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Saturday, November 7, 2026

Eine Art "sprechendes Vieh": Russland krempelt Geschichtsunterricht in besetzten Gebieten um

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Eine Art "sprechendes Vieh"Russland krempelt Geschichtsunterricht in besetzten Gebieten um

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Ukraine? Welche Ukraine? Im Donbass lernen Kinder künftig Moskaus Version der Geschichte. (Foto: picture alliance/dpa/TASS)

In den russisch besetzten Gebieten der Ukraine führt die Verwaltung neue Geschichtsbücher ein - geschrieben und herausgegeben wurden sie in Moskau. Der Inhalt lässt tief blicken.

Ab diesem Schuljahr lernen ukrainische Kinder in den russisch besetzten Gebieten mit neuen Geschichtsbüchern - die kommen direkt aus Moskau. Darin bekommen sie die Geschichte ihrer Regionen auf eine Art vermittelt, die mit der Wirklichkeit kaum etwas zu tun hat. Im August hatte das russische Bildungsministerium Schulbücher für die Kinder im Alter von zwischen 10 und 13 Jahren genehmigt, die sich mit der Geschichte der besetzten Gebiete beschäftigen.

"Die Geschichte unserer Region. Donbass" sowie "Die Geschichte unserer Region. Neurussland", wie in Russland je nach politischer Lage so gut wie alle Regionen östlicher des Flusses Dnipro genannt werden, heißen die in Moskau herausgegebenen Bücher. Sie sollen im Fach Heimatkunde Verwendung finden und wurden im September an Schulen der Regionen Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja ausgegeben.

Das Bildungsministerium behauptet, der neue Geschichtskurs sei "objektiv" und Teil der "einheitlichen Geschichte Russlands". Das Lehrbuch enthalte "echte Informationen" im Gegensatz zu ukrainischen Schulbüchern, sagte der russische Minister Sergej Krawzow. Die ukrainischen Geheimdienste betonen dagegen, Russland erziehe minderjährige Ukrainer zwangsweise um und bereite junge Menschen auf den kommenden Zwangsdienst in den russischen Streitkräften vor - für einen Krieg gegen den eigenen Staat.

In den Bildungseinrichtungen der besetzten Gebiete wurde bereits zuvor das einheitliche und wissenschaftlich fragwürdige Lehrbuch für das Fach Geschichte eingeführt. Dieses Buch wurde unter Aufsicht des Putin-Beraters Wladimir Medinskij herausgegeben. Er ist für die russische Geschichtspolitik zuständig und gilt in Fachkreisen als Pseudohistoriker - dennoch hat er in den vergangenen Jahren bei direkten Verhandlungen mit der Ukraine mehrmals die russische Delegation angeführt.

Erstmals in Moskau geschrieben

Bereits die Schaffung eines einheitlichen Geschichtsbuchs zeigt, wohin die Reise in Russland geht. Vor der Krim-Annexion 2014 standen noch jährlich sechs bis sieben Lehrbücher zur Verfügung, die sich recht stark voneinander unterschieden. Inzwischen wurde der Geschichtsunterricht vollständig gleichgeschaltet.

Das Besondere an den Büchern zur Regionalgeschichte der besetzten Gebiete ist jedoch, dass sie zum ersten Mal in Moskau geschrieben und herausgegeben werden. Bisher wurden solche Heimatkunde-Bücher von den lokalen Universitäten gestaltet. Zwar gab es auch zuvor schon in den bereits seit 2014 teilbesetzten Orten Donezk und Luhansk politische Vorgaben. In jenen Büchern wurde jedoch die Existenz der Ukrainer als Volk zumindest nicht geleugnet, analysiert die Luhansker Geschichtsdozentin Nani Gogochija gegenüber dem ukrainischen Magazin "NV". Gogochija lehrt inzwischen in der Region Poltawa, die nicht von Russland kontrolliert wird. In diesen Büchern wurde auch Holodomor, die Hungersnot der Jahre 1932 und 1933, im Kontext der Zwangskollektivierung unter Sowjet-Diktator Josef Stalin dargestellt.

Ein Novum ist zudem, dass so junge Schülern überhaupt in Heimatkunde unterrichtet werden. Früher war dieses Fach älteren Klassen vorbehalten. Es dürfte sich hier um den gezielten Versuch handeln, den Kindern die offizielle russische Sichtweise einzuimpfen - insbesondere denen, die im Falle von Donezk und Luhansk, unter russischer Herrschaft geboren wurden.

