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Saturday, September 26, 2026

Partnerschaft und Konflikt – «Es geht nicht darum, den Richtigen zu wählen»

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In einer Zeit unzähliger Möglichkeiten scheint die Frage dringlicher denn je: Woran erkennt man, ob eine Beziehung trägt – und wann muss man gehen? Die Philosophin Svenja Flasspöhler führte früher ein Leben mit oft wechselnden Partnern, heute hat sie sich für ein anderes Modell entschieden: mit Ehe und zwei Kindern. In ihrem neuen Buch «Zusammenbleiben» denkt sie über Bindung, Freiheit und die Kunst des Streitens nach.

Svenja Flasspöhler

Philosophin, Journalistin und Autorin

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Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des «Philosophie Magazin». Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht.

Foto: Johanna Ruebel

SRF: Frau Flasspöhler, sind Sie gut im Schlussmachen?

Svenja Flasspöhler: Ich bin tendenziell eher ein Mensch, der bleibt. Mit meinem Mann bin ich seit 25 Jahren zusammen. Aber es gab durchaus Zeiten, in denen ich im Schlussmachen besser war.

In Ihrem neuen Buch «Zusammenbleiben» sagen Sie: «Ist das der oder die Richtige?» sei die falsche Frage, wenn es ums Zusammenbleiben geht. Warum?

Diese Idee entspringt der romantischen Vorstellung, es gebe da draussen den einen Richtigen, die eine Richtige. Dahinter steckt der Gedanke: Mit diesem Menschen gibt es dann keine Konflikte mehr, es funktioniert einfach. Das ist aber nicht die Realität. Sobald die ersten Projektionen nach der Verliebtheitsphase bröckeln oder der erste grosse Konflikt kommt, trennt man sich dann vielleicht, weil der andere wohl doch nicht der Richtige war.

Entscheidend ist die Praxis des Streitens: in der Sache hart zu sein, aber so sensibel, dass die Verbindung zum anderen erhalten bleibt.

Beim dänischen Philosophen Søren Kierkegaard bin ich auf einen anderen Gedanken gestossen: Es geht nicht darum, den Richtigen zu wählen, sondern um das Pathos, mit dem man wählt. Ich sage Ja zu dir, nicht weil du der Richtige bist, sondern weil mit dir ein gemeinsames Leben möglich ist.

Wie weiss ich, ob das möglich wäre?

Bei Dating-Apps und digitalen Partnerbörsen schaut man sofort auf die Passung: Möglich ist nur, was passt. Der andere soll dieselben Vorlieben haben, vielleicht ebenfalls vegan sein. Dahinter steht das Ideal der Gleichheit: Der andere ist im Grunde so wie ich. Genau diese Suche nach dem Richtigen im Sinn einer perfekten Passung lehne ich ab.

Was schlagen Sie stattdessen vor?

Möglich wird eine gute Beziehung, wenn etwas da ist, woran beide anknüpfen können. Bei meinem Mann war es seine Präsenz, dass er einfach da ist; bei mir war es meine Konfliktfreudigkeit. Gleichzeitig gab es vieles, was überhaupt nicht ging: Mein Mann konnte am Anfang gar nicht streiten, ich war neurotisch eifersüchtig und hatte eine grosse Verlustangst. Aber wenn man merkt, dass da etwas ist, kann man gemeinsam in einen Verstehensprozess kommen und sich verändern.

Nahaufnahme von zwei Menschen mit aneinandergelegten Stirnen vor orangem Hintergrund.
Legende: Man solle Konflikte wagen, aber «so streiten, dass man die Verbindung hält», rät die Philosophin Svenja Flasspöhler. (Symbolbild) Getty Images/Clandestini

Dann ist Liebe vor allem eine gemeinsame Arbeit?

Den Begriff «Arbeit» finde ich hier schwierig. Ich würde eher sagen: Es geht darum, in Verbindung zu kommen und immer wieder Balance zu finden. Man muss eine Sensibilität für die Kipppunkte entwickeln, an denen etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Wenn es nur Arbeit wäre, würde man nicht zusammenbleiben.

Ihr Mann ist also gar nicht der Richtige, Sie haben sich passend gemacht?

Sich passend machen, das klingt nach Gewalt. Zentral ist vielmehr, die Ungleichheit zuzulassen: Unterschiede, die sich aus Geschlecht, Herkunft, der Sicht auf die Welt oder politischen Überzeugungen ergeben. Es geht darum, diese Differenzen in die Beziehung zu integrieren. Entscheidend ist die Praxis des Streitens: in der Sache hart zu sein, aber so sensibel, dass die Verbindung zum anderen erhalten bleibt.

Warum ist die Idee der perfekten Passung trotzdem so verführerisch?

Weil sie bequem und ein Stück weit narzisstisch ist. Man will sich im Grunde spiegeln. Kierkegaards Gedanke nimmt dagegen den Druck: Statt immer zu fragen, ob es draussen noch jemanden gäbe, der noch besser passt, sollte man sehen, was da ist. Es gab ja einmal einen Grund für die Anziehung.

