Me Time und Ambient Time: Wer wie „Friends“ leben will, muss Friend sein

Plötzlich wollen alle allein sein und sich gut fühlen. Geht das oder sieht das nur gut aus? Es gibt Alternativen – und die sind sogar gesund.
Foto: Mary Evans/AF Archive Warner Bros/imago
D u fühlst dich gestresst von den unbeantworteten Nachrichten auf deinem Handy. Es ist okay, nicht zu antworten.“ „Deine Freundin feiert Geburtstag, aber du hast null Socialising-Energie? Sag ab!“ „Eigentlich müsstest du in fünf Minuten los zu deiner Verabredung, aber dir ist lieber nach Me Time auf der Couch? Gönn sie dir!“
Ich glaube, wer alle Tipps umsetzt, die er bei Instagram zu Freundschaften liest, hat bald keine Freund:innen mehr. Denn der Trend zum Hyperindividualismus hört nicht bei gut gemeinten Ratschlägen auf. In letzter Zeit begegne ich vermehrt Videos von „Loneliness Influencern“. Meist Frauen, die das Alleinsein romantisieren. Sie zeigen sich beim Kuchen essen im Café, beim Kuscheln mit der Katze oder wie sie Alltagsaufgaben erledigen – immer allein. Die Videos tragen Titel wie: „POV: Du lebst in New York, hast keine Freunde und verbringst deinen Samstag so.“
Natürlich ist nichts Schlimmes dabei, Zeit alleine zu verbringen. Aber hinter der „no friends aesthetic“ verbirgt sich eine traurige Realität: Junge Menschen haben immer weniger Freunde, viele von ihnen fühlen sich einsam. Das ist nicht nur traurig, weil ihnen das Schönste der Welt entgeht, sondern auch gefährlich. Einsamkeit schadet uns Menschen.
Die meisten wollen Freund:innen haben. Aber wieso haben sie keine? Fragt man Expert:innen kommen sie schnell aufs Smartphone zu sprechen. Die analogen Kontakte gehen bedingt durch das Handy immer weiter zurück. Und wenn die fehlen, fehlen irgendwann auch die Freundschaften.
Wunsch nach Me Time
Ganz sicher ist da etwas dran, doch ich begegne oft einem anderen Widerspruch. Viele schwärmen von den Freundschaften in „Friends“. Sie wollen wie Monica, Phoebe, Rachel, Joey, Chandler und Ross ständig Zeit miteinander verbringen. Doch in der Realität priorisieren sie oft Me Time. Aber glauben wir wirklich, dass es uns mehr Entspannung bringt, drei Stunden auf der Couch Doomscrolling zu betreiben anstatt Zeit mit unseren besten Freund:innen zu verbringen?
Ein Grund für den Wunsch nach Me Time, neben unserem vom Kapitalismus diktierten Alltag, liegt in der Eventisierung von Freundschaft. Hat man als Teenie einfach rumgehangen, verändern sich die Treffen mit unseren Freund:innen, wenn wir älter werden. Wir verabreden uns zum Kino, gehen gemeinsam ins Restaurant oder machen einen drauf. Und: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Kino, Restaurants und Bars, aber manchmal ist es zu viel, etwas zu unternehmen. Zuhause rumhängen geht auch gemeinsam.
Kürzlich habe ich in einen Begriff gelernt, der uns aus der Misere befreien kann. Die Musikerin Amelia Meath schwärmt im Podcast „Mentor Buffet“ von „Ambient Time“. Zeit, die man mit Freund:innen verbringt, ohne etwas zu tun. Zwei Personen bereiten das Abendessen zu, andere puzzeln oder lesen ein Buch.
In meinem Leben gibt es mehr „Ambient Time“, seit Kinder in den Freundeskreis gekommen sind. Jetzt verabreden wir uns um 9 Uhr zum Kaffee und verbringen dann ungeplant den ganzen Tag miteinander. Wir liegen auf dem Boden umgeben von Duplosteinen und Brezelkrümeln, mal redend, mal schweigend, oft lachend. Wir hängen im Hof rum, während einer die Wäsche aufhängt, die andere Kaffee trinkt oder mit den Kindern im Sandkasten spielt. Doch für „Ambient Time“ braucht es keine Kinder, es braucht nur Willen.
Vor Kurzem wurde ich dann mit einer Liebeserklärung überrascht. Ein guter Freund schickte uns ein Foto einer Klotür, auf die wer gekritzelt hatte: „tell you friends you love them today <3“. Dazu schrieb er: Es ist alles furchtbar gerade, aber das habe ich auf dem Klo eines Cafés gelesen und gedacht, das mache ich gleich mal, also: <3 you, schön dass es euch gibt.“ Weisheiten auf Klotüren sind eben manchmal hilfreicher als Instagram.
Carolina Schwarz Ressortleiterin taz zwei
Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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