Im ursprünglichen Geschichtskurs standen die Ereignisse des 21. Jahrhunderts erst in den späteren Klassen auf dem Lehrplan. Die Erzählung in den neuen Büchern zur Heimatkunde beginnt zwar bei der Antike, doch der Fokus liegt ganz klar auf den jüngeren Ereignissen - insbesondere auf den letzten drei Kapiteln, die sich mit der Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beschäftigen.

Schon die ukrainischen Kosaken sollen Verräter gewesen sein

Die Bücher für die Schulklassen fünf bis sieben sind jeweils rund 500 Seiten stark. Die Autoren verwenden große Mühe darauf, jegliche Bezeichnung der Ukrainer als eigenständiges Volk oder Nation zu vermeiden. Es wird stattdessen behauptet, in der polnisch-litauischen Union seien die von "orthodoxen Ruthenen bewohnte Gebiete" verächtlich als Ukraine bezeichnet worden. Das habe so viel wie "Randgebiet" bedeutet. Sie seien als eine Art "sprechendes Vieh" wahrgenommen worden.

Die Saporoger Kosaken aus der ukrainischen Region Saporischschja seien Verräter im Dienste westlicher Staaten gewesen, während die Donkosaken im heutigen Gebiet Russlands stets den "traditionellen russischen spirituellen und moralischen Werten" treu geblieben seien. Die "ukrainischen Nationalisten", die dann im 20. Jahrhundert wie aus dem Nichts und ohne jegliche Erklärung im Buch auftauchen, hätten sich dann den Holodomor selbst ausgedacht. Der Holocaust wird dagegen mit keinem Wort erwähnt. Die nicht näher erläuterten Nationalisten hätten sich in der Zeit der Nazi-Besatzung im Zweiten Weltkrieg am "Genozid gegen das sowjetische Volk" beteiligt. Als Teil der Hilfspolizei seien sie besonders wild gewesen.

Obwohl die kommunistische Führung der Ukrainischen Sowjetrepublik versucht habe, die ukrainischen Sprache und Kultur zu verbreiten, seien der Osten und der Süden Orte russischer Kultur gewesen. Ukrainische Theater seien geschlossen worden, weil diese von niemandem besucht worden seien. Noch abenteuerlicher wird die Unabhängigkeit der Ukraine dargestellt. Dass es ein Referendum darüber gab, bei dem alle Regionen inklusive der Krim der Unabhängigkeit zustimmten, wird im Text mit keinem Wort erwähnt. "Die Sowjetunion hörte gegen den Willen der Völker auf zu existieren", fantasieren die Autoren stattdessen.

Angebliche "Nazis" in Kiew

Vom Beginn der Unabhängigkeit an hätten die ukrainischen Machthaber die russische Bevölkerung der Regionen zu "Bürgern zweiter Klasse" degradiert. Insbesondere die östlichen Gebiete hätten schon Anfang der 1990er Jahre nach Unabhängigkeit gestrebt - eine Behauptung, die nichts mit der tatsächlichen Situation der damaligen Zeit zu tun hat. Durch den Druck aus Kiew sei aber die Anzahl der Russischsprachigen und der russisch-orthodoxen Christen nur noch gestiegen. Letztlich seien 2014 "empörte Bürger" nach dem "Staatsstreich" in Kiew "zu Recht" auf die Straße gegangen, um sich gegen die angeblichen Nationalisten in der Hauptstadt zu wehren. Dafür seien sie massiv gefoltert, getötet und "ohne Gerichtsverfahren oder Untersuchung" inhaftiert worden, wird in dem Buch behauptet. Schließlich habe Kiew Truppen gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt und damit quasi das wahre Gesicht gezeigt.

Entsprechend erwartbar wird auch die russische Vollinvasion vom Februar 2022 erklärt. Kiew habe angestrebt, die Gebiete Donezk und Luhansk militärisch unter eigene Kontrolle zu bringen, was Russland mit der "militärischen Spezialoperation" verhindert habe. Die "Nazis" in Kiew wollten zudem den Autoren zufolge der NATO beitreten, um Verbündete im Krieg gegen Russland zu haben. Es wird auch vom angeblichen Wunsch der Ukraine berichtet, eigene Atomwaffen zu entwickeln.

Keine dieser Behauptungen ist neu. Doch erstmals sollen bereits Kinder zwischen 10 und 13 Jahren mit diesen konfrontiert werden, die sonst überhaupt erst damit angefangen hätten, Geschichte als eigenes Fach zu lernen. "Das Publikum für Moskaus antiukrainische Propaganda im besetzten Gebiet wird immer jünger und die Propaganda wird immer totaler", urteilt das renommierte Magazin "NV", welches den Text der Lehrbücher im Detail unter die Lupe nahm.

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