Sie schreiben, die Wahl für eine Person mache freier. Wie kann Bindung Freiheit schaffen?

Kierkegaard argumentiert: Wer sich bindet, gehorcht nicht heute dieser Lust und morgen jener. Er macht sich nicht zum Sklaven seiner Lust, sondern kann Distanz zur Unmittelbarkeit gewinnen und sich selbst als jemand hervorbringen, der bleiben kann. Das zeugt von innerer Freiheit. Zugleich ist Bindung nicht einfach Lustunterdrückung und Pflichterfüllung: Sie trägt Sinnlichkeit, Schönheit und Lust in sich.

Sie sagen, man bringe sich als jemand hervor, der zusammenbleiben kann. Was bedeutet das?

Ein wesentlicher Aspekt ist Selbsterkenntnis. Im Streit kommen manchmal Affekte hoch, die mit der Sache gar nichts mehr zu tun haben. Man selbst oder der andere flippt aus, obwohl der Anlass harmlos war. Dann geht es darum, die eigenen Affektlagen zu verstehen: Was bestimmt mich? Was reitet mich in der Partnerwahl und in der Beziehung? In meinem Fall spielte die Angst aus meiner Kindheit eine grosse Rolle. Ich suchte mir oft Männer, die diese Angst auslösten.

Ich war als sexuell ungebundene Frau nicht einfach frei, sondern eine Getriebene. Wer immer zuerst ‹Auf Wiedersehen› sagt, muss sich nicht damit auseinandersetzen, verlassen zu werden.

Das Unbewusste unterscheidet nicht zwischen Schmerz und Lust, ihm geht es um Intensität. So geraten Menschen in Wiederholungszwänge. Zu verstehen, was mich bestimmt, ist eine Voraussetzung dafür, sich als jemand hervorzubringen, der bleiben kann.

Ihr Vater verliess die Familie, als Sie zwei Jahre alt waren, Ihre Mutter liess Sie bei Ihrem Stiefvater zurück, als Sie 14 waren. Sind diese Verlusterfahrungen auch ein Grund, weshalb Sie über das Zusammenbleiben schreiben?

Ja, auf jeden Fall. Viele meiner Bücher haben einen persönlichen Ausgangspunkt. Mich interessiert, das Allgemeine mit dem Individuellen zu verbinden und aus dem Persönlichen heraus etwas Allgemeines zu entwickeln.

Sie haben früher sehr anders gelebt: Clubnächte, wechselnde Männer, heute: Ehe, zwei Kinder und Treue. Warum haben Sie diesen ersten Lebensentwurf hinter sich gelassen?

Das ist die Frage des ganzen Buches. Es ist kein Buch, in dem ich sage: Die Zweierbeziehung ist das Allergrösste, ihr müsst alle so leben. Es ist eine Selbstbefragung: Wie bin ich von dem einen Ich zum anderen geworden? Dann kommen unangenehme Fragen: Sind es die Kinder, die Eigentumswohnung? Warum bin ich seit 25 Jahren mit meinem Mann zusammen und verzichte auf andere Optionen? Unter anderem habe ich erkannt: Ich war als sexuell ungebundene Frau nicht einfach frei, sondern eine Getriebene. Wer immer zuerst «Auf Wiedersehen» sagt, muss sich nicht damit auseinandersetzen, verlassen zu werden.

Buchhinweis

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Svenja Flasspöhler: «Zusammenbleiben. Von der Freiheit fester Bindungen». Klett-Cotta, 2026.

Es gibt viele sexuell freizügige Frauen, die sich darin frei fühlen und ihren Lebensentwurf überhaupt nicht als Flucht verstehen.

Das Buch richtet sich nicht gegen andere Lebensformen. Jeder muss seine eigene Form finden. Mir ging es darum, gute Gründe für eine Lebensform zu finden, die zwar noch immer als Norm gilt, zugleich aber unter Druck steht.

Kann es nicht sein, dass Beziehungen irgendwann einfach abgeschlossen sind?

Natürlich. Zusammenbleiben ist kein Selbstzweck. Gewalt ist eine klare rote Linie. Ebenso, wenn der andere sich jedem Verstehensprozess entzieht und kein Interesse an einer Auseinandersetzung hat. Dann muss man wissen: Ich kann gehen. Mir geht es um eine hermeneutische Liebeskunst. Paare müssen lernen, einander weder zu verdinglichen noch mit den problematischen Seiten einfach stehen zu lassen. Dauer kann zur Lebenslüge werden, wenn man Alarmsignale ausblendet, weil man schon lange zusammen ist, Kinder hat oder gemeinsam Eigentum besitzt. Deshalb muss man Konflikte wagen. Aber man muss so streiten, dass man die Verbindung hält.

Das Interview ist ein Auszug aus der Sternstunde Philosophie. Das Gespräch führte Olivia Röllin.

Sternstunde Philosophie Bleiben, obwohl man gehen könnte?

Kultur Laufzeit 59 Minuten.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 20.9.2026, 11:00 Uhr ;  roeo/wids

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