. Vanderbilt schlägt vor, die dunkle Sehnsucht der Bäume ernst zu nehmen. Sie wollen, sagt er, keine unbeschriebenen Blätter mehr tragen noch sein.
„Im Frühjahr schießen sie aus, im Herbst kriegen sie sich nicht mehr ein. Und wenn sie keine adäquaten Opfer finden“, raunt der Wissenschaftler düster, „kommen sie vom Ästchen zum Stöckchen, schütteln sich ein paar vom Knorren und killen unsere älteren Mitbürger!“
Angesichts der beunruhigenden Entwicklung wird es Zeit, dass wir Menschen uns zum letzten Gefecht rüsten und den bunten, archaischen Ungetümen zeigen, was eine Harke ist. Mit unseren Rechen haben sie jedenfalls zu rechnen! Wer von den beiden Lebensformen sich dann letztlich durchsetzt, steht auf einem anderen Blatt. Aber Vorsicht, es könnte rutschig werden!
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