Schmuggel, Macht, Profit: Das Geschäft mit den Migranten in Libyen
Fast 20.000 Menschen haben in diesem Jahr bereits die gefährliche Überfahrt von Libyen nach Kreta gewagt. Die Route von der ostlibyschen Küste nach Griechenland hat sich damit zu einem bedeutenden Korridor irregulärer Migration nach Europa entwickelt, wie etwa die griechische Zeitung Kathimerini berichtet.
Ein Beispiel: Allein am 20. Oktober registrierten die griechischen Behörden 710 Menschen in 14 Booten. Am folgenden Tag kamen Hunderte weitere an. Viele Boote starten aus der Gegend um Tobruk. Für die etwa anderthalb Tage dauernde Überfahrt zahlen Migranten laut Kathimerini teilweise bis zu 4000 US-Dollar an Schleuser-Netzwerke.
Die zunehmende Bedeutung der Route hängt auch mit verstärkten Kontrollen entlang anderer Fluchtwege zusammen. Nachdem die ostlibyschen Streitkräfte 2023 verstärkt gegen Schleuser-Aktivitäten Richtung Italien vorgegangen waren, nahmen die Netzwerke ihre Aktivitäten Ende des Jahres mit veränderten Methoden wieder auf: Sie nutzten kleinere Boote und verlagerten viele Abfahrten nach Kreta. Einer Analyse der in der Schweiz sitzenden Global Initiative Against Transnational Organized Crime (GI-TOC) zufolge stiegen etablierte Schmugglerclans, die zuvor mit Waren, Fahrzeugen und Drogen gehandelt hatten, auch in den Menschenschmuggel ein. Rund um Tobruk werden Boote teilweise vor Ort gebaut; Migranten warten in Häusern nahe der Küste auf ihre Abfahrt, berichten die Experten.

Geschäfte in einem System informeller Macht
Menschenschmuggel ist in Libyen eng mit der sogenannten Konfliktökonomie verflochten: Bewaffnete Akteure können durch die Kontrolle informeller Märkte und Verkehrswege wirtschaftliche Ressourcen und politischen Einfluss gewinnen. Zugleich können lokale Machthaber aber auch Maßnahmen gegen Schleusung nutzen, um finanzielle oder politische Unterstützung zu erhalten. Diese Mechanismen beschreibt eine Studiedes britischen Thinktanks Chatham House zu den Transitorten Kufra, Sabha und Zawiya. Für die Route von Tobruk nach Kreta ist eine solche Verflechtung bislang nicht konkret nachgewiesen.
"Es ist nach wie vor so, dass sich ein ganzes Business um Schmuggelrouten gebildet hat - egal, ob es um Waffen, Güter, Menschen oder Drogen geht", sagt Hager Ali, Politikwissenschaftlerin am German Institute for Global and Area Studies (GIGA), im Gespräch mit der DW. Wo Kontakte, Transportmittel und Schutzstrukturen bereits vorhanden seien, könne sich das illegale Geschäft mit den Migranten in bestehende Netzwerke einfügen.
Im Osten des politisch geteilten Landes liegt die Macht maßgeblich bei General Khalifa Haftar und den mit ihm verbundenen militärischen und politischen Strukturen. Auch seine Söhne, insbesondere Saddam Haftar, haben wichtige Positionen inne. Ob Schleuser an der Küste mit den Netzwerken der Familie verbunden sind, ist offen. Expertin Hager Ali zufolge kann schon der Eindruck, informelle Märkte zu kontrollieren, politischen Einfluss verschaffen: "Je mehr scheinbare Kontrolle man über diesen Markt hat, desto größeren Einfluss hat man", so Ali weiter. Wer Abfahrten beeinflussen oder verhindern könne, könne damit seine Bedeutung gegenüber anderen Akteuren demonstrieren.

Auch öffentlichkeitswirksame Einsätze gegen Schleuser könnten der politischen Legitimation dienen: "Man präsentiert sich als jemand, der Ordnung schaffen und der Migration Einhalt gebieten kann", sagt Ali durchaus auch mit Blick auf politische Entscheidungsträger in Ostlibyen. Konkret seien Verbindungen der Haftar-Familie zu den Schleusernetzwerken aber nicht belegt, betont sie.
Geopolitische Interessen
Die Migrationsroute Ostlibyen-Kreta gewinnt auch vor dem Hintergrund der Konkurrenz im östlichen Mittelmeer an Bedeutung. Am 20. Oktober billigte das Parlament im ostlibyschen Tobruk ein Seerechtsabkommen mit der Türkei, das Ankara ursprünglich 2019 nur mit der rivalisierenden Regierung in Tripolis vereinbart hatte. Die Entscheidung steht für die Annäherung zwischen der Türkei und dem Haftar-Lager, das Ankara im libyschen Bürgerkrieg längere Zeit militärisch bekämpft hatte. Beide Seiten verfolgen wirtschaftliche und strategische Interessen, auch mit Blick auf mögliche Energieprojekte. Griechenland lehnt die Vereinbarung ab, weil es seine See- und Wirtschaftsrechte rund um Inseln wie Kreta und Rhodos verletzt sieht.
Kreta zwischen Tourismusboom und Flüchtlingskrise
Ein direkter Zusammenhang zwischen dem Abkommen und den steigenden Ankunftszahlen ist nicht belegt. Expertin Hager Ali hält es aber grundsätzlich für denkbar, dass Migration in geopolitischen Konflikten auch als Druckmittel eingesetzt werden könnte. Dabei betont sie, dass eine etwaige Steuerung der Abfahrten durch die Haftar-Führung oder ihr Umfeld aber nicht nachgewiesen sei.
Europas Dilemma
Um Abfahrten von Migrantengruppen über das Mittelmeer zu verhindern, arbeitet die EU mit libyschen Behörden und Sicherheitsakteuren zusammen, obwohl deren Verbindungen zu bewaffneten Gruppen und ihre politische Legitimität umstritten sind. Der Geograf Andreas Dittmann von der Universität Gießen verweist auf den Widerspruch dieser Politik: Die Kooperation könne war der Migrationskontrolle dienen, zugleich aber auch lokale Machtakteure stärken.
"Sollten die Verantwortlichen im Osten Libyens tatsächlich Einfluss auf Umfang und Zeitpunkt solcher Bewegungen nehmen können, könnten sie damit auch gegenüber europäischen Regierungen ihre strategische Bedeutung demonstrieren", so Dittmann gegenüber der DW.
Wie prekär die Lage vieler Migranten ist, zeigt auch ein Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) auf Grundlage von Daten aus dem Mai und Juni 2026. Demnach lebten rund 950.000 registrierte Migranten und Flüchtlinge in Libyen. Viele haben nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung; fehlende Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse erhöhen ihre Abhängigkeit von informellen Strukturen und das Risiko der Ausbeutung.
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