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Monday, September 14, 2026

Premiere am Wiener Volkstheater: Der Endgegner in Stratford

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Das Wiener Volkstheater folgt einem von Rieke Süßkow inszenierten „Macbeth“ bis in die Spielkonsole. Was bleibt außer Hauen und Stechen?

Sie haben sich verlaufen. Aus dem Morast des finsteren schottischen Mittelalters hat es Herrn und Frau Macbeth je in ein gegenwärtiges Kellerloch verschlagen. Links auf der Bühne des Wiener Volkstheaters die Lady (Karoline Reinke) in Stiefeln und konturierter Uniformhose, Mikro und Videospielcontroller, den Bildschirminhalt zeigt der Screen über ihr. Sie trumpft auf in Gegenwartsprosa, um dann in den hehren Shakespeare-Ton zu fallen. Ihr würde man glatt abnehmen, dass sie nicht nur herumdaddelt, sondern irgendwo im Untergrund von Charkiw mit dem Joystick Drohnen lenkt.

Auf der anderen Seite platziert die Inszenierung von Rieke Süßkow den Helden als gelangweilten Nerd (Nicolas Frederick Djuren), der immer wieder zerknülltes Papier in den Korb wirft, hinter ihm Filmplakate aus dem Fantasy-Genre, die schon seit der Pubertät dort hängen. Er hat eine Verabredung, sogar mit einer Frau. Als die Lady zum Videocall anklopft, sucht Macbeth noch schnell nach einem sauberen Hoodie. „Hail Macbeth – the Game“ wollen sie spielen, sie zumindest, und heizt dem Zaudernden mit derben Sprüchen ein, das Feuer toxischer Männlichkeit in ihm zu entfachen.

Hexenwahn und Königsmord als krude Incel-Fantasie? Das Programm findet ein wenig Unterstützung beim Shakespeare-Weisen Jan Kott, der am Mordwerk der Macbeths ins Destruktive gewendete sexuelle Energien wahrnimmt. Der Einstieg ins Spiel taucht das alles in die märchenhafte Unschuld knopfäugiger Klappmaulfiguren in bunten Gewändern. Ineinandergeschachtelte Leuchtrahmen markieren Bildschirmbegrenzung und unterschiedliche Handlungsebenen auf der Bühne.

Das liebevoll gebaute, virtuos geführte Puppen- und Materialtheater von Esther Falk erzählt das Hauen und Stechen im Sauseschritt. Mal wird im Schattenriss gemordet, mal platzen Figuren unter Schlägen und blutrote Seide quillt meterlang aus ihnen hervor. Dazwischen wird ordentlich deklamiert, im Character Development ist Shakespeare kaum zu schlagen.

Shakespeare gibt es nur im Nahkampf mit der Form

Puppentheater führte in der deutschsprachigen Tradition zumeist nur eine randständige Existenz als Kinderkram, zu Unrecht. Der Niederschlag der menschlichen Gestalt am unbelebten Material, das die Illusion dennoch beleben kann, verschafft ihm eine unerwartete, bisweilen erschreckende Aura. In Zeiten, in denen Menschen sich ihrer Reservate nicht mehr sicher fühlen, weil sie glauben, dass Maschinen bald das ersetzen, was ihnen bislang unveräußerlich war, könnte das Theater der Puppen und der Dinge neue Bedeutung gewinnen.

Diese eigene Virtualität kann es hier allerdings nicht ausspielen, sie ist nur Metapher für eine andere, digitale Virtualität. Wer in den frühen nuller Jahren seine ersten Rollenspiele übers Netz spielte, dem triggert das Bühnen-Figuren-Game im Volkstheater zarte Kindheitserinnerungen, wie sich die Figuren schnurgrade, aber ruckelnd fortbewegen, im Limbus vor dem Spieleintritt sich schwebend auf und ab bewegen, bis man ihnen neue Waffen, Eigenschaften oder Levels freischaltet.

Dann geht’s Schlag auf Schlag und gerät außer Kontrolle. Lady Macbeth wird selbst ins Spiel eingesogen, den Königsmörder klauben zwei schwarze Gestalten vom Gaming Chair. Der Endgegner (Aleksandra Ćorović) tritt in Erscheinung: Macduff? Der große Andere? Der Mann aus Stratford gar selbst? Ein schwerer Fall von Daddelpsychose, die nicht nur von falschen Drogen ausgelöst werden kann.

Nach 80 Minuten ist alles vorbei, eine Stunde zuvor taucht die Frage auf, was gewonnen ist, außer einer mechanischen Wiedergabe des Plots. Der Abend wird zum Opfer eines verbreiteten Branchenirrtums im Theater über seine Intermedialität, der „Content“ losgelöst von der Form verhandelt, den man nur zeitgemäß übersetzen müsse, gleichsam als Stück-zum-Buch-zum-Film.

Der Himmel der Ideen ist leer, seine Geister sind Ausgeburten der mentalen Prozesse menschlicher Körper, und Shakespeare gibt es nur im Nahkampf mit der Form. Wie sonst sollte man jenseits gegenwärtiger Klischees etwas erfahren von seinen Analysen der Macht, der Motive menschlichen Handelns, von Shakespeares unbeirrtem Optimismus für die Gattung, der selbst im düstersten seiner Stücke die Unmöglichkeit des perfekten Verbrechens offenbart?

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