80 Jahre Glückskette – Der Kettenbrief, der die Schweizer Solidarität weckte

1946: Der Zweite Weltkrieg ist zwar vorbei, doch die Not ist noch immer riesig. Inmitten dieser bedrückenden Zeit entsteht im Westschweizer Radio Lausanne eine Idee: Ein Spenden-Kettenbrief soll zur Radiosendung umfunktioniert werden, mit dem Ziel, die Wünsche für die Ärmsten zu erfüllen.
«Glückskette» wird die Sendung getauft – und sie mobilisiert rasch das ganze Land.
Von Tabakspenden zur Millionen-Hilfe
In den Anfangsjahren werden vorwiegend Sachspenden gesammelt: Bücher für verunfallte Soldaten, Wolldecken, Schokolade und Tabak. Legendär ist die «Pantoffelaktion» von 1946, bei der aus alten Filzhüten in Spitälern Tausende Hausschuhe genäht werden.
1974 ermöglicht die Glückskette unter dem Motto «Air Bonheur» Pensionierten aus finanziell bescheidenen Verhältnissen eine Woche Ferien auf Mallorca. Viele von ihnen sehen zum ersten Mal das Meer oder erleben den Luxus, in einem Hotel bedient zu werden.
Ab den Sechzigerjahren rückt die Geldspende in den Vordergrund, 1983 wird die Glückskette als unabhängige Stiftung gegründet.
Christian Engeli, Leiter Kommunikation der Glückskette, erklärt: «Man braucht Personen, die wissen, wie man Geld einsetzt, damit es wirklich den Bedürftigen zugutekommt, und damit man nicht unbeabsichtigt Schäden anrichtet.»
Meilensteine der Solidarität
Wie stark die Solidarität in der Schweizer Bevölkerung verankert ist, zeigen drei ausgewählte Meilensteine.
Tsunami in Südostasien (2004): Mit 227,7 Millionen Franken bis heute die grösste Sammlung der Glückskette-Geschichte. «Für die Glückskette war es extrem, wie viel Geld zusammengekommen ist. Eine riesige Verantwortung», so Christian Engeli. Neben der schnellen Nothilfe stand der langfristige Wiederaufbau im Fokus: Zehntausende Häuser, Schulen und Spitäler wurden neu gebaut. «Zudem hat man im Nachhinein analysiert: Was hat funktioniert, was können wir besser machen?»
Krieg in der Ukraine (2022): Mit über 140 Millionen Franken war es die zweitgrösste Sammlung der Geschichte. Es wurden unter anderem Schulbunker instand gestellt, damit Kinder trotz des Krieges lernen können. Der Krieg – und damit auch die Sammlung – läuft weiter. «Im Gegensatz zu Naturkatastrophen ist es bei anhaltenden Konflikten schwieriger, die Solidarität über längere Zeit zu mobilisieren», so Engeli.
Bergrutsch in Blatten (2025): «Was wir bei Blatten gesehen haben, ist das Bedürfnis der Leute, sich solidarisch zu zeigen und zu signalisieren, dass einem etwas nahegeht. Die Glückskette hat auch die Funktion, diese Solidarität sichtbar zu machen», sagt Christian Engeli. Mit Spenden fülle die Glückskette Lücken, die nicht von Bund, Kantonen oder Versicherungen abgedeckt werden.
Bewusster und selektiver spenden
Es sei aber nicht immer einfach, die Hilfe zu koordinieren, sagt die Direktorin der Glückskette, Miren Bengoa: «Das Umfeld ist anspruchsvoller geworden. Es gibt mehr Krisen gleichzeitig, mehr Konkurrenz um Aufmerksamkeit und auch mehr wirtschaftliche Unsicherheit.»
Spenden: 3 Fragen und Antworten
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SRF: Wer entscheidet, ob gesammelt wird?
Christian Engeli: Die Lancierung einer Sammlung ist jedes Mal eine schwierige Entscheidung. Die Glückskette entscheidet anhand klarer Kriterien: Das betroffene Land muss Hilfe von aussen zulassen. Es müssen bereits etablierte Schweizer Partnerhilfswerke vor Ort aktiv sein. Man baut bei einer Katastrophe nicht erst neue Strukturen auf. Es wird abgewogen, ob die Krise in der Öffentlichkeit genug Aufmerksamkeit erhält, damit eine Sammlung erfolgreich sein kann.
Wie wird kontrolliert, dass das Geld ankommt?
Für jede einzelne Sammlung wird ein separates, zweckgebundenes Konto eröffnet (z.B. ein eigenes Konto für Nepal, eines für Venezuela). Die Partnerhilfswerke reichen konkrete Projektgesuche ein, die von der Glückskette geprüft, bewilligt und über Jahre hinweg streng kontrolliert werden. Alle Berichte und Finanzen werden auf der Website öffentlich publiziert.
Wie viel Geld kommt wirklich an?
Von einer 50-Franken-Spende werden 1 Franken für die Betriebskosten der Stiftung verwendet, beispielsweise für Büros, Telefonzentralen, Personal, Überprüfung der Projekte. Die restlichen 49 Franken (98 Prozent) gehen direkt und ohne Abzüge in die Hilfe vor Ort.
Dennoch sei die Spendenbereitschaft ungebrochen hoch. Nur spenden die Menschen heute anders – «bewusster und selektiver», so Bengoa. «Sie überlegen stärker, welche Krise oder welche Organisation sie unterstützen wollen, und sie möchten genauer wissen, was ihre Spende bewirkt.» Das wolle die Glückskette in Zukunft noch direkter kommunizieren.
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