Warum sich die Ukraine ohne die Aufklärungsdaten der USA kaum verteidigen kann
FAQ
Stand: 15.10.2026 • 19:17 Uhr
Um sich verteidigen zu können, ist die Ukraine dringend auf Informationen aus den USA angewiesen. Doch genau dabei hakt es offenbar. Zudem gibt es Probleme mit dem Satellitendienst Starlink. Welche Folgen hat das? Und was steckt dahinter?
Die Stimmung zwischen US-Präsident Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hat sich deutlich verschlechtert. Trump forderte die Ablösung von Selenskyj und behauptete, der ukrainische Präsident sperre sich gegen ein Friedensabkommen und sei für die hohen Dieselpreise verantwortlich. Der Preis für Diesel wurde aber vor allem durch den von den USA und Israel begonnenen Krieg gegen Iran in die Höhe getrieben.
Dass sich die Beziehungen verändert haben, bekommt die Ukraine bereits seit Trumps Amtsantritt im vorigen Jahr zu spüren. Nun droht Washington offenbar mit einem Stopp der Weitergabe von militärischen Aufklärungsdaten. Und Kiew berichtet von neuen Einschränkungen bei der Nutzung des Satelliteninternets von Starlink. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Warum ist das Verhältnis aktuell so angespannt?
Trump drängt vor allem die Ukraine seit Längerem zu schmerzhaften Kompromissen für einen Friedensschluss mit Russland. Vor den Kongresswahlen am 3. November (Midterms) würde der US-Präsident gern Erfolge präsentieren, um seiner Republikanischen Partei Rückenwind zu geben.
Vor diesem Hintergrund soll es nach einem Bericht der New York Times bei Gesprächen einer ukrainischen Delegation mit US-Vermittlern über Schritte zu einem Kriegsende zu einer indirekten Drohung gekommen sein. Demnach hat die US-Seite eine Einstellung ukrainischer Angriffe auf Raffinerien in Russland gefordert und in dem Zusammenhang auf die für die ukrainische Armee wichtigen Aufklärungsdaten der USA verwiesen.
Auch Präsident Selenskyj sagte, das US-Militär habe gedroht, Geheimdienstdaten zurückzuhalten, sollten die Angriffe nicht aufhören. Aber trotz einer zweitägigen ukrainischen Kampfpause seien den Streitkräften US-Frühwarnungen vor ballistischen Raketen aus Russland vorenthalten worden, kritisierte er in der Financial Times.
Welche Informationen bekommt die Ukraine?
Umfang und Details der Informationsweitergabe sind aufgrund der militärischen Geheimhaltung nicht vollständig bekannt. Aus offiziellen ukrainischen Verlautbarungen und Medienberichten geht aber hervor, dass Kiew Satellitendaten und andere Hinweise für die Abwehr russischer Luftangriffe erhält. Das betrifft Vorbereitungen der russischen Luftwaffe wie das Auftanken, Munitionieren und Starten von Flugzeugen sowie das Abfeuern von Raketen. Ebenso gehören dazu Daten über vorbereitete Angriffe mit ballistischen Raketen oder Drohnen sowie deren Starts und mögliche Ziele.
Kiew erhält auch Informationen, die für eigene Angriffe wichtig sind. Dazu gehören Positionen der russischen Flugabwehr und damit mögliche Umgehungsrouten. Anders wären bestimmte ukrainische Drohnenangriffe auf Rüstungsfabriken, Lager, Datenverarbeitungszentren und russische Raffinerien selbst im fernen Sibirien nur schwer umsetzbar. Zudem wird die Ukraine mit westlichen Erkenntnissen über Truppenbewegungen, die Standorte von Munitionslagern und Kommandozentren versorgt, die so Ziel ukrainischer Angriffe werden können.
Wofür verwendet die Ukraine Starlink?
Seit Kriegsbeginn setzt die ukrainische Armee den Satellitendienst Starlink des US-Raumfahrtunternehmens SpaceX für die Kommunikation im Frontgebiet ein. Bei zerstörter Infrastruktur und fehlendem Mobilfunknetz ist auf diese Weise Hochgeschwindigkeitsinternet auch im Feld verfügbar.
Mit dem Einsatz von Seedrohnen und Drohnenangriffen auf das russische Hinterland ergab sich ein neues Einsatzgebiet. Starlink-Antennen stellen auch für schnell bewegliche Boote und Fluggeräte eine Internetverbindung her. Dadurch können Drohnenvideos nahezu in Echtzeit übertragen und die ukrainischen Waffen aus der Ferne ins Ziel gesteuert werden.
