Kommentar: KI wird nicht die Menschheit vernichten, aber jede Menge Geld
Guten Tag, unser Unternehmen schreibt monströse Verluste, möchte eine halbe Billion US-Dollar für Infrastruktur ausgeben, hat völlig nebulöse Zukunftsaussichten und könnte nebenbei auch noch die Menschheit vernichten – Sie wollen doch sicher unsere Aktie kaufen? So tritt Anthropic wohl echt an, um seinen Mega-Börsengang zu wuppen. Und die Zeiten sind verrückt genug, dass das aufgehen kann. Kurzfristig zumindest.
Axel Kannenberg durchforstet seit 2012 für heise online und seit 2023 für iX die unendlichen Weiten des Internets nach News, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Beherrscht die edle Kunst des Beleidigungsfechtens. Hat 2013 einen Döner für umgerechnet mehrere Tausend Euro genossen (nach heutigem Bitcoinkurs).
Als Bewertung werden mutmaßlich zwei Billionen US-Dollar angestrebt, als würde Anthropic mit seinen proprietären Premiummodellen auf Jahre globaler Monopolist für künstliche Intelligenz sein können. Und das obwohl sich eigentlich schon deutlich abzeichnet, dass KI-Modelle kaum Burggräben bieten und der heutige Benchmarkkönig morgen schon entthront ist. Hinzu kommt: Die Konkurrenz der chinesischen Open-Weight-Modelle ist leistungsstark, günstig und läuft on Premises – und untergräbt das Geschäftsmodell der US-Platzhirsche fundamental.
Endlose Schuldentürme
Aber es geht hier natürlich nicht um deutschen Kleinmut, sondern um die Fantasie unendlichen Wachstums. Anthropic ist da kein durchgeknallter Einzelfall, sondern Musterknabe einer Tech-Branche, die eine gigantische Investitionsmanie im Zeichen der KI entfesselt.
Die Ausgaben für die geplante Infrastruktur können schon längst nicht mehr durch den eigentlich üppigen Cashflow der Hyperscaler finanziert werden, weshalb im großen Stil die Finanzmärkte angezapft und munter milliardenhohe Schuldentürme gebaut werden. Dass die Renditen der US-Staatsanleihen gerade immer wieder neue Höhen erreichen, könnte zum Teil auch daran liegen, dass die KI-Ökonomie gewaltig Kapital aus den Anleihemärkten saugt – und das bei tendenziell steigenden Zinsen.
Ob es überhaupt Nachfrage für diesen Ausbau gibt, weiß niemand. Laut einer aktuellen Schätzung der Beratungsgesellschaft Bain müsste es bei dem hohen Investitionsniveau ein Markt von sechs Billionen US-Dollar sein, um jemals rentabel zu werden. Und es ist ja nicht mal klar, wie viele dieser Megaprojekte überhaupt fertig werden. Allianz Research schätzt, dass rund die Hälfte der für 2026 geplanten 12 GW an Rechenzentrums-Leistung in den USA bereits im Verzug sind oder vielleicht sogar abgesagt werden – etwa wegen Protesten und Klagen oder Problemen in der Bereitstellung der Stromversorgung. Aber auch wenn sich die KI-Rechenzentren drastisch verzögern, sind die Schulden da. Jemand, man oder einer wird die Zinsen zahlen müssen, selbst wenn keine Einnahmen mit verkauften KI-Token dahinter stehen.
Finanzblasen im Schaumbad
Noch wilder wird es, wenn Firmen wie Oracle und Meta ihre KI-Schulden in Zweckgesellschaften verschieben, sogenannte Special Purpose Vehicles. Sie treten dann nur noch als Mieter des RZs oder Minderheitseigner auf. Seht her, nichts in unserer Bilanz, alles nur da drüben in dieser hochverschuldeten Betriebsgesellschaft – Zauberei!
Es mangelt nicht an Stimmen, die die Risiken des Finanzgebarens der KI-Ökonomie benennen. Gewarnt haben etwa die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der IWF und die EZB. Aber solange die Musik weiter so dröhnt und die Party steil geht, kann man das gut überhören. Insgesamt wirkt es, als wäre das Drehbuch für The Big Short 2 praktisch fertig geschrieben. Vielleicht können wir uns zumindest auf Margot Robbie freuen, die uns dann im Schaumbad erklärt, warum diesmal wieder alles zusammengekracht ist.
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