The Daily Newsstand · Free, Always
Sunday, November 8, 2026

Viele Gebäude weiterhin ohne Elementarschadenversicherung

Translate
Nach starken Regenfällen steht diese Wohnung unter Wasser.

Kein Schutz gegen Elementarschäden Viele Gebäude sind nicht ausreichend versichert

Stand: 08.11.2026 • 16:28 Uhr

Immer häufiger führen Starkregen und Überschwemmungen zu teuren Schäden an Häusern. Nur gut die Hälfte der Gebäude in Deutschland sind gegen solche Folgen abgesichert. Experten sehen Handlungsbedarf.

Katharina Wilhelm

Der kleine Grumbach im osthessischen Dirlos im Landkreis Fulda wirkt harmlos. Doch bei Starkregen wird aus dem Rinnsal ein Problem für die Anwohner in der Senke, durch die sich der Bach schlängelt: 2013 und 2018 gab es hier Hochwasser mit hohen Schäden.

Anwohnerin Jutta Schäfer sagt, ihr bereite "der Klimawandel Sorgen". Denn sie rechnet mit mehr Starkregen und dann auch mit mehr Überschwemmungen in den nächsten Jahren. Heute würde man in der Aue nicht mehr bauen, sagt Bürgermeister Timo Zentgraf. Die Menschen umzusiedeln, sei jedoch keine Option.

Hunderttausende Gebäude gefährdet

Dirlos ist nur ein Beispiel von vielen. Rund 400.000 Wohngebäude in Deutschland stehen in Gebieten mit hohem Überschwemmungsrisiko. Betroffen sind nicht nur Häuser an Flüssen und Seen. Auch Starkregen kann Gebäude weit entfernt von Gewässern treffen, wenn große Wassermengen nicht schnell genug abfließen können.

"Starkregen kann auch dort auftreten, wo kein Fluss in der Nähe ist", sagt Anja Käfer-Rohrbach, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Mit der fortschreitenden Erderwärmung rechnen Fachleute damit, dass Starkregen und Hochwasser künftig häufiger auftreten. Entsprechend wächst das Risiko für Gebäudeschäden.

Versicherungsschutz bleibt lückenhaft

Eigentümer können sich mit einer Elementarschadenversicherung gegen solche Risiken absichern. Sie ergänzt die Wohngebäudeversicherung um Schutz vor Naturgefahren wie Überschwemmungen oder Starkregen. Nach Angaben der Versicherungswirtschaft verfügen derzeit rund 57 Prozent der Gebäude über einen solchen Schutz.

Während Elementarversicherungen bei Neubauten oft selbstverständlich sind, stagniert die Versicherungsquote bei Bestandsgebäuden. Nach Naturkatastrophen wie der Flut im Ahrtal 2021 steigt das Interesse an entsprechenden Policen regelmäßig. Der Effekt halte jedoch meist nicht lange an. Mit zunehmendem Abstand zu den Ereignissen sinke das Risikobewusstsein vieler Eigentümer wieder. Käfer-Rohrbach spricht von einer "Katastrophendemenz".

Seit Jahren wird über eine Pflichtversicherung für Elementarschäden diskutiert. Eine zentrale Frage lautet, ob die Versicherungsbranche die wachsenden Risiken dauerhaft tragen kann. Der Frankfurter Wirtschaftswissenschaftler Hartmut Nickel-Waninger kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass dies grundsätzlich möglich ist. Es gebe genügend Rückversicherer, an die die Risiken weitergegeben werden könnten.

Blick in die USA zeigt Risiken

International gibt es jedoch Beispiele dafür, dass Versicherbarkeit an Grenzen stoßen kann. Im US-Bundesstaat Kalifornien haben sich nach schweren Waldbränden einzelne Versicherer teilweise aus besonders gefährdeten Regionen zurückgezogen. Hintergrund sind gestiegene Schäden und höhere Kosten für Rückversicherungen. Auch andere Bundesstaaten wie Colorado oder Florida sind betroffen.

Mitte August warnte eine Gruppe anonymer Brancheninsider in einem offenen Brief vor einem Szenario, in dem immer weniger Gebäude versicherbar sein könnten. Versicherer gingen dabei in drei Schritten vor: Zunächst würden Beiträge erhöht, dann Risiken wie Brandschäden ausgeschlossen und schließlich ganz zurückgezogen. Dies könne auch Folgen für den Finanzsektor haben.

Wie stark Extremwetter künftig zunimmt, hängt in hohem Maße vom Klimaschutz ab. Das UN-Umweltprogramm UNEP warnt, dass jedes zusätzliche Zehntelgrad Erwärmung über 1,5 Grad hinaus die Risiken erhöht. Derzeit steuere die Welt auf eine 2,8-Grad-Erhöhung zu.

Warnen und schützen

Außer auf Klimaschutz setzen Experten auf Prävention. Gebäude müssten besser gegen Starkregen und Hochwasser geschützt und Neubauten klimaresilienter geplant werden. Zudem sollte möglichst nicht mehr in bekannten Risikogebieten gebaut werden. Noch immer entstehen nach Angaben des GDV jährlich etwa 1.000 bis 1.500 Neubauten in amtlich ausgewiesenen Hochwasserzonen.

Im Landkreis Fulda gibt es inzwischen mehr als 180 Sensoren an Brücken und auf Dächern, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz vor Starkregen und Hochwasser warnen. Anwohner und Feuerwehr können dadurch schneller reagieren und Schutzmaßnahmen ergreifen. Die Investition ist kostspielig, könnte sich angesichts zunehmender Extremwetterereignisse jedoch auszahlen.

View the original on Tagesschau →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.