Welche Probleme gibt es jetzt mit Starlink?
Ukrainischen Medienberichten zufolge wurde in der Nacht zum Mittwoch ohne Vorwarnung von SpaceX ein Tempolimit für Starlink-Terminals eingeführt. Demnach verlieren Flugobjekte ihre Verbindung, wenn sie sich schneller als 160 Kilometer pro Stunde bewegen. Anderen Berichten zufolge gehe die Verbindung bereits bei geringeren Geschwindigkeiten von 110 oder 120 Kilometern pro Stunde verloren.
Praktisch bedeutet das, dass weitreichende ukrainische Drohnen, die zum Teil mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde fliegen, bei Überschreitungen der Geschwindigkeitsbegrenzung im Blindflug unterwegs sind. Sie können nicht mehr aus der Ferne gesteuert werden und verfehlen ihr Ziel.
Das ukrainische Verteidigungsministerium teilte inzwischen mit, dass sich die Verbindung bei Empfangsgeräten, die sich mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde bewegen, verbessert habe. SpaceX halte aber an einer Geschwindigkeitsgrenze von 161 Stundenkilometern fest. Die Regierung stehe mit SpaceX in Kontakt, um einen stabilen Betrieb sicherzustellen.
Was sagen die USA zu den Vorwürfen?
Bisher nichts, eine Anfrage beim Weißen Haus blieb am Mittwoch unbeantwortet. Wie SpaceX-Chef Elon Musk auf X mitteilte, liegt die Verantwortung dazu ganz bei der US-Regierung. "Starshield-Systeme gehören der US-Regierung und werden von ihr kontrolliert", erklärte Musk in seinem Onlinedienst X. Jegliche Beschränkungen der Geschwindigkeit oder Nutzung würden vom US-Militär oder dem Präsidenten festgelegt.
Beide Systeme wurden von Musks Unternehmen SpaceX entwickelt: Starshield dient der militärischen Kommunikation, Starlink laut Musk zivilen und defensiven Zwecken. Obwohl die Aufgaben vom kommerziellen Starlink-Dienst getrennt sind, ist die Unterscheidung in der Praxis oft fließend. Die sicheren Kommunikationsdienste von Starshield nutzen zwar eine verbesserte Verschlüsselung und spezielle Terminals. Sie greifen aber als Basis auf das riesige Starlink-Satellitennetzwerk zurück.
Zusätzlich zum Thema Starlink war der Vorwurf bekannt geworden, die USA würden weniger Informationen ihrer Geheimdienste mit der Ukraine teilen als üblich. Das wies US-Präsident Donald Trump am Dienstag zurück.
Welche Folgen hat der Diesel-Deal mit Putin?
Neben der mutmaßlichen Starlink-Drosselung sorgt auch der Diesel-Deal von Trump mit Russland für Spannungen. Der US-Präsident hatte nach einem Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verkündet, Russland werde umgehend mehr als 300.000 Tonnen Diesel für die USA und den Weltmarkt zur Verfügung stellen. Dafür sollten Sanktionen ausgesetzt werden.
"Es ist schade, dass wir einen starken Partner verlieren", sagte Selenskyj im Gespräch mit dem britischen Moderator Piers Morgan dazu. Die Ukraine könne sich keine Schwäche erlauben. Es sei okay, wenn der US-Präsident "in der Mitte" stünde. "Aber wenn man in der Mitte ist, muss man in der Mitte bleiben." Er wisse nicht, wer Trump auf die falsche Seite dränge. "Aber das ist nicht die richtige Seite der Geschichte", sagte Selenskyj.
Wie geht es mit den Angriffen auf Energieanlagen weiter?
Heute hat das ukrainische Militär wieder russische Ölanlagen ins Visier genommen. Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, die Ukraine habe eine Ölraffinerie in der Region Rjasan mit Drohnen und Marschflugkörpern des Typs "Flamingo" attackiert. Vier "Flamingos" und 69 Drohnen seien abgefangen worden, jedoch hätten Drohnentrümmer einen Brand in der Raffinerie ausgelöst. Ein ranghoher Vertreter der Ukraine, der anonym bleiben wollte, bestätigte einen nächtlichen Angriff auf eine Raffinerie in Rjasan.
Die Ukraine hatte die Angriffe auf russische Energieanlagen Anfang der Woche für zwei Tage ausgesetzt, nachdem Trump im Zuge des Diesel-Lieferabkommens eine "Energie-Waffenruhe" beider Kriegsparteien angekündigt hatte. Russland griff aber dennoch weiter ukrainische Energieanlagen an.
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