Jugendproteste in Deutschland: Die Wut ist berechtigt

Zehntausende junge Menschen gehen gegen hohe Preise, schlechte Bildung und Wehrpflicht auf die Straße. Auch Krawalle ändern nichts daran, dass das legitim ist.
Foto: Friso Gentsch/dpa
E in Gespenst geht um in Europa und der Welt – das Gespenst einer wütenden Jugendbewegung. Nicht nur in Frankreich, auch in Italien, Spanien, Serbien, Albanien oder Indien gehen junge Menschen auf die Straße. Sie protestieren gegen Krieg und Aufrüstung, gegen miserale Zustände in den Schulen, die Wohnungsnot und soziale Ungleichheit. Kurz: gegen eine Politik, die ihnen zunehmend jede Vorstellung einer besseren Zukunft nimmt. An diesem Wochenende hat diese Protestbewegung auch Deutschland erreicht.
120.000 Teilnehmer:innen zählen die Organisator:innen der „Gen Z regelt“-Proteste bundesweit. Das sind zwar weniger als die 180.000, die sich angekündigt hatten – aber für das erste Auftreten der Bewegung ist das doch beachtlich. In 34 Städten gab es bunte und laute Proteste, die den Verlauf über friedlich blieben. Doch vielerorts trafen Demonstrierende auf eine martialisch auftretende Polizei, die Wasserwerfer und Räumpanzer auffuhr und damit die Stimmung der Kriminalisierung fortsetzte, die bereits die letzten Wochen den Diskurs bestimmte.
Und nein, auch dass es nach Ende der Demos – und gegen den Willen der Organisator:innen – vor allem in Frankfurt aber auch in Hamburg, Köln und Berlin zu teils heftigen Krawallen gekommen ist, ändert nichts an der Legitimität der Wut der Jugendlichen. Vielfach dürften die brennenden Mülltonnen sogar eine Folge dieser Gewaltdebatte gewesen sein: Ein trotziger Versuch zu zeigen, dass man sich eben nicht vorschreiben lässt, wie man zu demonstrieren hat. Bei den auf den Protesten vielerorts den Ton angebenden sozialistischen Jugendgruppen kommen sicher auch Gefühle von Fomo (der Angst, etwas zu verpassen) mit Blick auf Frankreich dazu.
Vor all dem kommt aber das in der Generation real verbreitete Gefühl, verraten und verkauft zu werden. Junge Menschen leben in einer Welt, in der die Merz-Regierung mit offen vorgetragender Verachtung für arme Menschen die Bildungs- und Sozialsysteme dieses Landes kaputt spart. Sie blicken auf eine Zukunft auf einem brennenden Planeten, doch sie sehen, wie die fossile Wirtschaft einfach weitermacht wie bisher. Wie erst Flüssiggasterminals und jetzt Rechenzentren aus dem Boden gestampft werden, während eine Ex-Vorstandsvorsitzende eines fossilen Konzerns das Bundeswirtschaftsministerium leitet.
Und dann erklären Politiker:innen der Jugend unentwegt, ein kommender Krieg sei wahrscheinlich, sie könnten sich schon mal darauf einstellen. Weil aber nicht genügend Freiwillige in die Bundeswehr wollen, wird ziemlich offen die verpflichtende Wehrpflicht vorbereitet. Wie Krieg aussieht, sehen die jungen Leute dabei jeden Tag in ihren Livefeeds, wo die Bilder des auch mit deutschen Waffen begangenden Völkermords Israels in Gaza in Dauerschleife laufen, gefolgt von Szenen brutaler Polizeigewalt auf palästinasolidarischen Demos.
Es ist gut, dass sich nun zumindest Ansätze einer emanzipatorischen Gegenbewegung gegen die Gefühle von Hoffnungslosigkeit zeigen, die all das auslöst. Denn auf der anderen politischen Seite trägt diese Stimmung wohl entscheidend zum grassierenden Fremden- und Frauen*hass bei – also zu Wertesystemen, in denen man wenigstens noch durch die Abwertung anderer glaubt, etwas zu gelten. Doch dass die bürgerliche Mitte den demokratischen Impuls der Proteste versteht, darf bezweifelt werden.
Wahrscheinlicher ist, dass sich nun wieder alle in rassistisch aufgeladener Sprache auf die Bilder des geplünderten Snipes-Stores auf der Frankfurter Zeil stürzen. Bei rechten Politiker:innen und Medien ist das keine Überraschung. Aufhören muss aber die Moralpanik im linksliberalen Lager. Und zwar nicht, weil man geplünderte Läden gutheißen müsste. Es gibt gute Gründe für die Kritik, dass Krawallromantik der Sache mehr schadet als nützt. Aber im Zentrum sollte das politische Versagen stehen, das solche Proteste hervorbringt – nicht das Verhalten derjenigen, die offenbar nicht mehr wissen, wie sie sich sonst Gehör verschaffen sollen.
Das müssen sich im Übrigen auch die Organisator:innen der „Gen Z regelt“-Proteste sagen lassen, die sich in vorauseilendem Gehorsam von allem distanziert haben, was man ihnen irgendwie anlasten könnte. Dabei müssen sie verstehen, dass Deutschland 2026 nicht mehr dasselbe ist wie zur Zeit von Fridays for Future. Die Zeiten sind rauer geworden, und es ist absehbar, dass nur wenige Teile von Medien und Politik der Bewegung wohlwollend gegenüberstehen werden. Der Blick auf den Rest der Welt zeigt, dass „Gen Z regelt“ trotzdem etwas erreichen kann. Dafür muss die Bewegung aber Druck aufbauen – und darf sich nicht spalten lassen.
Timm Kühn Redakteur
Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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Zehntausende demonstrieren für eine bessere Zukunft – mehrheitlich friedlich. Am Abend fliegen an einzelnen Orten Pyros und Flaschen, die Polizei greift an und verletzt einige Demonstrierende.
Von Lotte Laloire, Timm Kühn, Benno Stieber, Andreas Wyputta, David Muschenich, Amira Klute, Erik Peter, Annika Danielmeier, Malte Steinmüller und Yağmur Ekim Çay
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