Äußerst hohe Sterblichkeit: Studie: Mallorca-Pest 1820 verbreitete sich anders als gedacht

Äußerst hohe SterblichkeitStudie: Mallorca-Pest 1820 verbreitete sich anders als gedacht
17.08.2026, 22:08 Uhr
Die Pestepidemie auf Mallorca 1820 zählt zu den letzten großen Ausbrüchen Westeuropas. Eine neue Studie äußert nun Zweifel daran: Unter anderem die extrem hohe Sterblichkeit deutet demnach auf eine andere Art der Übertragung hin.
Fast 200 Jahre lang galt der Pestausbruch auf Mallorca 1820 als Fußnote der Medizingeschichte: eine letzte, tragische Nachhut der großen Pestwelle, die einst mit dem Schwarzen Tod begann. Eine neue Studie findet nun Hinweise, dass die Krankheit sich damals ganz anders verbreitete als lange gedacht.
Die Pest gehört zu den hartnäckigsten Seuchen der Menschheitsgeschichte. Ihre zweite, längere Ära, die sogenannte Zweite Pestpandemie, begann Mitte des 14. Jahrhunderts mit dem Schwarzen Tod und zog sich über Jahrhunderte durch Europa. Lange galt die Pest von Marseille 1720 als der letzte große Ausbruch auf dem Kontinent. Allerdings kam es auch danach immer wieder zu regionalen Ausbrüchen.
Einer dieser letzten Ausbrüche traf 1820 den Osten der spanischen Insel Mallorca. Historiker ordneten sie traditionell als spätes Beispiel der klassischen Beulenpest ein - jener Form, die über Rattenflöhe von Nagetieren auf den Menschen überspringt. Eine neue Studie zeigt, dass der Mallorca-Ausbruch epidemiologisch gar nicht zur klassischen, von Ratten übertragenen Beulenpest passt. Die Studie wurde im Fachmagazin "PNAS" (Proceedings of the National Academy of Sciences) veröffentlicht.
Sehr hohe Sterblichkeit
Ein Forschungsteam nutzte für seine Untersuchung eine bislang nie ausgewertete Quelle aus dem Historischen Archiv der Königlichen Akademie für Medizin der Balearen. Es handelt sich dabei um tägliche Berichte des balearischen Gesundheitsrats, die minutiös Erkrankungen, Todesfälle, Rückfälle und Genesungen in den betroffenen Orten festhielten.
Mit diesen Zahlen fütterten die Forscher ein mathematisches Seuchenmodell. Für die beiden am besten dokumentierten Orte, Son Servera und Capdepera, bestimmten sie, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt, die durchschnittliche Dauer der Ansteckungsfähigkeit und die Sterblichkeitsrate. Das Ergebnis: Die Ansteckungsdauer war verhältnismäßig kurz, die Gesamtsterblichkeit über den ganzen Ausbruch hinweg lag bei erschreckenden 78 Prozent. Zum Vergleich: Die Sterblichkeit bei der Beulenpest liegt - unbehandelt - bei 30 bis 60 Prozent.
Übertragung von Mensch zu Mensch?
Diese Kombination aus sehr kurzer Ansteckungsphase und extrem hoher Sterblichkeit wie auf Mallorca passt laut den Autoren nicht zur klassischen Beulenpest. Eine alleinige Übertragung über Ratten und deren Flöhe halten sie für unwahrscheinlich. Als wichtige Übertragungswege kommen stattdessen menschliche Parasiten wie etwa Zecken, Flöhe und Läuse sowie direkte Mensch-zu-Mensch-Übertragung infrage.
Wie kam die Seuche überhaupt nach Mallorca? Die Volkslegende erzählt bis heute von einem Hirten als "Patient null". Laut historischen Quellen ankerte jedoch Anfang Mai 1820 heimlich ein Schmugglerschiff aus dem marokkanischen Tanger vor der Küste von Son Servera: an Bord womöglich auch der Pesterreger, der von den Schmugglern an Land gebracht wurde. Insgesamt starben 1820 mehr als 2400 der rund 7500 Bewohner der betroffenen Orte, ehe die Epidemie im Winter für beendet erklärt wurde.
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