Die Wahrheit: Wummsen und Schlenkern

Das geheime Leben der Türen und Fenster: Feldforscher wissen jetzt, wie die Maueröffnungen kommunizieren.
Foto: Paul Langrock
Dietmar Winkel steht im Halbdunkel seines Hausflurs und kämpft mit der Haustür. Sie ist halb geöffnet und zerrt an ihm in Richtung Türrahmen. Er hält den Türgriff mit beiden Händen fest und lehnt sich gegen die Zugrichtung. Es schaut aus, als habe er ein wildes Tier an der Leine. „Wenn ich jetzt loslasse, wird die Tür zuschlagen“, sagt Winkel keuchend. „Sie will mit aller Kraft zurück in ihren Rahmen.“ Winkel lässt einige Sekunden verstreichen, dann lässt er los. Mit einem Knall schlägt die Tür ins Schloss. „Ich nenne das das Wummsen der Türen“, sagt Winkel. „Die Tür spürt, dass oben im zweiten Geschoss ein Fenster geöffnet ist. Indem sie wummst, sagt sie dem geöffneten Fenster Guten Tag.“
Die Kommunikation zwischen Fenstern und Türen ist Dietmar Winkels Forschungsschwerpunkt. 2016 ging der gelernte Fensterbauer in Rente. Seitdem erforscht er die Verhaltensweisen der Mauerdurchgänge. „Das geheime Leben der Türen und Fenster“ heißt sein Buch, das diese Woche erscheint. Jahrelang hat Winkel dafür recherchiert, hat das Verhalten von Türen und Fenstern in aller Welt studiert: das schüchterne Schlenkern geöffneter irischer Falltüren, das lüsterne Knacken angolanischer Kunststofffenster, das aufgeregte Winken texanischer Saloon-Türen.
„Ich gehe jetzt schnell nach oben und mache das Fenster zu“, sagt Winkel. Wir befinden uns noch immer in seinem Hausflur in einem Vorort von Osnabrück. Winkel hat zu sich eingeladen, um die zentralen Erkenntnisse seiner Forschung im eigenen Reihenhaus zu demonstrieren. Als Winkel zurück ist, öffnet er die Haustür ein zweites Mal. „Wenn ich sie nun loslasse, wird die Tür nicht wummsen, denn im Haus ist kein Fenster geöffnet, dem sie Hallo sagen könnte.“ Er lässt die Tür los, sie bleibt offen stehen. „Die Tür klafft nun“, sagt Winkel. „Eine Tür klafft, um zu sagen: ‚Ich stehe offen, aber keine andere Tür und kein Fenster in diesem Haus stehen offen und daran kann ich auch nichts ändern.‘“
Wir haken nach. Ob es nicht vielleicht der Durchzug sei, der die unbeseelte Tür … Winkel unterbricht uns harsch. „Durchzug, Durchzug, Durchzug!“, ruft er empört. „Wenn ich das schon höre!“ Er könne es nicht ausstehen, wenn Menschen zwanghaft jede poetische Entdeckung in das gleißende Licht naturwissenschaftlicher Kausalitäten zerrten. „Ich werde es Ihnen schon zeigen!“, ruft er und schließt sanft die Tür.
Einige Minuten später stehen wir in der zweiten Etage vor dem Gästeklo, dessen Tür angelehnt ist. „Öffnen Sie die Tür bitte ein wenig und geben Sie ihr sodann einen leichten Schubs Richtung Türrahmen!“, fordert uns Winkel auf. Wir tun wie geheißen. Die Tür schwingt Richtung Schloss, bremst aber kurz vorher ab und bleibt etwa einen Zentimeter offen stehen. Winkel blickt uns vielsagend an, dann geht er in den gefliesten Raum und öffnet das kleine Klofenster. „Noch mal!“, sagt Winkel. Wir geben der Tür abermals einen leichten Schubs Richtung Türrahmen. Diesmal fällt die Tür sanft klickend ins Schloss.
„Sehen Sie!“, ruft Winkel triumphierend. „Ist das Fenster verschlossen, so will die Tür nicht ins Schloss fallen. Ist das Fenster aber offen, so sendet die benachbarte Zimmertür durch das Schlossklicken einen Lockruf an das Fenster und zeigt sich bereit zur Paarung.“ – „Zur Paarung?“, fragen wir unvermittelt. Winkel schaut uns eindringlich an. „Haben Sie denn noch nie eine Glastür gesehen?“, fragt er. Wir nicken.
Verständigung mittels Geräuschen
„Die Kommunikation zwischen Fenstern und Türen geschieht meist über das Sich-Öffnen und -Schließen. Manchmal aber verständigen sie sich auch mittels Geräuschen“, sagt Winkel. „Wenn Türen sich gruseln, dann knarzen sie gerne mit ihrer Angel und Fenster schlagen mit ihren Läden gegen die Wand.“ Man könne dieses Verhalten in jedem Kriminalroman aus der Bahnhofsbuchhandlung beschrieben finden, sagt Winkel. Viele Entdeckungen aus seinem Buch stammten eigentlich nicht von ihm. Er habe aber als Erster „eins und eins zusammengezählt“.
Als wir uns bei Winkel bedanken und uns verabschieden wollen, geht er zwei Schritte auf uns zu und senkt seine Stimme. „Ich fühle mich den Türen und Fenstern sehr nah. Abends, wenn es still wird, öffne ich gerne ein Fenster und höre dann irgendwo im Haus eine Tür leise klicken. Manchmal denke ich, ich wäre selber am liebsten eine Tür.“
Wir nicken. Dann gehen wir. Durch die Haustür, die hinter uns laut wummst. Das Klofenster war noch geöffnet.
Die Wahrheit auf taz.de
Die Wahrheit
ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.
Die Wahrheit
hat den einzigartigen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.
Die Wahrheit
hat drei Grundsätze:
Warum sachlich, wenn es persönlich geht.
Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.
Warum beweisen, wenn man behaupten kann.
Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.
Die Wahrheit 56 Millionen Deutsche sind betroffen
Weil „Straße“ als Wortmarke ab jetzt geschützt ist, müssen deutsche Städte ihre Straßen umbenennen.
Von Paul Amsel
Die Wahrheit Zu wenig Drama, gar keine Floskeln
Die Wahrheit vor Ort beim Prozess gegen den Gerichtsreporter Joachim Schwimmmeister aus Niedersachsen.
Von Paul Amsel
Die Wahrheit Kleine Taschenlampe, brenn …
In genau drei Monaten, am 16. September, wird die Taschenlampe 959 Jahre alt. Anlass, schon mal auf die Geschichte der Lichtbringerin zurückzublicken.
Von Paul Amsel
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.