Ferienparadies im Ausnahmezustand – Paramilitärs besetzen Stadt

- Paramilitärs der ACSN haben die kolumbianische Küstenstadt Santa Marta über mehrere Tage mit einem «bewaffneten Streik» lahmgelegt.
- Busse und Taxis wurden in Brand gesteckt, Schulen und Universitäten geschlossen, der öffentliche Nahverkehr stand still.
- Seit Mittwoch markiert die kolumbianische Armee Präsenz – eine langfristige Lösung ist nicht absehbar, da die ACSN seit Jahrzehnten in der Region verwurzelt ist.
Südamerikanisches Flair, gepaart mit traumhaften Karibikstränden und üppigem Dschungel: Mit dieser Vielfalt lockt die Nordküste Kolumbiens seit Jahren immer mehr Touristen an. So auch die Küstenstadt Santa Marta, die etwa zwei Autostunden östlich der Millionenstadt Barranquilla liegt.
Leere Strände, Strassen und Geschäfte
Bis vor Kurzem glich der Ort mit gut 500’000 Einwohnern aber über mehrere Tage einer Geisterstadt, wie die «Tageszeitung» berichtet: «Die Karibikstrände sind wie leergefegt, die Strassen ebenfalls, die meisten Geschäfte sind geschlossen. Wer nicht aus dem Haus muss, bleibt daheim», schreibt die Südamerika-Korrespondentin der deutschen Zeitung.
Denn Tage zuvor hatten bewaffnete Truppen der Autodefensas Conquistadores de la Sierra Nevada, abgekürzt ACSN, einen mehrtägigen «bewaffneten Streik» verkündet und der Bevölkerung mit Gewalt gedroht, falls man sich nicht an die Regeln halte.
Minderjährige patrouillierten laut Berichten kolumbianischer Zeitungen mit Gewehren bewaffnet die Strassen und schüchterten Ladenbesitzer mit Schüssen ein. Der Eskalation vorausgegangen war ein Polizeieinsatz, bei dem der Stellvertreter des obersten ACSN-Anführers getötet wurde. Wie die Taz berichtet, starb beim Einsatz auch ein unschuldiger 18-Jähriger. Sicherheitskräfte beharren derweil darauf, dass es sich stattdessen um den Sohn eines mächtigen ACSN-Mitglieds handle.
Seither herrschte in Santa Marta Ausnahmezustand: Busse und Taxis wurden in Brand gesteckt, Geschäfte demoliert, Unis besetzt. Der öffentliche Nahverkehr stand tagelang still, auch alle Schulen blieben geschlossen. Berichte über Todesopfer aufgrund des ACSN-«Streiks» gibt es bislang nicht.
So reagieren die Behörden
Die lokalen Behörden wiegeln ab: Die Gouverneurin der Region rief die Geschäfte auf, trotz drohender Gewalt zu öffnen – es könne ja nicht sein, dass «zwei Typen auf einem Motorrad» alles lahmlegen –, während Santa Martas Bürgermeister Carlos Pinedo auf eine andere Massnahme setzte: 48 Stunden lang war es in der Stadt verboten, auf dem Rücksitz eines Motorrads mitzufahren. Das Kalkül dahinter: Oft fahren Mitglieder von paramilitärischen Gruppen oder Kartellen für Auftragsmorde auf dem Motorrad vor, wobei der Mitfahrer das Feuer eröffnet.
Präsident bewaffnet vor Ort
Kolumbiens konservativer Präsident Abelardo de la Espriella setzte derweil auf Abschreckung: Der 48-Jährige, der seit August 2026 im Amt ist, reiste in der letzten Woche nach Santa Marta. Dabei war er umgeben von Soldaten, Polizisten und auch einer Sicherheitskarawane – trug aber selbst auch eine Pistole an der Hüfte, wie von ihm gepostete Videos zeigen.
Zu den Aufnahmen schreibt er, dass man die «Banditen» mit aller Klarheit informiert habe, dass man keinen Schritt zurückweichen werde. «Die Militarisierung geht weiter und die Offensive unserer öffentlichen Streitmacht steht in vollem Gange, um das Volk zu schützen.»
So mächtig ist die ACSN im Gebiet
Seit Mittwoch markiert die kolumbianische Armee in Santa Marta nun massiv Präsenz – eine langfristige Lösung ist aber weiterhin nicht absehbar. Denn die ACSN ist im Gebiet seit Jahrzehnten etabliert. Ihr Geld verdienen die Paramilitärs mit Drogenhandel, aber vor allem auch mit Erpressung: Ladenbesitzer müssen teils täglich Schutzgeldzahlungen entrichten, fürs Erschliessen neuer Gebiete für den für die Region so wichtigen Tourismus verlangen die ACSN-Kämpfer ebenfalls Gebühren.
Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
