Vom Stress, «Stress» zu sein – «Es ist okay, in eine Therapie zu gehen»

Hinter dem Künstlernamen «Stress» steht jemand, der Gewalt, Depressionen und Selbstzweifel kennt. Andres Andrekson spricht über seinen Weg zur Heilung.
Andres Andrekson aka «Stress»
Musiker & Autor
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Der Waadtländer Rapper Stress prägt seit über 20 Jahren die Schweizer Musikszene. Hinter dem Bühnennamen steht Andres Andrekson. Sein Leben begann mit einer schwierigen Kindheit in Estland, gefolgt von Selbstzweifeln und dem Streben nach Anerkennung. Heute spricht Stress offen über seine Depressionen, körperlichen Schmerzen und die schwierige Beziehung zu seinem Vater. Mit seinem neuen Album «How To Heal», der gleichnamigen Tour und seinem Buch «Wie mit Stress umgehen» setzt er sich intensiv mit Selbstfindung und Heilung auseinander.
SRF: Das neue Album «How to Heal» und dazu das sehr persönliches Buch: «Wie mit Stress umgehen» – ist die Frage, wie du mit dir selbst umgehst, derzeit fast wichtig als die Musik?
Andres Andrekson: Ja. Wenn ich nicht gesund bin, kann ich keine Musik machen. Ich glaube, diesen mentalen Raum zu finden, wo du gut zu dir selbst und den Leuten sein kannst, ist das Wichtigste.
Weisst du, was dich heilt?
Ich glaube schon. Ich habe Akzeptanz lange mit Schwäche assoziiert und brauchte eine Therapie, um aussortieren zu können, was für mich wichtig ist und was nicht.
Du singst «How to heal, baby», aber auch «How to heal, maybe». Ist es nicht klar, ob man diesen Weg schafft?
Heilen ist unser eigener Prozess. Aber es geht auch durch andere Menschen. Ich habe Jahre gebraucht, um mich wirklich offen in eine Beziehung zu begeben.
Du kommst aus einer männlich geprägten Kultur, aus dem Hip-Hop. War es besonders schwer für dich, dich zu öffnen, Schwäche zuzugeben?
Meine Freundin sagt immer: «Be soft.» Ich nehme das immer mit, denn sie hat recht.
Der erste Song auf dem neuen Album heisst «Toujours Alive». War das jemals infrage gestellt?
In einer Phase meiner Depression wollte ich nicht mehr leben. Wenn du solche Gedanken hast, suchst du diesen roten Knopf, damit alles aufhört.
Du warst wie in einem Tunnel?
Ich hatte das Glück, dass ich oft ein Licht am Ende des Tunnels hatte. Manchmal war es eine WhatsApp eines Freunds, der mich fragte, wie es läuft.
Hast du Angst, dass diese dunklen Momente zurückkommen?
Ich bin mir jetzt sicher, dass ich, wenn das wiederkommt, einen Weg finden werde.
Wie wichtig sind Erfolg und Ruhm noch für dich?
Unterhaltung ist schön, aber wir können ein bisschen mehr. Deshalb ist mir mein Buch wichtig. Es öffnet einen Diskurs über den Umgang mit mentaler Gesundheit. Ich glaube, das ist mein Beitrag zur Gesellschaft.
Du hast Wirtschaft studiert und machst dir viele Gedanken. Hat man dich lange unterschätzt?
Das ist normal. Ich bin Ausländer und komme aus dem Welschland.
«Gredig direkt» als Podcast
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Urs Gredig empfängt in seiner wöchentlichen Talkshow prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Gesellschaft. Seit Januar dieses Jahres gibt es seine Sendung auch als Podcast.
Über deine Mutter sagst du, sie habe dir gewissermassen ein Lotto-Ticket geschenkt.
Absolut. Ich bin einfach sehr dankbar, dass sie meine Mutter ist. Heute wohnt sie auch neben mir in Zürich und ich bin sehr froh, weil es sehr gut läuft. Ich hatte sehr viel Glück, dass sie meine Mutter geworden ist.
In deinem neuen Buch sagst du, man kann den Leuten nur einen möglichen Weg aufzeigen. Aber du sagst nicht: «Das ist der richtige Weg.» Verstehe ich dich richtig?
Es gibt bessere Bücher. Aber dieses Buch ist von innen, von der Situation. Ich bin kein Profi oder Arzt. Mein Ziel mit diesem Buch ist, dass wir weiter über das Thema reden, dass wir den Fakt normalisieren, dass es okay ist, in eine Therapie zu gehen.
Wenn du jetzt an den kleinen Andres damals in Tallinn zurückdenkst, welchen Rat würdest du ihm geben?
Egal, welcher Moment, mach einfach den nächsten Schritt. Jeden Tag oder Moment – einfach weitergehen. Es kommt alles gut.
Das klingt sehr positiv.
In meiner täglichen Meditation sage ich zu mir selbst: «Sei positiv». Das Leben hat aus mir einen Realisten gemacht. Ich habe kein Problem, schwere Konversationen zu führen. Ich glaube, es ist sehr wichtig, das Kind beim Namen zu nennen.
Kann ein Realist noch träumen? Hast du noch einen Traum, den du erfüllen möchtest?
Ich glaube, die Realisten haben den Vorteil, dass sie Dinge visualisieren und dann einen Weg finden, um es zu machen.
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